Nach-gedacht: Glaube als Melodie des Lebens - Gedanken zum Sonntag „Kantate“
Lieber Johanniterinnen und Johanniter,
vom bedeutenden romantischen Schriftsteller und leidenschaftlichen Komponisten Ernst Theodor Amadeus Hoffmann stammt der Gedanke: „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.“ Es gibt Erfahrungen, die lassen sich nicht aussprechen. Freude, die überfließt. Angst, die sprachlos macht. Nähe, die keine Erklärung braucht. Gerade dort beginnt ein anderer Ausdruck - leise, tragend, oft unscheibar: die Melodie.
Und mitten hinein in diese Wirklichkeit unseres Alltags klingt das Worte für den Sonntag: „Kantate“:
„Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1)
Dieses Wort ist mehr als ein liturgischer Impuls, es will durch die Woche, ja durch alle Wochen des Jahres tragen - hinein in den Alltag, in unseren Einrichtungen, in die Wege durch die Flure, in die Zimmer der Patientinnen und Patienten, in die Gespräche, in die Stille. Und auch in unserem persönlichen Lebensbreich. Es ist die Einladung, den Glauben nicht verstummen zu lassen, sondern ihn zum Klingen zu bringen.
Denn der Alltag ist nicht immer leicht. Die Lebenswirklichkeit, besonders in unseren Krankenhäusern kann schwer wiegen: Krankheit, Schmerz, Grenzerfahrungen, Zeitdruck, Verantwortung. Es sind Erfahrungen, die sich tief einschreiben - und manchmal besteht die Gefahr, dass sie die Glaubenswirklichkeit überlagern, ja verdunkeln. Gerade hier gewinnt das Bild von der Melodie des Glaubens seine Kraft: Glaube als die Lebensmelodie schlechthin.
Denn eine Melodie verschwindet nicht einfach, nur weil andere Töne lauter werden. Die Lebensmelodie kann leiser werden, brüchiger erscheinen - und doch bleibt sie. Sie trägt im Hintergrund, sie verbindet, sie hält eine innere Ordnung aufrecht. Glaube als Melodie des Lebens heißt dann: sich innerlich auszurichten auf diesen tragenden Grund, auch wenn die äußeren Umstände dagegenstehen. Es heißt, den Resonanzraum offen zu halten für Gottes Gegenwart, gerade dann, wenn sie nicht unmittelbar spürbar ist.
Und dann wird eben doch diese Melodie des Lebens hörbar. Eine Schwester betritt am Abend das Zimmer eines Patienten. Der Tag war unruhig, die Kräfte sind erschöpft. Worte erreichen ihn kaum noch. Die Schwester setzt sich an sein Bett. Für einen Augenblick ist es still. Dann beginnt sie leise zu singen: „Der Mond ist aufgegangen.“ Kein großes Lied, kein perfekter Gesang. Nur eine einfache, vertraute Melodie. Doch etwas verändert sich. Der Atem wird ruhiger, die Anspannung löst sich ein wenig: Der Raum wird stiller und gerade darin weitet er sich. Die Melodie des Glaubens weitet den Atem des Lebens. Beim Schreiben dieses Gedankens denke ich an den Trauergottesdienst für Helmut Schmidt im „Hamburger Michel“, der gerade dieses Lied „Der Mond ist aufgegangen“ ausgewählt hatte. Und das mit den Worten schließt: „Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unseren kranken Nachbarn auch!“ Was für ein Schluss! Was für eine Melodie des Vertrauens. In diesem Augenblick geschieht etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt: Glaube wird hörbar. Trost wird spürbar, Hoffnung bekommt einen Klang.
Das Singen wird so zu einer geistlichen Geste im Alltag: kein Zusatz, sondern Ausdruck einer Haltung. Ein leiser Widerstand gegen die Verdunkelung der Glaubenswirklichkeit. Ein Offenhalten des Resonanzraums für das, was trägt. Vielleicht liegt darin ein tiefe Wahrheit johanniterliche Spiritualität: dass der Glaube nicht nur gedacht und getan, sondern auch gesungen wird. So wie wir es ja immer wieder zu hören bekommen, wenn unser Gospelchor zum Beispiel im Gottesdienst auf dem Schwesterntag die Melodie des Glaubens erfrischend, erneuernd zum Klingen bringt.
Denn wer singt, atmet anders. Das lernt man z.B: auch so nebenbei. Wer singt, richtet sich auf, der Blick geht nach vorne. Wer singt, lässt etwas durch sich hindurchklingen, das größer ist als das eigene ich, der Resonanzraum des Lebens öffnet sich. So wird das Wort aus Psalm 98 konkret: „Singt dem HERRN ein neues Lied“ - nicht erst, wenn alles gut ist, sondern mitten im Alltag, mitten in der Spannung zwischen dem, was ist, und dem, was verheißen ist.
„Wer singt, betet doppelt.“ (Augustinus)
Möge diese doppelte Bewegung durch die neue Woche, durch alle Wochen des Jahres tragen: dass der Glaube nicht verstummt, sondern klingt - beharrlich, lebendig. Dass die Melodie bleibt, auch wenn andere Töne sie zu überdecken drohen.
Und dass sie uns allen Kraft schenkt, sei es als Johanniterschwester, als Mitarbeitende unter dem Schutz des Johanniterkreuzes, zum Wohle für unsere „Herren Kranken“.
Bernd Kollmetz, Seelsorger und Fördermitglied der Schwesternschaft