Jahresrückblick Johanniter-Hilfsmobil Augsburg
Ein Team, das zuhört, versorgt und Vertrauen schafft
Seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres ist das Johanniter-Hilfsmobil regelmäßig in den Augsburger Straßen unterwegs. Unter der Leitung von Marc Kannengießer bringt der auffällige Bus medizinische Hilfe genau dorthin, wo sie dringend gebraucht wird, nämlich zu wohnungslosen und hilfsbedürftigen Menschen, die oft keinen Zugang mehr zum regulären Gesundheitssystem haben. Ein Jahr nach dem Start zeigt sich deutlich, wie wichtig dieses Angebot für die Stadt geworden ist – fachlich, menschlich und als fester Bestandteil des sozialen Netzwerks Augsburgs.
„Viele der Menschen, die zu uns kommen, haben den Mut oder den Glauben an Hilfe verloren“, beschreibt Marc Kannengießer die Situation. „Umso wichtiger ist es, dass wir ein Ort sind, an dem sie einfach willkommen sind, ohne Hürden, ohne Misstrauen.“
Komplett spendenfinanziert und für die Betroffenen kostenfrei
Das Hilfsmobil konnte dank einer Spende des Johanniterordens angeschafft werden. Doch nicht nur das Fahrzeug selbst, sondern das gesamte Angebot ist vollständig spendenfinanziert, von medizinischem Verbrauchsmaterial über Treibstoff bis hin zur Wartung und Ausstattung. Für die Patientinnen und Patienten entstehen keinerlei Kosten.
Dank großzügiger Unterstützung konnte der Bus mit hochmodernem medizinischem Equipment ausgestattet werden. Der Schwerpunkt liegt auf der professionellen Wundversorgung. Gerade unter den Lebensbedingungen auf der Straße stellen Wunden ein enormes gesundheitliches Risiko dar. Kälte, Feuchtigkeit, mangelnde hygienische Möglichkeiten, Suchterkrankungen und ungesunde Ernährung führen dazu, dass selbst kleine Verletzungen schlecht oder gar nicht heilen. „Was im normalen Alltag eine überschaubare Verletzung wäre, kann auf der Straße schnell chronisch oder lebensbedrohlich werden“, erklärt Kannengießer.
Niedrigschwellig, anonym, vertrauensvoll
Ein zentrales Prinzip des Hilfsmobils ist der niedrigschwellige Zugang. Die Menschen können einfach in den Bus kommen, auf Wunsch auch vollkommen anonym und ohne Angabe persönlicher Daten. Dieses Angebot hat sich bewährt. Inzwischen ist das Hilfsmobil für viele zu einem vertrauten Ort geworden – einem Raum, in dem sie ernst genommen und respektvoll behandelt werden.
Das spiegeln auch die Rückmeldungen der Patientinnen und Patienten wider. „Schön, dass ihr da seid und euch um die Wunden kümmert!“, sagt einer von ihnen. Ein anderer scherzt: „Wenn meine ehemaligen Kollegen aus Spanien kommen, besorge ich euch Orangen!“ Und manchmal öffnen sich sogar neue Perspektiven: „Kann ich bei euch mitmachen, wenn ich von der Therapie zurückkomme und fit bin?“
Ehrenamt mit Herz und Fachwissen
Gestartet ist das Projekt mit acht Ehrenamtlichen. Innerhalb eines Jahres ist das Team auf über 20 engagierte Menschen angewachsen. Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern und bringen vielfältige Kompetenzen ein: von Helferinnen und Helfern ohne spezielle Qualifikation über Gesundheits- und Krankenpfleger*innen, Sozialpädagogen und Notfallsanitätern, Wundexperten bis hin zu Ärzten und Fachärzten. Diese Mischung ermöglicht eine umfassende medizinische und menschliche Betreuung.
Das Hilfsmobil ist an mehreren Tagen pro Woche im Einsatz und damit eine verlässliche Anlaufstelle im Stadtgebiet. In der Regel finden Einsätze montags, dienstags und donnerstags jeweils für zwei Stunden statt, mittwochs alle zwei Wochen für vier Stunden. Pro Einsatz engagieren sich durchschnittlich zwei Ehrenamtliche. So kommen rund 16 ehrenamtliche Stunden pro Woche zusammen, etwa 64 Stunden pro Monat und insgesamt rund 3.300 Stunden freiwillige Arbeit pro Jahr. Das ist Zeit, die vollständig den hilfsbedürftigen Menschen zugutekommt.
