Nach-gedacht: „Geh aus, mein Herz“ - Lebensfreude als geistig-geistliche Kraftquelle
Liebe Johanniterinnen und Johanniter!
„Wer die Schönheit der Erde anschaut, findet Kraftreserven,
die so lange anhalten, wie das Leben.“
Die Meeresbiologin Rachel Carson beschreibt in ihrem Buch „Magie des Staunens. Die Liebe zur Natur entdecken“ das Staunen über die Schönheit der Schöpfung als eine Kraftquelle des Lebens. Wer sich von ihr berühren lässt, gewinnt Hoffnung und neue Zuversicht. Dieser Gedanke führt für mich unmittelbar zu Paul Gerhardts Sommerlied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“, das bis heute zu den schönsten geistlichen Liedern gehört.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt seiner Entstehung. Paul Gerhardt schrieb diese Zeilen 1653 - nur wenige Jahre nach dem Ende des verheerenden Dreißigjährigen Krieges. Nach Jahrzehnten voller Gewalt, Hunger, Krankheit und Tod besingt er nicht das Leid, nicht die Dunkelheit, sondern die Schönheit, das Licht, das er dennoch in der Schöpfung erblickte und die darin sich auftuende Freude am Leben. Das ist keine Verdrängung der Lebenswirklichkeit, sondern ein tiefes Bekenntnis zur Glaubenswirklichkeit, die ihren Platz haben will in dieser Welt: Gerade in den dunkelsten Zeiten bleibt Gottes Schöpfung ein Ort der Hoffnung.
„Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben, schau an der schönen Gärten Zier und siehe,
wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“
Diese Botschaft hat bis heute nichts von ihrer Kraft verloren.
Pflegende kennen die Zerbrechlichkeit des Lebens wie kaum eine andere Berufsgruppe. Sie begleiten Menschen durch Krankheit, Schmerzen, Ängste und oft auch durch tiefgreifende Lebenskrisen. Gleichzeitg erleben sie selbst hohe Verantwortung, Zeitdruck und die Grenzen der eigenen Kräfte.
Gerade deshalb ist Paul Gerhardts Lied weit mehr als ein Sommerlied. Es erinnert daran, dass Lebensfreude kein Luxus ist, sondern eine Kraftquelle. Wer sich noch freuen kann, gewinnt neue Energie für die Aufgaben im „Dienst an den Herren Kranken“. Wer Schönheit wahrnimmt, verliert den Menschen nicht aus dem Blick. Wer staunen kann, bleibt innerlich lebendig.
Lebensfreude gehört deshalb zu den
verborgenen Quellen guter Pflege.
Paul Gerhardt deutete diese Augenblicke als „Gaben Gottes“. Aus dem Staunen wächst Dankbarkeit. Aus der Dankbarkeit wächst Vertrauen. Und aus dem Vertrauen erwächst die Gelassenheit, die Menschen in helfenden Berufen trägt.
Für die Johanniter-Schwesternschaft gehört diese Haltung zum Selbstverständnis ihres Dienstes. Pflege lebt nicht allein aus fachlicher Kompetenz. Sie lebt ebenso aus einer Hoffnung, die tiefer reicht als das Sichtbare. Der Dienst an den kranken Menschen schöpft seine Kraft aus dem Vertrauen auf Gott - dem Gebet des Lebens. Hannah Arendt hat dies in finsteren Zeiten so zum Ausdruck gebracht: „Es gibt immer Hoffnung auf einen neuen Tag.“
Vielleicht ist der Sommer deshalb mehr als nur eine Jahreszeit. Er ist eine Einladung, die Seele neu auszurichten: auf das Gute, das Schöne und das Tragende, das Gott uns auch in herausfordernden Zeiten schenkt. So bleibt Paul Gerhardts Lied eine Ermutigung für den Alltag.
Liebe Johanniterinnen und Johanniter!
Geh aus. Öffne dein Herz. Suche die Freude. Bewahre das Staunen.
Denn Lebensfreude ist keine Flucht vor der Wirklichkeit -
Sie ist eine Frucht des Glaubens und eine Kraftquelle
für den Dienst am Menschen: Aus Liebe zum Leben.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine mit Freude gesegnete Sommerzeit, damit Körper, Seele und Geist sich erholen können und die Lebensfreude ins Herz fließen kann.
Übrigens: 314 Jahre später, 1967 wurde ein anderer wunderbarer Text geschrieben: „What a Wonderful World“.Wer sieht und hört bei diesen Worten nicht Louis Armstrongs Pausbacken beim Blasen der Trompete und seine so einzigartige Stimme, die seiner Lebensfreude so beeindruckend Ausdruck verliehen hat; auch in einer dunklen Zeit.
Bernd Kollmetz
Pastor i.R. und Seelsorger i.D.
Artikel [19643]