Work-Life oder Life-Work? Der Wandel reformatorischer Arbeitsethik
In welchem Verhältnis stehen Arbeit und Freizeit zueinander? Was steht in der Bibel, was sagt Luther dazu? Diesen Fragen geht Hauptpastor Alexander Röder in seinem Beitrag nach.
Friedrich Nietzsche merkt an, dass zu seiner Zeit, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Arbeit immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite bekomme. Lebensfreude, so beklagt er, würde jetzt „Bedürfnis der Erholung“ genannt und würde zugleich ein Grund, sich zu schämen. Jede Landpartie müsse begründet werden, zum Beispiel damit, es seiner Gesundheit schuldig zu sein. Nietzsche befürchtet, dass selbst ein Spaziergang zukünftig nicht mehr ohne Gedanken der Selbstverachtung und eines schlechten Gewissens unternommen werden könnte.
Das mag in unseren Ohren zugespitzt und übertrieben klingen, doch gehörte es lange Zeit insbesondere in einer von preußisch-protestantischen Tugenden geprägten Gesellschaft zum guten Ton, das alte Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ wie ein Dogma von Generation zu Generation weiterzugeben. Ein Dogma ist ein unhinterfragbarer Lehrsatz. Doch längst wird er hinterfragt, wird Arbeit neu definiert und ebenso die Freizeit, eine Zeit der Muße, die nach Aristoteles die Voraussetzung für ein glückliches Leben ist, aber zugleich schöpferisches Tun und nicht einfach nur Nichtstun.
In welchem Verhältnis stehen Arbeit und Freizeit zueinander, die in ihrer englischen Begrifflichkeit Work-Life oder neuerdings auch Life-Work so verstanden werden könnte, dass die Arbeit kein Teil des Lebens, sondern deren Gegensatz ist oder gar das eigentliche Leben behindert?
Freizeit im Sinne einer schöpferischen Muße war lange Zeit das Privileg höhergestellter Kreise insbesondere im Adel und im Klerus.
Die sprachlich nahe Verwandtschaft von Muße zum Müßiggang wurde der Muße zum Verhängnis, geriet sie doch in den Sog des Müßiggangs und damit den des Lasters. Die unmittelbare Verbindung von „Müßiggang“ und „Laster“ führt auf geradem Wege zur Verortung des Müßiggangs in den Sündenregistern der Theologie. „Müßiggang“ habe mit „Trägheit“ zu tun oder mit „Lustlosigkeit“ und wird schon seit der Antike mit dem lateinischen Begriff Acedia bezeichnet und zu den sieben Tod- oder Hauptsünden gerechnet.
Von denen wollte Martin Luther mit seinem veränderten Sündenverständnis zwar nichts mehr wissen, aber dass Trägheit und Faulheit in den Augen Gottes ein Gräuel sind, stand für den Reformator außer Frage. Hören wir ihn selbst: „Denn Gott will keine faulen Müßiggänger haben, sondern man soll treulich und fleißig arbeiten, ein jeglicher nach seinem Beruf und Amt, so will er den Segen und das Gedeihen dazu geben. Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ Oder auch dies: „Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat.“
Das beschreibt tatsächlich die Situation des Menschen nicht erst nach dem Sündenfall, wenn wir der Bibel folgen. Das Fluchwort Gottes über den Acker und in dessen Folge die schweißtreibende Arbeit für den Menschen ist die Strafe für die Übertretung des einen Gebotes Gottes, das im Paradies galt. Da der Mensch sich aber verführen ließ und selbst als Richter über Gut und Böse agieren wollte, wurde er aus dem Paradies vertrieben und dazu von Gott dieses wenig verheißungsvolle Wort gesprochen: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist.“ Kein wirklich angenehmes Leben, eben nicht mehr paradiesisch und weit entfernt vom Schlaraffenland und offensichtlich ohne Zeit für Muße. Aber die Realität der Welt, in der wir leben. Somit ist die Arbeit als mühevolle Arbeit ein wesentlicher Teil menschlichen Lebens. Davon zeugt die Bibel an vielen Stellen und stellt menschliche Arbeit zugleich als Fortsetzung göttlichen Handelns dar, wodurch sie wieder aufgewertet, ja geradezu geadelt wird: Gott schuf, pflanzte, baute usw. So auch der Mensch. Und wie Gott es gern tat, soll es auch der Mensch gern tun – nicht nur der Sklave, sondern jeder Mensch. Und wie Gott von der Arbeit ruhte, soll es auch der Mensch tun – um sich zu erholen und neue Kraft zu schöpfen für die Fortsetzung der Arbeit.
Ab Rande bemerkt: Seit dem 2. Jahrhundert feiern die Christen den Sonntag als den Ruhetag anstelle des jüdischen Sabbats, der am Sonnabend begangen wird. Sie ehren damit wöchentlich den Sonntag als den Auferstehungstag Jesu. Der Sonntag aber ist traditionell der erste Tag der Woche. In Deutschland war es in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts der Druck aus der Wirtschaft, der dafür gesorgt hat, dass bei deutschen Kalendern die Woche mit dem Montag beginnt. Das sei ökonomischer, wurde damals behauptet. Bei amerikanischen und britischen Kalendern beginnt bis heute die Woche mit dem Sonntag – ohne größere wirtschaftliche Einbußen. Ich finde als Theologe die Idee, dass Christen die Woche mit einem Ruhetag beginnen und aus dieser Ruhe die Kraft für die den Rest der Woche schöpfen, eigentlich charmant.