Zahlen, Daten, Fakten
Im ersten Jahr wurden rund 500 Einzelkontakte dokumentiert, verteilt auf etwa 150 Patientinnen und Patienten. Besonders herausfordernd war die Betreuung von rund 20 Menschen mit schweren chronischen Wunden, bei denen ein einzelner Behandlungstermin häufig mehr als 30 Minuten dauerte. Je nach Art und Schwere der Verletzung variiert dabei auch der materielle und zeitliche Aufwand erheblich: Während kleinere Schnittwunden oft einmalig innerhalb weniger Minuten mit Materialkosten von unter zwei Euro versorgt werden können, erfordert eine regelmäßige Basis-Wundversorgung bereits deutlich mehr Zeit und Materialien. Die Behandlung infektiöser Wunden ist besonders aufwendig und kann pro Termin Materialkosten von rund 100 Euro verursachen. Über das Jahr hinweg belaufen sich die durchschnittlichen Gesamtkosten für die medizinische Versorgung eines Betroffenen auf etwa 200 Euro. Diese Kosten werden vollständig durch Spenden getragen.
Ein großer medizinischer Erfolg war zum Beispiel die vollständige Heilung einer schweren Wunde nach großflächiger Keimbelastung. Nach einem Nahtbruch war das Bein vom Knöchel bis zum Knie infiziert. Durch konsequente, regelmäßige Behandlung im Hilfsmobil konnte die Wunde nach rund viereinhalb Monaten vollständig geschlossen werden. „Solche Erfolge zeigen, was möglich ist, wenn kontinuierliche Versorgung auch unter schwierigen Bedingungen gelingt“, so Kannengießer.
Doch nicht jede Geschichte endet gut. Die Patientin, mit der dieser große Behandlungserfolg gefeiert werden konnte, verstarb gegen Ende des Jahres an den Folgen ihrer Suchterkrankung. „Das sind Momente, die uns sehr nahegehen“, sagt Kannengießer. „Sie machen aber auch deutlich, wie wichtig unsere Arbeit ist und wie fragil viele dieser Lebenswege sind.“
Stark vernetzt in Augsburg
Das Johanniter-Hilfsmobil ist heute fest in das Augsburger Hilfenetzwerk eingebunden. Zu den wichtigsten Partnern zählen Master Care sowie die Stadt Augsburg, insbesondere die Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe. Ein besonderes Highlight des Jahres war die gemeinsame Shelterbag-Aktion mit der Shelterbag Foundation und der Drogenhilfe Schwaben, bei der praktische Hilfe und starke Kooperation eindrucksvoll zusammenkamen.
Blick nach vorn: Wunschliste für 2026
Für das kommende Jahr haben die Johanniter klare Ziele. Ein zentrales Anliegen sind Sponsoren für die sogenannten Johanniter-Straßenrezepte. In vielen Fällen sind dringend benötigte Medikamente für die Patientinnen und Patienten kaum verfügbar, da sie häufig nicht krankenversichert sind. Gemeinsam mit engagierten Ärztinnen und Apotheken wird derzeit an einem Konzept gearbeitet, um auch rezeptpflichtige und teure Medikamente über Spenden finanzieren zu können.
„Gesundheit darf keine Frage von Versicherungsstatus oder Lebenslage sein“, betont Kannengießer. „Hier möchten wir 2026 einen wichtigen Schritt weitergehen.“
Mitmachen, unterstützen, vorbeischauen
Nach einem Jahr steht fest, dass das Johanniter-Hilfsmobil mehr ist als ein Bus. Es ist ein Ort der medizinischen Hilfe, des Vertrauens und der Menschlichkeit. Wer mehr über das Projekt erfahren, sich ehrenamtlich engagieren, spenden oder einfach einmal vorbeischauen
möchte, findet alle Informationen unter www.johanniter.de/hilfsmobil-augsburg-spenden