Wenn Hilfe nicht bei einem Pflaster endet
Johanniter-Hilfsmobil in Augsburg ermöglicht mit den „Johanniter-Straßenrezepten“ jetzt auch kostenlose Medikamente für Menschen ohne Krankenversicherungsschutz
Foto: Daniel Maier
Seit Juni 2024 ist das Johanniter-Hilfsmobil in Augsburg unterwegs. Es fährt dorthin, wo medizinische Hilfe dringend gebraucht wird: zu Menschen, die wohnungs- oder obdachlos sind. Was mit der Idee begann, medizinische Erstversorgung niedrigschwellig und ohne große Hürden anzubieten, ist inzwischen zu einem wichtigen Netzwerk geworden. Denn schnell wurde deutlich, dass ein Pflaster, die Versorgung einer Wunde oder ein medizinischer Rat wichtig sind, doch manchmal reicht das nicht. Manche Menschen brauchen dringend Medikamente, können sich diese aber nicht leisten oder haben keinen gesicherten Zugang zur regulären medizinischen Versorgung.
Genau hier setzen die neuen „Johanniter-Straßenrezepte“ an. Sie ermöglichen Menschen ohne oder mit unsicherem Krankenversicherungsschutz in Augsburg einen unkomplizierten und kostenfreien Zugang zu notwendigen Medikamenten. Ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte untersuchen und beraten die Patientinnen und Patienten direkt am Hilfsmobil. Wenn eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, können sie ein Privatrezept ausstellen. Dieses kann bei Apotheken in Augsburg eingelöst werden. Die Kosten für die Medikamente übernimmt das Projekt und wird über die Johanniter abgewickelt.
Wenn medizinische Hilfe allein nicht genügt
„Wir haben schnell gemerkt, dass unsere Hilfe nicht bei der medizinischen Erstversorgung aufhören darf“, sagt Marc Kannengießer, Leiter des Johanniter-Hilfsmobils Augsburg. „Wenn jemand ein Medikament benötigt, aber keine Möglichkeit hat, es zu bezahlen oder keinen Zugang zur regulären Versorgung hat, dann müssen wir gemeinsam nach einer Lösung suchen.“
Aus diesem Gedanken ist ein Angebot entstanden, das weit über die reine Medikamentenversorgung hinausgeht. Die Johanniter haben sich gemeinsam mit ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzten, Apotheken in Augsburg, Behörden, Antragsstellen und weiteren Unterstützern auf den Weg gemacht, Lösungen zu finden. Jeder einzelne Beitrag ist dabei wichtig. Denn für Menschen in Wohnungslosigkeit oder in besonders prekären Lebenssituationen können selbst scheinbar kleine Hürden zu einem unüberwindbaren Hindernis werden.
Ein Ort, an dem Vertrauen wachsen kann
Das Johanniter-Hilfsmobil ist deshalb weit mehr als ein Fahrzeug mit medizinischer Ausstattung. Es ist ein Ort der Begegnung. Ein Ort, an dem Menschen angenommen werden, ohne dass zuerst nach einer Versicherungskarte, einer festen Adresse oder den persönlichen Lebensumständen gefragt wird. Die Hilfe ist niedrigschwellig, kostenlos und auf Augenhöhe.
„Vertrauen aufzubauen, ist ein ganz entscheidender Teil unserer Arbeit“, erklärt Kannengießer. „Wir wollen den Menschen zeigen, dass sie mit ihren gesundheitlichen Problemen nicht allein sind und dass wir gemeinsam nach einem Weg suchen können.“
Gerade dieses Vertrauen schafft häufig erst die Grundlage dafür, weitere notwendige Schritte zu gehen. Eine medizinische Untersuchung kann der Anfang sein, um eine chronische Erkrankung wieder behandeln zu lassen. Ein benötigtes Medikament kann verhindern, dass sich Beschwerden weiter verschlimmern. Und ein vertrauensvolles Gespräch kann dazu führen, dass gemeinsam mit den Betroffenen weitere Hilfsangebote erschlossen werden.
Ein Rezept kann ein weiterer wichtiger Schritt sein
Die Johanniter-Straßenrezepte richten sich insbesondere an Menschen, die nicht krankenversichert sind oder deren Versicherungsstatus unklar oder unsicher ist. Auch Menschen in Wohnungslosigkeit und Menschen in prekären Lebenslagen können das Angebot in Anspruch nehmen.
Nach einer medizinischen Untersuchung und Beratung durch die ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzte wird entschieden, welche Behandlung medizinisch notwendig ist. Je nach Erkrankung können unter anderem Antibiotika, Antiallergika oder weitere notwendige Medikamente verordnet werden. Welche Arzneimittel im Einzelfall übernommen werden können, entscheiden die behandelnden Ärztinnen und Ärzte im Rahmen der medizinischen Möglichkeiten und Sinnhaftigkeit.
Der Zugang bleibt dabei bewusst unkompliziert. Wer das Hilfsmobil aufsucht, erhält zunächst eine medizinische Einschätzung. Wird ein Medikament benötigt, kann das entsprechende Privatrezept bei einer Apotheke eingelöst werden. Die Kosten übernimmt das Projekt. So soll verhindert werden, dass eine fehlende Krankenversicherung oder fehlendes Geld dazu führt, dass notwendige Medikamente nicht eingenommen werden können.
25.000 Euro für konkrete Hilfe
Unterstützt wird das Projekt der Straßenrezepte von der St. Vinzenz von Paul Stiftung Augsburg. Mit einer Förderung von 25.000 Euro trägt die Stiftung dazu bei, dass die Deckung der Kosten für die Medikamente zunächst gesichert ist und an den Start gehen kann.
„Hilfe möglich machen –uns ist es ein Anliegen, dass vor allem den bedürftigen Menschen geholfen werden kann, denen andere Hilfsangebote nicht zugänglich sind“, sagt Artur Koenig, Stiftungsvorstand der St. Vinzenz von Paul Stiftung. „Wir fördern dieses Projekt, da es Menschen in Augsburg niedrigschwellig erreicht und ganz praktische Hilfe für ihren Alltag leistet.“
Für die Johanniter ist die Förderung ein wichtiger Baustein. Gleichzeitig ist klar: Damit die Johanniter-Straßenrezepte langfristig bestehen und möglichst vielen Menschen zugutekommen können, braucht es auch künftig Unterstützung und Spenden.
„Dass wir dieses Angebot gemeinsam aufbauen konnten, ist eine großartige Leistung vieler Menschen“, sagt Marc Kannengießer. „Wir erleben jeden Tag, wie wichtig es ist, einfach da zu sein, zuzuhören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“
Damit Hilfe auch morgen noch möglich ist
Mit den Johanniter-Straßenrezepten geht das Hilfsmobil einen weiteren wichtigen Schritt. Aus medizinischer Erstversorgung wird weiterführende Unterstützung, aus einem Rezept kann ein wichtiger Schritt hin zu gesundheitlicher Stabilität werden. Vor allem aber zeigt das Projekt, was möglich ist, wenn viele Menschen und Institutionen gemeinsam an einer Sache arbeiten.
Die Johanniter möchten diesen Weg weitergehen und das Angebot langfristig sichern. Dafür sind sie auf Spenden und Unterstützung angewiesen.
Denn manchmal beginnt Hilfe mit einem Pflaster. Manchmal mit einem Medikament. Und manchmal einfach mit einem Menschen, der zuhört und sagt: „Wir finden gemeinsam eine Lösung.“
Weitere Informationen zum Johanniter-Hilfsmobil und zu Möglichkeiten der Unterstützung gibt es unter www.johanniter.de/augsburg/hilfsmobil