Wer in der Bibel vom Alten Testament ein ganzes Stück weiter nach hinten blättert, findet im 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Thessalonich eine apostolische Ermahnung, die aufhorchen lässt, übrigens ein von Politikern immer wieder zitierter Satz: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ (2. Thess 3, 10). Das ist übrigens das einzige Bibelwort, das es in die Verfassung der UdSSR geschafft hat.
Der Mensch wird durch die Arbeit definiert, sein Leben davon geprägt, so scheint es hier. Dabei war Arbeit, gerade in Form körperlich anstrengender Arbeit, in vielen antiken Kulturen ohne hohes Ansehen. Wer konnte, übertrug sie Leibeigenen, Sklaven oder Bediensteten. Im Christentum aber wird Arbeit immer auch als Dienst am Nächsten verstanden, wie er in den Werken der Barmherzigkeit im Matthäusevangelium ausgedrückt ist: Hungrige speisen, Durstige tränken, Kranke besuchen und sie versorgen, Nackte bekleiden – will sagen: Arbeit hat eine soziale und diakonische Dimension. Sie dient auch der Gemeinschaft. In diesem Sinne ist das scharfe Wort des Paulus in seinem Brief nach Thessalonich zu verstehen. Da nämlich waren manche überzeugt, dass die Wiederkunft Christi so unmittelbar bevorstünde, dass sie keinerlei Verantwortung in und für die Gemeinde mehr übernehmen müssten, weil ja sowieso bald alles vorbei wäre.
Es war Benedikt von Nursia, der für die Mönche seines Ordens mit der Lebensregel „Ora et labora“ der Arbeit erneut eine positive Bedeutung gab, allerdings auch getrieben von der Frage, wie er das Phlegma und die Trägheit mancher seiner Mönche verbannen könnte. Körperliche Arbeit galt fortan als Werk zur Verherrlichung Gottes. Sie sollte Teil des asketischen Strebens der Mönche sein, dem Müßiggang entgegenzuwirken und zur Frische im Gebet zu verhelfen. Das Gebet war natürlich auch während der Arbeit erlaubt. Die alte Frage zweier Mönche an ihren Abt: der Erste: Ehrwürdiger Vater, darf ich beim Beten rauchen? Auf keinen Fall. Der Zweite: Ehrwürdiger Vater, darf ich beim Rauchen beten? Selbstverständlich. Man muss zu leben wissen, auch als Mönch.
Martin Luther hat das Ora et labora Benedikts nicht übernommen und einfach nur auf die gesamte Christenheit ausgedehnt. Vielmehr hat er sich in seinem Verständnis von Arbeit auf ein Wort des Kirchenvaters Hieronymus bezogen, in dem es heißt: „Alle Werke der Gläubigen sind Gebet“.
Der asketische Gedanke wird getilgt und der Beruf – ein Wort, das Luther in die deutsche Sprache einführt – zu einem Gottesdienst. Arbeit wird dabei theologisch im weitesten Sinne als Sorge um die Schöpfung und die Selbsterhaltung des Menschen verstanden. Als Menschen sind wir zum schöpferischen Mitgestalten dieser Welt nicht nur gerufen, sondern gefordert.
Luther kann darum sagen, dass die Magd, die sorgfältig und andächtig den Hof fegt, in ihrem Beruf den besseren Gottesdienst hält als der Priester, der achtlos am Altar agiert. Der Beruf ist jener weltliche Ort, an den der Mensch von Gott gestellt wird, und das ohne Hierarchisierung der Berufe oder ihre Unterscheidung in edel oder unedel, in Kopf- oder Handarbeit.
Arbeit als zweckorientiertes säkulares Tun ist damit im Glauben begründet, mithin moralisch und auf die Dimension des Sozialen (auf den Anderen als Nächsten und die Anderen als Gemeinde) gerichtet.
Aus dieser Erkenntnis erwächst die radikal klingende Bewertung der Arbeit durch die reformatorische Theologie: Der Mensch lebt, um zu arbeiten. Die Erfüllung dieser Pflicht wird in der Folge zu einem zentralen Begriff protestantischer Arbeitsethik. Eine Unterscheidung von Arbeit und Freizeit ist in diesem Denken nicht vorgesehen.
Wie aber verhält es sich mit dem „Feierabend“ oder dem Sabbatgedanken oder der Sonntagsruhe?
