Pflegefachpersonal: Droht eine „massive Unterversorgung“ im Duisburger Westen?
Die Pflegekammer NRW hat im Jahr 2025 bereits mehrfach Alarm geschlagen.
In den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen rund 40 % der Pflegefachkräfte in Rente – nur etwa 7 % rücken als Nachwuchskräfte nach. Auch Duisburg würde „in den kommenden fünf Jahren in eine massive Unterversorgung mit Pflegefachpersonal geraten“. Der Fachkräftemangel ist schon lange im Gesundheitswesen angekommen. Wir haben bei der Pflegedirektion im Krankenhaus, beim „Zentrum für Pflege und Wohnen“ sowie bei der „Ambulanten Pflege“ im Gesundheitszentrum nachgefragt, wie die aktuelle Situation aussieht.
Krankenhaus:
Pflegedirektorin Susanne van gen Hassend (seit über 30 Jahren am Standort) und der stellvertretende Pflegedirektor Christian Falk (seit 2016 am Standort) sind für über 300 Mitarbeitende in der Pflege im Krankenhaus verantwortlich. Sie berichten, dass es aktuell keinen Mangel an Bewerbungen gibt - dennoch kann man sich nicht darauf ausruhen. Die kontinuierliche Qualifizierung der Mitarbeitenden ist von großer Bedeutung und wird dementsprechend gefördert.
Das Resultat: Auf der Intensivstation wird bei den Fachpfleger:innen eine Quote von 50 % erreicht. (Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin empfiehlt mindestens 30 %). In der Zentralen Notaufnahme des Johanniter-Krankenhauses wird ebenso eine hohe Fachpflegequote erreicht.
Die Strahlkraft der Johanniter als Arbeitgeber sowie auch des seit den 1960er-Jahren fest etablierten Krankenhauses in Rheinhausen spielen dabei eine wesentliche Rolle, aber nicht die einzige.
Pflegedirektorin Susanne van gen Hassend: „Wir sind ein familiär geführtes Haus. Zudem gab es bei uns keine Fluktuation beim Träger wie an anderen Standorten. Wir arbeiten wertebasiert und legen den Fokus auf den Menschen.“
Zusätzlich haben die Johanniter am Standort Rheinhausen in den letzten Jahren um die 30 Millionen Euro investiert, um auch für die Pflegefachkräfte beste Voraussetzungen für ihre Arbeit zu schaffen.
Zentrum für Pflege und Wohnen (ZPW) - Seniorenwohnheim:
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Kolleg:innen direkt gegenüber auf dem Gesundheitszentrum. Pflegedienstleitung Claudia Heins, seit 24 Jahren am Standort, sieht die angespannte Lage bei der Suche nach Pflegefachpersonal - Fachkräfte sind in der Altenpflege Mangelware. „Der Entwicklung müssen sich alle Häuser und Anbieter stellen. Recruiter suchen proaktiv auf Plattformen.“, sagt Frau Heins.
Im Gesundheitszentrum der Johanniter gilt in allen Einrichtungen der Johanniter-Krankenhaus Rheinhausen GmbH der AVR-DD der Diakonie Deutschland - ein Tarifvertrag, den die Mitarbeitenden schätzen und der auch viele Vorteile bietet, wie zum Beispiel den Aufbau einer Betriebsrente über den KZVK (Kirchliche Zusatzversorgungskasse des VDD), 31 Urlaubstage sowie jährliche tarifliche Gehaltsanpassungen.
Julia Fingerhut, Sozialer Dienst und kommissarische Einrichtungsleitung: „Bei uns im ZPW baut man eine wesentlich engere Beziehung zu den Menschen auf, die über Jahre hinaus bestehen bleibt. Diese Verbindung und dieses Vertrauen schätzen auch Mitarbeitende, denn sie ermöglichen einen noch intensiveren Austausch. Vor allem erhält man enorm viel Dankbarkeit für seine Arbeit.“
Pflegedienstleitung Claudia Heins ergänzt: „Hier ist man in der Pflege wie ein Teil der Familie - man wird fester Bestandteil im Leben der Bewohnerinnen und Bewohner.“
Die generalistische Pflegeausbildung (in 2020 durch den Gesetzgeber eingeführt) wird seit Einführung auch durch Verbände kontrovers diskutiert. Dabei sind zahlreiche Branchen von einem deutlich spürbaren Fachkräftemangel betroffen, wie auch das Gesundheitswesen. „Die Attraktivität des Berufs muss durch den Gesetzgeber verbessert werden.“, sagt Heins. „Was uns hier am Standort der Johanniter in Rheinhausen zusammenhält, ist ein gewachsenes Team, das mit Herz und aus Überzeugung arbeitet.“
Ambulante Pflege:
Die Leitung des Dienstes, Daniela Zierdt, und die stellvertretende Leitung Jasmin Rittner haben mit einem hohen Krankenstand zu kämpfen. Corona habe die Situation bei den Anbietern der ambulanten Pflege zusätzlich verschärft.
Jasmin Rittner: „Über eine höhere Anzahl an Bewerbungen würden wir uns sehr freuen.“ Oft bewerben sich Interessierte aus dem Ausland. Diese Einstellungen sind mit hohem Aufwand bei der Integration, Sozialisation und Einarbeitung verbunden, den sie im ambulanten Pflegedienst kaum leisten können.
