27.03.2026 | Johanniter-Schwesternschaft e.V.

Beruf und Berufung – warum ein „altmodisches“ Wort heute neue Kraft hat

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Die Wiederentdeckung eines tragenden Begriffes im säkularen Alltag

Manchmal stolpere ich über Wörter, die mir aus einer anderen Zeit entgegen zu leuchten scheinen. Berufung ist so ein Wort. Als Pastor wird mir immer wieder in Begegnungen mit Patientinnen und Patienten diese Verbindung zwischen Beruf und Berufung in Erinnerung gerufen. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es Ihnen als Johanniterschwester ebenso ergeht. Dann stellt sich Nachdenklichkeit ein. Ist es wirklich so? Und nun denke ich besonders an Pflegende. Wie könnten die Reaktionen ausfallen? Vielleicht wird darauf mit einem zögernden Lächeln reagiert, mit Skepsis, mit Müdigkeit. Es wäre mehr als verständlich. Dieses Wort wurde überhöht, überstrapaziert, missverstanden, ja auch missbraucht. 

Und doch steckt in diesem Wort eine Kraft, die vielleicht gerade heute – inmitten hoher Belastung, komplexer Arbeitsabläufe und wachsender Sinnfrage, besonders im Blick auf das eigene alltägliche Tun – überraschend hilfreich sein kann. Wer sich darauf einlässt, könnte entdecken, dass Berufung kein frommer Anspruch ist, sondern eine Quelle, die den Alltag leichter, tiefer und menschlicher macht.

Warum das Wort „Berufung“ uns oft Angst macht – und warum das nicht das letzte Wort dazu sein muss

Auch für mich als Pastor gab und gibt es immer wieder diesen Konflikt mit dem Wort „Berufung“. Wie sehr steht die Angst im Raum, sich im Lichte der Berufung dem Beruf nicht gewachsen zu fühlen. Er wirkt wie eine moralische Überforderung, klingt so nach Heiligenschein, der, wenn er zu eng sitzt, Kopfschmerzen bereiten kann. Ja, er klingt letztlich nach Selbstaufopferung, nach einer Erwartung, die niemand erfüllen kann, die ich vielleicht auch so nicht bereit bin, zu erfüllen. Nüchtern auf den Punkt gebracht: eine Pflege, die in eben jenes Ideal einer Berufung eingebettet ist, lässt sich so verstehen, dass Selbstaufgabe zu einer Tugend wird.

Das macht misstrauisch. Dazu kommt die Ambivalenz der religiösen Geschichte dieses Wortes – ein Erbe, das nicht immer befreiend war. Und oft entsteht die Vorstellung, „Berufung“ sei ein Wort aus dem Museum kirchlicher Sprache, das aber in der modernen Pflegewelt nicht mehr passt.

Was Berufung heute bedeuten kann – frei, klar und lebensnah

Berufung ist nicht die Stimme von oben, nicht der Auftrag, mehr leisten zu müssen, und schon gar nicht die Forderung, sich selbst zu vergessen.

Berufung meint heute etwas Erdiges und zugleich Befreiendes:

- eine innere Stimmigkeit, die trägt

- die Haltung, im Anderen einen Menschen mit Würde zu sehen.

- den Sinn, der bleibt, wenn Routine stumpf zu werden droht.

Der Medizinethiker Giovanni Maio fasst dies in einem Satz zusammen, der viel Druck nimmt:

„Der Wert des Anderen besteht nicht in seiner Nützlichkeit, sondern darin, dass er ein anderer ist.“

Berufung heißt: Ich muss nicht perfekt sein – aber ich darf aus einer Haltung heraus handeln, die dem Anderen und mir selbst gerecht wird.

Warum dieses alte Wort eine neue Zukunft hat

Wir benötigen ein Wort, das tiefer reicht als „Beruf“, aber sanfter ist als „Selbstaufgabe“.

Ein Wort, das Sinn ausdrückt, ohne Pathos.

Ein Wort, das Kraft schenken kann, ohne Last zu werden.

Der Theologe Fulbert Steffensky bringt es heilsam nüchtern auf den Punkt:

             „Berufung ist die Treue zu dem, was einem anvertraut ist.“

Genau dies macht den Begriff heute so wertvoll. Er hilft, den Kern pflegerischer Arbeit zu benennen, ohne sie zu verklären.

Ein ermutigendes Plädoyer

Berufung“ ist kein Relikt aus längst vergangener Zeit – es ist ein Schatz. Es kann uns helfen, die eigene Arbeit wieder als etwas zu verstehen, die Bedeutung hat und Bedeutung schenkt. In einem säkularen Arbeitsfeld, das mit Effizienz und Belastung ringt, ist es wohltuend, ein Wort zu haben, das nicht primär Leistung misst, sondern Haltung.

Darum sollten wir, Sie als Johanniterschwester, ich als „Johanniter-Pastor“ das Wort Berufung“ nicht so leicht aufgeben. Wir sollten es – befreit, entlastet, neu verstanden –wieder bewusst verwenden. 

Und daher wird die Krankenschwester in einem Gottesdienst zur Johanniterschwester berufen, um durch den ihr zugesprochenen Segen sich Kraft für Ihre Berufung schenken zu lassen.

Denn es gilt: Pflege ist Beruf!

Aber Pflege bekommt Tiefe, wenn sie auch Berufung sein darf.

Bernd Kollmetz, Seelsorger und Pfarrer i.R.
Dorothee Lerch