Nach-gedacht: Gnade, Liebe und Gemeinschaft - Wie Gottes Geist den Alltag trägt und den Horizont der Zukunft offenhält
“Der Mensch wird am Du zum Ich.” Es gibt Sätze, die uns lange begleiten, weil sie etwas Wesentliches über das Leben sagen. Der Satz Martin Bubers gehört zu jenen Sätzen. Niemand wird aus sich heraus der Mensch, der er ist. Wir wachsen an Begegnungen. Wir leben von Beziehungen. Wir brauchen Menschen, die uns sehen, die uns zuhören, die uns ermutigen und die mit uns ein Stück des Lebensweges mitgehen.
Beziehungen sind die Resonanzräume unseres Lebens. In ihnen erfahren wir Freude und Trost, aber auch Zeiten der Unsicherheit. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass auch der christliche Glaube im Kern von der Beziehung Gottes zu uns Menschen erzählt und von der Beziehung , zu der wir untereinander berufen sind.
Das Fest „Trinitatis“, übersetzt heißt es „Dreieinigkeit“, lenkt unseren Blick auf diesen Gott der Beziehung. Gott begegnet uns als der Vater, der das Leben trägt, als Jesus Christus, der uns seine Nähe und Gnade schenkt, und als Heiliger Geist, der Menschen verbindet und ihre Herzen für Vertrauen, Hoffnung und Liebe öffnet. Und die nächsten Sonntage begleitet uns dieses Wort „Trinitatis“. Zu Beginn dieser Zeit steht ein Wort aus dem 2. Korintherbrief des Paulus, eine wunderbare Zusammenfassung dessen, was im Mittelpunkt steht: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. (2. Kor. 13,13)
Diese Worte sind mehr als ein Gruß, der vor der Predigt der Gemeinde gegenüber ausgesprochen wird. Es ist eine tröstende Zusage, die erinnern soll, dass wir unser Leben nicht allein tragen müssen. Die Gnade Christi, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sind Quellen, aus denen wir Kraft schöpfen können- gerade dann, wenn das Leben schwer wird. Und wir Johanniterinnen und Johanniter wissen um diese alltägliche Erfahrung nur zu gut.
Wer in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung arbeitet, weiß, wie sehr Menschen solche Kraftquellen brauchen. Täglich begegnen wir Menschen, deren Leben aus der gewohnten Bahn geraten ist. Krankheit, Ängste oder Verluste verändern den Blick auf die Welt. Oft sind es nicht allein die körperlichen Beschwerden, die Menschen belasten. Es sind die Fragen dahinter: Wie wird es weitergehen? Was bleibt von meinem bisherigen Leben? Was erwartet mich morgen? Übrigens: das sind auch unsere Fragen, die sich in unserem Alltag auftun. Der Schriftsteller Robert Musil hat einen bemerkenswerten Gedanken formuliert: „Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben.“ Dieser Satz berührt eine tiefe Wahrheit. Der „Wirklichkeitssinn“ nimmt die Dinge wahr, wie sie sind. Er sieht die Krankheit, die Belastung und die damit verbundenen Grenzen. Gerade in Medizin und Pflege ist dieser Blick unverzichtbar. Der Mensch lebt nicht allein von der Wirklichkeit des Augenblicks. Er lebt ebenso von der Hoffnung auf das, was werden kann, was werden möchte.
Vielleicht liegt genau in dieser Blickrichtung eine der tiefsten Aufgaben johanniterlichen Handelns. Wenn die „Herren Kranken“ in unseren Krankenhäusern und Einrichtungen begleitet werden, dann geht es nicht allein um medizinische Versorgung oder pflegerische Unterstützung, sondern darum, Menschen den Zugang zu jenem Lebensraum wieder zu öffnen, den wir Zukunft nennen. Ein Pfleger berichtete mir von einem Patienten, der nach einem langen Krankenhausaufenthalt zu uns in die Reha kam. Die Behandlung war erfolgreich verlaufen, dennoch wirkte er sehr bedrückt. Schließlich sagte der Patient: „Vor der Krankheit hatte ich Angst zu sterben. Jetzt habe ich Angst, wieder allein zu leben.“ Der Pfleger als Seelsorger: die Not des Patienten hörend wahrnehmen, sich sodann dieser Sorge annehmen, überlegen, was jetzt Not tut: Ermutigung zum Blick nach vorne. Er bat mich, diesen Patienten aufzusuchen.
In diesem Augenblick wurde deutlich, worum es wirklich ging. Hinter allen medizinischen Fragen stand die Sehnsucht nach Zukunft, nach Gemeinschaft und nach lebendiger Hoffnung. Der Pfleger hörte zu, nahm sich Zeit und half ihm, neue Perspektiven zu entdecken. Die Situation des Pateinten war damit nicht gelöst. Aber sein Blick richtete sich wieder nach vorne. In diesem Augenblick sind wir verbunden mit dem Heiligen Geist, wie Paulus es in unserem Bibelvers nennt. Der Geist Gottes wirkt oft unscheinbar. Er zeigt sich dort, wo Menschen einander aufmerksam begegnen, wo Hoffnung neu wachsen kann und wo jemand spürt: Ich bin nicht allein! Das ist die Mitte unseres Glaubens: Gott begleitet uns im Geist Jesu Christi auf unsern Weg durch diese Zeit. Er hält Vertrauen lebendig und eröffnet Möglichkeiten, die über die gegenwärtige Situation hinausweisen. So ermutigt der „Möglichkeitssinn“, der Glaubenswirklichkeit eine Chance zu geben.
So wird der Heilige Geist zur Brücke zwischen Lebenswirklichkeit und Glaubenswirklichkeit. Er hilft, die Realität ernst zu nehmen, ohne sich von ihr gefangen nehmen zu lassen. Dieser gute Geist Gottes eröffnet den Horizont der Hoffnung, genannt Zukunft. Der Glaube will uns daran erinnern, dass wir eine Zukunft haben. Und wir als Johanniterinnen und Johanniter dürfen in unserem Dienst die uns anvertrauten „Herren Kranken“ an diese lebendige Hoffnung erinnern. Und wir dürfen uns untereinander in unserer Teamarbeit gegenseitig in dieser Gewissheit bestärken. So werden wir eine lebendige Gemeinschaft, wie es Augustinus so eindrücklich zur Sprache bringt: „Der Heilige Geist macht die Glieder Christi zu einem Leib.“
Liebe Johanniterinnen und Johanniter, wo diese Gemeinschaft gelebt wird, dort wird Gottes kräftigender Geist erfahrbar - im Glauben, im Dienst am Menschen und in den Begegnungen im Alltag. Darin liegt das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes: dass Gottes Gnade, Gottes Liebe und Gottes Geist uns befähigen, einander Zukunft zu eröffnen und gemeinsam hoffnungsvoll unseren Weg zu gehen.
Bernd Kollmetz, Pastor i.R. und Seelsorger i.D.