Leseratten

Das Vorlese-Projekt der Johanniter-Kindereinrichtungen in Oberbayern unterstützt von der Deutschen Postcode Lotterie und dem Johanniter Orden.

In der Literacy-Forschung geht man davon aus, dass Kinder, lange bevor sie lesen und schreiben können, Erfahrungen mit verschiedenen Erscheinungsformen der Lese-, Erzähl-, und Schriftkultur machen.

„Die Johanniter Leseratten“ helfen Kindern sich besser in ihrer Sprachkompetenz, im Lesen und im Schreiben zu entwickeln. Mit der Schlüsselfigur „Leseratte“ wird umfassend Einfluss auf den Spracherwerb, die Sprachkompetenz und den Umgang mit Sprache genommen. So nimmt die schrullige Handpuppe aktuelle Themen im Alltag der Kinder auf. Ist es kalt, trägt die Leseratte einen Schal, sie feiert auch Geburtstag und freut sich auf die Projekte in der Kindereinrichtung, wie die Kinder auch.

Bei dem Vorlese-Projekt werden altersgerechte Geschichten aus spannenden Kinderbüchern vorgetragen und damit die Kompetenzen rund um Buch-, Erzähl-, Reim- und Schriftkultur geschult. Als Spannungslöser kommen die lustigen, eigensinnigen, etwas schrulligen Leseratten-Handpuppen zum Einsatz.

Kinder aus sozial schwachen Familien oder mit Migrationshintergrund sind leider im deutschen Bildungssystem benachteiligt und haben weniger Chancen auf einen guten Abschluss. Sprachwissenschaftler empfehlen daher dringend die Förderung des Sprachvermögens mit einer umfassenden Literacy-Erziehung, denn Kinder mit Literacy-Erfahrungen entwickeln sich nachweislich besser in ihrer Sprachkompetenz, im Lesen und im Schreiben.

Das Vorlese-Projekt fördert explizit Kinder mit Migrationshintergrund, um ihnen gleiche Chancen für den Schuleinstieg zu bieten.

Vier Fragen an unsere Kindereinrichtungsleitung in Eching-Dietersheim: Svenja Gruse

Was macht Euch bei der Arbeit mit den "Leseratten" am meisten Spaß?
Für uns ist der vielfältige Einsatz der „Leseratte“ eine große Bereicherung. Die Leseratte in unserer Einrichtung hat den Namen „Erna“ erhalten und Erna bringt oft neue Ideen, Materialien oder sogar Besuche mit. Erna begleitet das Kamishibai (Erzähltheater), bringt neue Bilderbücher mit, Bildkarten zur Wortschatzerweiterung, Buchstabenstempel für die Hortkinder und Erna wird sogar manchmal von unserer neu gewonnen Leseoma begleitet. Die leuchtenden Augen und die Freude der Kinder dabei zu erleben ist immer das schönste „Geschenk“, welches man erhalten kann.

Wie läuft das Zusammenspiel mit den Eltern bei den Leseratten?
Unsere Eltern sind über das Projekt informiert und finden es auch hervorragend. Besonders gut kam dabei auch die Leseratte selbst an. Dazu sagt eine Mutter „Die sieht so schrullig aus, dass sie wieder lustig ist.“ Unsere Eltern werden mit Aushängen und Fotos über das Projekt auf dem Laufenden gehalten. Durch die Präsenz von Literacyarbeit ist sogar eine Buch- und Tauschbörse in unserer Einrichtung über den Elternbeirat entstanden.

Was sind Eure Ziele, was wollt Ihr damit erreichen?
Wir möchten mit dem Projekt inhaltlich den Bereich Literacy noch mehr „ausleben“. Es soll ein Foto-Kino für die Krippenkinder geben. Ebenfalls ist ein Bilderbuchkino angedacht. In viele Bildungsbereiche hat das Leseprojekt schon Einfluss. Ziel für unsere Einrichtung ist es den Kindern, durch die „Leseratte“ Freude, Interesse und einen positiven Zugang zum Lesen zu vermitteln.

Was wünscht Ihr Euch in Zukunft für das Projekt "Leseratten"?
Viele Unterstützer! Lesen ist von fundamentaler Bedeutung. Dies erleben wir in der Einrichtung Tag für Tag; sei es im Bereich der Zweisprachigkeit, Migrationshintergrund, Legasthenie oder einfach im Spracherwerb bei den Jüngsten. Lesen ist der Zugang zu Wissen! Und vielleicht wird es bei dem ein oder anderen später zur Leidenschaft!

Vier Fragen an die Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales: Carolina Trautner

Liebe Frau Staatsministerin Trautner, hatten Sie ein Lieblingskinderbuch?
Zum Vorlesen und als Geschichten für Kinder sind für mich die Kinderbücher von Astrid Lindgren klare Favoriten und auch meine eigenen Kinder haben die Geschichten geliebt. Ich habe schwedische Wurzeln und durch die Bücher von Astrid Lindgren war ich als Kind und dann beim Vorlesen gedanklich immer in der Heimat meiner Großeltern unterwegs.

Welche Bedeutung hat das Thema Vorlesen in der frühkindlichen Erziehung?
Auch hier komme ich auf Astrid Lindgren zurück, die es einmal treffend ausgedrückt hat: „Lesen ist ein grenzenloses Abenteuer der Kindheit.“ Dem kann ich aus ganzem Herzen zustimmen. Wenn Kinder lesen oder vorgelesen bekommen, eröffnet sich ihnen ein Zugang zu einer Welt voll spannender Geschichten und Phantasien.