Zurück ins Krankenhaus:
Susanne van gen Hassend (Pflegedirektorin des Krankenhauses) legt den Finger in eine weitere Wunde, die das gesamte Bundesgebiet betrifft: „Es gibt einfach kein neues Potenzial an neuen Pflegefachkräften in Deutschland mehr. Man kann nur noch abwerben. Somit verschiebt man das Problem vom Einen auf den Anderen.“
Christian Falk (stellvertretender Pflegedirektor) fügt hinzu: „Im Pflegeberuf gibt es internationale Unterschiede. In Deutschland übernehmen Fachkräfte die Körperpflege am Patienten. Das kennen viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland nicht. Das gehört hier zur Stellenbeschreibung. Außerdem ist der Pflegeberuf bei uns nicht akademisiert.“
Um Fachkräfte aus dem Ausland vernünftig zu integrieren, reicht nicht allein die Einarbeitung. Soziale Aspekte werden dabei stark unterschätzt. Kolleg:innen sowie auch die Vorgesetzten sind zeitgleich Integrationsbeauftragte – das erfordert einen immensen persönlichen Einsatz.
Die qualifizierten Pflegefachkräfte wären da, leider verlangsamt der bürokratische Aufwand den Einsatz der Kolleg:innen. Die Pflegedirektion des Krankenhauses wünscht sich eine wesentlich bessere Zusammenarbeit mit der Duisburger Ausländerbehörde.
Bürokratische Vorgänge verlangsamen die Anerkennung der ausländischen Fachkräfte.
Man benötigt dringend behördliche Unterstützung bei folgenden Punkten:
- Freie Termine bei der Ausländerbehörde
- Schnellere Anerkennung von Qualifikationen und Urkunden
- Flexible regionale Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis samt Verlängerung
- Keine behördlichen Vorgaben von Wochenarbeitszeiten, die nur Teilzeitplanungen zulassen
Bereits im August 2023 tauschten sich diesbezüglich unter anderem Rita Tönjann, Geschäftsführerin der Johanniter-Krankenhaus Rheinhausen GmbH, und die aktuelle Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bärbel Bas (damals Bundestagspräsidentin) vor Ort aus.
Dabei wurde auch das gesamte Verfahren von der Einreise hin bis zur Anerkennung als Pflegefachkraft skizziert. Dieses kann von sechs Monaten bis hin zu mehreren Jahren dauern, wenn Anpassungslehrgänge notwendig sind.
Folgende Wünsche seitens der Johanniter in Rheinhausen wurden konkretisiert:
- Feststellung von bundesweit einheitlichen Standards für Anträge
- Sicherstellung von schnelleren Prozessen und Entscheidungen für die Einreise und Berufserlaubnis
- Unterstützung der Arbeitgeber durch die Behörden
- Refinanzierung von Integrationsfachkräften
Rita Tönjann sieht Fortschritte, etwa durch die Einführung des ‚Work-and-Stay‘-Programms im Koalitionsvertrag, um die Integration von Fachkräften wesentlich zu vereinfachen:
„Der Bedarf an Pflegefachkräften steigt, denn dem gegenüber steht eine immer stärker alternde Gesellschaft. Deswegen ist es uns sehr wichtig, dass neue Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland schnell zu uns ins Team finden. Denn gemeinsam können wir den wachsenden Anforderungen in der Pflege am besten begegnen. Für ein gutes Miteinander braucht es Offenheit von allen Seiten – Integration gelingt nur, wenn wir uns gegenseitig aufeinander einlassen und voneinander lernen. Nur wenn wir zusammenhalten, können wir weiterhin mit voller Kraft für die Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten da sein.“
Der Bedarf an Pflegefachkräften bleibt weiterhin eine tägliche Herausforderung und ein stetiger Kraftakt auf unterschiedlichen Ebenen - trotz genügend Nachwuchs bei den Auszubildenden am Johanniter-Standort Rheinhausen. Wie auch in anderen Unternehmen sehen wir uns vor Ort mit einer hohen Abbruchquote konfrontiert.
Bei den einjährigen wie auch den dreijährigen Ausbildungen erfordern verschiedene Charaktere verschiedene Ansätze. Deshalb werden am Johanniter am Standort Rheinhausen die jeweiligen Pflegeschulen passend zu den Persönlichkeiten der Auszubildenden ausgesucht.
Statistiken und Infos zum Thema:
Hintergrund zum Thema (Quelle: Statistisches Bundesamt, Destatis):
Vergleich Jahresende 2021 mit Jahresende 2023:
- 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig.
- 86 % von ihnen wurden zu Hause versorgt (4,9 Millionen)
- 3,1 Millionen Pflegebedürfte von Angehörigen gepflegt (Care-Arbeit)
- 1,1 Millionen Pflegebedürftige in Privathaushalten wurden mit oder vollständig durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste versorgt
- Anstieg um 15 % bei der Zahl der Pflegebedürftigen (730.000)
- 17 % mehr zu Hause gepflegte Personen
- 1 % mehr vollstationär in Heimen versorgte Pflegebedürftige
Status Quo in der Pflege (Statistische Bundesamt, Destatis):
- Bis 2034 gehen 140.000 Pflegekräfte in Rente (Baby-Boomer)
- 1,8 Millionen mehr Pflegebedürftige bis zum Jahr 2055 erwartet
- Bedarf an Pflegekräften in 2024 bei 1,83 Millionen