ConQuest of Mythodea: Johanniter leisten Nothilfe rund um die Uhr
Acht Tage Einsatz vom Aufbau bis Abbau, insgesamt rund 50 ehrenamtlich Helfende: So erleben die Einsatzkräfte der Landesberger Johanniter das Live-Rollenspiel auf dem Rittergut Brokeloh.
Die Wiese riesig. In großen, bunten Pulks wirbeln Menschen in Kostümen und flatternde Fahnen umeinander; im Hintergrund dröhnen Trommeln. Den Aufmarsch hunderter Rollenspieler hat eine Gruppe Johanniter fest im Blick; Rettungs- und Notfallsanitäter, dazu eine Notärztin. Sie stehen abseits, ihre Einsatzfahrzeuge sind hinter einem Zaun verborgen. Die Frauen und Männer vom Sanitätsdienst für das weltgrößte LARP-Festival „ConQuest of Mythodea“ bleiben oft im Hintergrund, damit der Spielfluss für die rund 10.000 Teilnehmenden möglichst ungestört läuft. Doch sie sind immer nah am Geschehen. Eine Woche lang, Tag und Nacht.
Rüstung bleibt vor dem Sanitätszelt
Die Frühschicht trifft um 9 Uhr am Einsatzleitwagen der Johanniter gleich neben ihrem Sanitätszelt ein. Am Eingang liegt ein Bündel aus Rüstungsteilen, Kunststoffwaffen und Helmen. „Manchmal muss man die Leute für Untersuchungen aus ihren Rüstungen schälen“, sagt Einsatzleiterin Henrike Knipping. Alles Sperrige muss draußen bleiben. Vor dem Zelt wartet ein Spieler mit blauem Gewand. Er habe gerade einen Mitstreiter zum Sanitätszelt begleitet. „Wir helfen uns untereinander“, sagt er. Der Freund habe über Kreislaufbeschwerden geklagt, vielleicht eine Folge des heißen Wetters. Notfallsanitäterin Knipping sagt: „Wir haben es schon mit Hitzeerschöpfung und Kreislaufproblemen zu tun gehabt.“ Neben dem Zelt stehen Bänke rund um einen Einsatzleitwagen; die Zentrale vor Ort. Am Fahrzeug begutachtet Einsatzkoordinator Thomas Friedmann gemeinsam mit Sanitäter Hannes Möhrle den Tagesplan. Der listet etliche Spielszenen an verschiedenen Orten auf. Thomas Friedmann ist dafür verantwortlich, Rettungsmittel und Mannschaften im richtigen Moment an den richtigen Ort zu schicken: Rettungswagen, geländegängige Quads, Notarzteinsatzfahrzeug. „Und wenn ihr unterwegs Leute versorgt, denkt dran, uns über Funk Bescheid zu geben“, gibt er den Mannschaften mit auf den Weg. Immer wissen, wo sich gerade welches Rettungsmittel aufhält; das gehört zum Einmaleins des Sanitätsdienstes.
Ehrenamt bei den Landesberger Johannitern
Tag- und Nachtschicht
Henrike Knipping hat jeden Tag etwa 24 Einsatzkräfte zur Verfügung; Viele bleiben auch über Nacht. Sie kommen entweder in der nahe gelegenen Alten Schule in Brokeloh unter oder bleiben gleich im Sanitätszelt mitten auf dem Festivalgelände. Ganz vorn, am Eingang des Zeltes, werden Patienten registriert; es folgen Bereiche für die Patientenversorgung. Am Ende liegt ein abgetrennter Raum mit Feldbetten und einem Materiallager. Wer zum Zelt kommt, findet immer jemanden vor. Vieles wird auch per Funk gelöst; Spielleitung und Johanniter sind ständig vernetzt.
Etliche der ehrenamtlich Helfenden kennen das Geschehen buchstäblich von allen Seiten. Sie unterstützen erst den Sanitätsdienst und tauschen dann als Spieler- oder Nichtspielercharaktere selbst die Rollen. So auch Notärztin Uschi Ostermai. Für sie ist es das zweite Mal in der Doppelrolle. „Heute bin ich noch im Einsatz, morgen bin ich mit meiner Tochter zusammen Teil einer Gruppe Nichtspieler-Charaktere.“ Sie gehört zu den Einsatzkräften, die gerade am Wiesenrand das Kampfgeschehen beobachten; eine von vielen Szenen dieser Art an diesem Donnerstag. Solche Szenen treiben die Handlung des Rollenspiels voran und laufen so ab, dass die Verletzungsgefahr möglichst gering ist. Seit über 20 Jahren gibt es „Mythodea“ schon in Brokeloh; genauso lange helfen auch die Landesberger Johanniter mit. Da kommt viel Erfahrung auf allen Seiten zusammen. Weil Unfälle dennoch möglich sind, halten sich die Sanitäter jedes Mal bereit zur Erstversorgung möglicher Schürfwunden, Prellungen oder schmerzender Gelenke. Ein Funkgerät erwacht zum Leben: „Sanis zum Einsatz an der Wiese!“ Es folgt die Unfallmeldung und der genaue Ort. Auf der anderen Seite des Spielfeldes bewegt sich ein zweiter Rettungswagen auf die Position einer Gruppe Nichtspieler-Charaktere zu. Dessen Crew übernimmt die Erstversorgung.
Dankeschöns und ein Ententeich
Eine fliegende Händlerin kommt mit einem Bollerwagen voller Naschereien vorbei. Sie schenkt den Johannitern eine Tüte. „Dankeschön für euren Einsatz!“ Auch wenn die Sanitäter zur realen Welt gehören, die die Gemeinschaft der Rollenspielenden für ein paar Tage ausblendet – sie wissen dennoch, was sie an Johannitern und auch den Freiwilligen Feuerwehren haben, die ebenfalls Dienst tun. „Es gibt oft tolle Rückmeldungen an uns“, freut sich Einsatzleiterin Knipping. Sei es eine Parade von hunderten Spielern vor den Einsatzkräften; sei es eine Bauchtanz- oder Musikeinlage oder einfach ein freundlicher Gruß. Und dann ist da noch der Ententeich vor dem Sanitätszelt. Im Vorjahr füllte Regenwasser eine kleine Grube; ein Sanitäter setzte eine Gummiente im Johanniterdesign hinein. Kurz darauf gab es eine Armada schwimmender Spielenten. Diesmal hoben die Johanniter einen winzigen Teich aus und installierten einen Wasserkreislauf mit Fontänen und einer neuen Entensammlung. Prompt setzten Rollenspieler und begeisterte Kinder weitere Gummitiere und frisch aus Bienenwachs geformte Entchen im Becken aus.
Früher Nachmittag im Sanitätszelt: Ein Junge wird vorbeigebracht. Notärztin Uschi Ostermai schaut sich das Bein an; Rettungssanitäter Mario Höltke übernimmt das Reinigen und Verbinden. Ein Klopfer auf die Schulter und die Bitte: „Komm wieder, sobald wir den Verband wechseln sollen.“ Dann will der Rettungssanitäter in die Pause für ein verspätetes Mittagessen. Da kommt ein neuer Funkruf beim Einsatzleitwagen an: Der Rettungswagen, den Mario Höltke heute gemeinsam mit einer Notfallsanitäterin besetzt, muss sofort wieder raus. Die Pause muss warten; die Sanitäter laufen zu ihrem Fahrzeug.