nach-gedacht: Wenn der Glaube sprechen lernt
Theologie als Grammatik des Johanniterseins - Spiritualität im Pflegealltag
Liebe Johanniterinnen und Johanniter,
heute lade ich herzlich zu einer Gedankenreise ein, die der Frage nachgeht:
„Wie könnte der Glaube in unserem Alltag Gehör finden?“
Ein ganz gewöhnlicher Morgen
Kurz nach sieben. Frühdienst. Medikamente, Blutdruck, Waschen, Anziehen, Frühstück. Im Flur klingelt schon wieder jemand.
Bei Frau Weber dauert es heute länger. Sie sitzt auf der Bettkante. „Ich kann heute nicht“, sagt sie. “Heute wäre der Geburtstag meines Mannes.“ Die Pflegekraft weiß, dass ihr Mann gestorben ist. Sie schaut kurz auf die Uhr. Dann setzt sie sich zu ihr. „Er fehlt ihnen heute besonders?“ Frau Weber nickt.
Die Arbeit geht weiter. Aber für einen Augenblick ist aus der Patientin wieder Frau Weber geworden - ein Mensch mit einer Geschichte.
Vielleicht beginnt Spiritualität genau hier: in der Art, wie wir einen Menschen sehen, während wir etwas für sie tun.
Eine Grammatik des Lebens
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat dafür einen ungewöhnlichen Ausdruck geprägt: „Theologie als Grammatik“.
Eine Grammatik hilft uns, eine Sprache zu gebrauchen, zu erlernen, sodass etwas verständlich wird. Auch der Glaube gibt unserem Leben eine Sprache. Er hilft uns, Krankheit nicht nur als als Diagnose zu sehen, einen Menschen nicht nur als Patienten und eine Grenze nicht nur als Scheitern.
Theologie als Grammatik heißt: Der Glaube gibt unserem Leben eine Sprache, in der wir Wirklichkeit verstehen und gestalten können.
Denn: Der christliche Glaube bleibt nicht bei Worten.
„Damit ihr tut, wie ich euch getan habe“
In der Mitte des Glaubens steht Jesus Christus und seine Weise, Menschen zu begegnen. Er sieht den Menschen, hört zu, bleibt bei denen, die andere übersehen. Und er sagt:
„Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ (Joh 13,15)
Jesus sagt diesen Satz, nachdem er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Er macht sich klein, wendet sich dem anderen zu und übernimmt den Dienst. Darin liegt eine einfache, aber anspruchsvolle Bewegung: Was Jesus vorlebt, soll im eigenen Tun Gestalt gewinnen.
Für den johanniterlichen Alltag bedeutet das: Wir sehen nicht nur den Pflegebedarf, sondern den Menschen, der uns begegnet. Wir hören nicht nur auf Worte, sondern auch auf das, was zwischen den Worten liegt, eventuell die ganze Geschichte dieses Menschen, dem ich gerade begegne. Und wir fragen nicht allein : „Was muss getan werden?“, sondern auch: „Was braucht dieser Mensch jetzt von mir?“
Vom Papier ins Herz
„Dienst an den Herren Kranken“ ist deshalb mehr als eine historische Formel. Er bescheibt eine Haltung: Der Mensch vor uns ist nicht zuerst ein Fall, eine Diagnose oder ein Pflegebedarf: Er ist ein Mensch, dem wir uns zuwenden.
Und das zeigt sich in kleinen, in vielleicht unscheinbaren Dingen, für die wir nicht die nötige Aufmerksamkeit mehr aufbringen können, da keine Zeit dafür ist: im Namen, den wir nennen; im Blick, den wir schenken; in einem Zuhören, das nicht sofort weiterwill; in einem Wort, das Hoffnung nicht verspricht, aber Möglichkeiten offenhält. Der Theologe Hartmut von Sass sagt: „Wer hofft, ist außer sich.“ Hoffnung bedeutet nicht, die Wirklichkeit schönzureden, „es wird schon wieder“. Nein, sie nimmt Krankheit, Verlust und Grenzen ernst - und fragt dennoch: Was ist jetzt möglich? Was kann noch gut werden? Wer braucht mich? So tritt die Hoffnung heraus aus der vom Leben gezogenen Grenze. Sie wagt, aus dieser Grenze des Lebens herauszutreten, hinein in den Horizont des Möglichen.
So wird Jesu Beispiel zur gelebten Grammatik des Johannitersein: sehen, zuhören, sich zuwenden, dienen. Nicht als zusätzliche Aufgabe neben der Pflege, sondern als Haltung, aus der Pflege geschieht.
Der Glaube wird dort glaubwürdig, wo er dem Menschen dient.
Wo aus dem Blick Zuwendung wird, aus dem Wort Nähe und aus
der Haltung konkrete Hilfe wird. Dort wird aus der Theologie
gelebtes Johannitersein -
vom Papier ins Herzn und vom Herzen in die Tat.
Nicht verstanden als zusätzlicher Anspruch, sondern als Zuspruch für mich: denn unser Glaube lebt von dem Gott, der mir selbst in dieser Haltung bereits begegnet ist: in Jesus Christus.
So wird aus der Grammatik des Glaubens eine Grammatik des Lebens. Sie entscheidet mit darüber, wie wir Menschen sehen, wie wir ihnen begegnen und was wir ihnen zutrauen. Vielleicht lohnt es sich, genau dort für einen Moment innzuhalten:
Wie sehe ich den Menschen, der mir anvertraut ist - und wer wird er für mich durch meinen Blick?
Was wird aus meinem Glauben, wenn er im Alltag wirklich Gestalt annimmt?
Liebe Johanniterinnen und Johanniter,
haben Sie Mut, Ihre eigene Antwort auf diese Fragen zu finden und Leben einzuhauchen und somit zur Sprache zu bringen:mit Ihren eigenen Worten, eine Stimme zu geben. Vielleicht liegt gerade darin die Kraft des Johanniterseins. Zumindest könnte es so sein.
Ihr Bernd Kollmetz
Pastor i.R. und Seelsorger i.D.