Vorlesen in der Familie schafft zudem ein Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens. Ich erinnere mich sehr gut und gerne, wie neugierig und wissbegierig meine Kinder beim Vorlesen waren, als sie noch klein waren. Diese Momente möchte ich nicht missen. Vorlesen ist aber auch ein Ausgangspunkt für gute Gespräche. Deshalb finde ich, dass Lesen und Vorlesen zu einem glücklichen Kinderalltag unbedingt mit dazu gehören.

In der frühkindlichen Bildung und Erziehung sollte Vorlesen eine Selbstverständlichkeit sein– egal ob zu Hause, in der Kita oder auch in der Schule. Vorlesen und gemeinsames Ansehen von Bilderbüchern leisten einen großen Beitrag zum Erlernen der Sprache, gerade in den ersten Lebensjahren. Kinder lernen damit spielerisch oder haben einfach nur Spaß. Außerdem begeistert man Kinder durch das Vorlesen für das eigene Lesen im späteren Alter. Und nicht zu vergessen: Vorlesen legt einen Grundstein für die Lese- und Schreibkompetenz.

Zu Recht nimmt deshalb die Entwicklung von Literacy – also die vielfältigen Erfahrungen rund um Buch-, Erzähl-, Reim- und Schriftkultur – einen ganz zentralen Stellenwert im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan ein.

Stichwort Digitalisierung: Wird es künftig überhaupt noch "analoges" Lesen geben?
Trotz aller medialer Veränderungen: Ich bin tief davon überzeugt, dass digital analog auch zukünftig nicht ersetzen wird. 

In den bayerischen Kindertageseinrichtungen werden digitale Medien als ergänzende Werkzeuge verstanden, die andere Werkzeuge im Bildungsprozess nicht verdrängen, sondern vielmehr eine zusätzliche Bereicherung des Lernens darstellen. Diese Werkzeuge müssen miteinander verbunden sein und aufeinander verweisen. Eine Gleichberechtigung sehe ich persönlich als den sichersten Weg, um bereits die Jüngsten auf die multimediale Welt bestmöglich vorzubereiten. Im Rahmen eines Modellversuchs, der im Auftrag meines Hauses noch bis Ende 2020 in 100 bayerischen Kindertageseinrichtungen durchgeführt wird, zeigt sich, wie dieses Nebeneinander von digitaler und analoger Welt im Elementarbereich funktionieren kann. Dabei werden auch viele Erfahrungen mit digitalen Büchern, Bilderbuch-Apps und digitalen Bilderbuchbibliotheken gesammelt. Ich bin schon jetzt gespannt, welche weiteren wichtigen Erkenntnisse wir hier für die Praxis gewinnen. Solche Ergebnisse wie aus dem Modellversuch helfen uns, unseren gemeinsamen, anspruchsvollen Weg ein gutes Stück voranzubringen. Denn eines ist klar und mir ganz besonders wichtig: Es muss immer der Mensch – in diesem Fall das Kind – im Mittelpunkt stehen.

Die Johanniter Oberbayern haben das Projekt "Leseratten" gestartet, wie wichtig sind solche Projekte?
Das Projekt der „Johanniter-Leseratten“ ist eine wunderbare Initiative, um für das Vorlesen und Lesen zu begeistern. Die Johanniter helfen damit den Kindern ihre Sprachkompetenz sowie ihr Lesen und Schreiben zu entwickeln. Besonders freut mich, dass durch die „Johanniter-Leseratten“ Kinder aus sozial schwachen Familien und explizit Kinder mit Migrationshintergrund gefördert werden. So sammeln diese Kinder verstärkt Literacy-Erfahrung, was ihnen nachweislich zur besseren Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz verhilft. Ihnen bieten sich damit die gleichen Chancen für den Schuleinstieg. Ich bin den Initiatoren des Vorlese-Projektes sehr dankbar und möchte allen Beteiligten mein herzliches „Vergelt´s Gott“ für ihre engagierte Arbeit aussprechen.

Und weil genau solche Projekte wie die „Leseratten“ so wichtig sind, hat mein Haus eine lange und sehr gute Kooperation mit der Stiftung Lesen. Gemeinsam realisieren wir eine Reihe von Kampagnen und Maßnahme. Ich erinnere mich zum Beispiel gerne an die Kampagne „Lesestart“ und im letzten Jahr die „BücherBadetour“, bei der ich eine Geschichte vorgelesen habe. Auch der kostenlosen Geschichten-Service „einfach vorlesen!“ und der Vorlesekoffer geben schöne Anregungen zum Vorlesen. Die gemeinsamen Projekte fügen sich sehr gut in unser bayerisches Angebot zur Stärkung von Sprache und interkultureller Kompetenz ein. Die aus den Projekten, beispielsweise bei „Vorkurse Deutsch 240“, gewonnenen vielfältigen Anregungen oder die Broschüre „Wortschätze heben! Leselust beflügeln!“ stellen wir Eltern und Fachkräften bereit. Denn Vorlesen und Lesen müssen Teil jeder Kindheit und Jugend sein.

Danke für das Interview!
 


 

Leseratten in Oberbayern

„Die Johanniter Leseratten“ helfen Kindern, sich besser in ihrer Sprachkompetenz, im Lesen und im Schreiben zu entwickeln.