Wer lutherische Predigten bis zur Zeit der Aufklärung Mitte des 18. Jahrhunderts studiert, findet dort wiederholte Ermahnungen, dass der Sonntag nicht gedacht sei, um ihn im Wirtshaus oder beim Kartenspiel, womöglich im Theater, der Oper, beim Tanz oder mit anderem weltlichen Tand zu verbringen und schon gar nicht, um es modern zu formulieren, um zu relaxen oder zu chillen, sondern einzig zur geistigen und geistlichen Erbauung durch Gottesdienstbesuch, Studium der Schrift und die Lektüre erbaulicher Bücher. Dass das so oft angemahnt wurde, zeigt, dass sich die Mehrheit der Predigthörer offensichtlich nicht um die Ermahnungen geschert haben.
Dass dieses Verständnis von Arbeit als Ausdruck göttlichen Willens und göttlicher Forderung und der Zurückweisung eines Anspruchs auf Freizeit zur bloßen Erholung und Rekreation von Leib und Seele Türen zum Missbrauch öffnet, wurde spätestens mit der zunehmenden Industrialisierung deutlich. Der gemeindliche oder gemeinschaftliche Gedanke der Arbeit wurde dem der Gewinnmaximierung für Wenige und unter Inkaufnahme der Verelendung größerer Gruppen der Bevölkerung insbesondere in den Großstädten weitgehend aufgegeben. Die industrielle Revolution ist mit einem Wertesystem verbunden, das sich an Leistung, Gewinn und Wirtschaftlichkeit orientiert und dem sich der Mensch ein- und unterzuordnen hat. Seinen menschlichen und sozialen Bedürfnissen wurde kein oder nur minimaler Wert eingeräumt.
Es ist bemerkenswert, dass sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die evangelische Kirche zu diesen Verhältnissen und dem sozialen Unrecht nur selten zu Wort meldete – ihre Allianz mit den herrschenden Kreisen war lange Zeit eng und den Großteil der Arbeiterschaft hat sie wegen dieser Parteilichkeit gegen die Armen, die Kranken und die Entrechteten in dieser Zeit verloren – während die katholische Kirche mit ihrer Soziallehre schon Ende des 19. Jahrhunderts deutliche Zeichen setzte, vom christlichen Ansatz her die Würde jedes Menschen zu betonen sowie Gemeinwohl und soziale Gerechtigkeit zu fordern und in kirchlichen Arbeiter- und Familienkreisen wie den Kolping-Familien christliche Solidarität zu praktizieren.
Die ökonomische wie die soziale Perspektive der Arbeit werden heute auch in deren Bewertung durch die Theologie gemeinsam und ökumenisch in den Blick genommen.
Die Erwerbsarbeit nimmt viel Zeit im Leben der meisten Menschen ein. Im Vergleich zu früheren Zeiten hat sie sich aber völlig verändert und ausdifferenziert, Arbeitsbedingungen sind flexibler und individueller geworden.
Erwerbsarbeit wird auch nicht mehr als die einzige Form von „Arbeit“ verstanden, die wir als Menschen leisten. Dazu gehört vielmehr auch die Beziehungsarbeit in der Familie und im Freundeskreis. Dazu gehört das vielfache ehrenamtliche Engagement in unserer Gesellschaft. Das gehört in der vereinfachenden englischen Formel zur Abteilung „life“, aber es ist vielfach soziale und gemeinschaftsbildende Arbeit, die in diesem Bereich verortet werden muss und die ihre Wurzeln im christlichen Verständnis von Arbeit hat.
Arbeitszeitverkürzungen und längere Urlaubszeiten haben für viele Menschen zu gesteigerter Freizeit und Lebensqualität geführt. Dem gegenüber steht ein nahezu unüberschaubar gewordenes Freizeit- und Konsumangebot, das viele Menschen fordert, manchmal sogar überfordert und somit die Freizeit nicht zur Erholungszeit werden lässt, sondern mit Stress verbindet: Habe ich wirklich das, was ich will, oder vielleicht das Beste verpasst? Mit Muße als Voraussetzung eines glücklichen Lebens hat das wenig zu tun.
Theologisch sind Arbeit und Muße, Ruhe, Freizeit gleichrangig und vor allem nicht als Gegensätze zu verstehen. Arbeit ist biblisch verstanden auch ein Auftrag von Gott an den Menschen und somit nicht allein die lästige Pflicht, die den Feierabend ersehnt oder das Wochenende oder den nächsten Urlaub. Arbeit soll erfüllend sein und das Leben bereichernd. Das sollten wir auch bedenken, wenn schnell verurteilt wird, dass manche Langzeitarbeitslosen nicht bereit sind, jede Form von Arbeit zu übernehmen.
In beiden Bereichen, Work wie Life, kommt es auf das Maß an. Die Bibel – und da finden viele Zeitgenossen sie heute lästig und moralisch – ruft verschiedentlich zur Mäßigung im Leben auf. Das gilt nicht nur im Blick auf menschliche Bedürfnisse und Freuden des Lebens; es gilt gleichermaßen für die Arbeit. Sie soll das Wohlbefinden des Menschen nicht hemmen oder gar behindern. Ob die derzeit immer wieder ohne die nötige Differenzierung geforderten Beiwörter zur Arbeit und Arbeitszeit, nämlich: „mehr“, „länger“ und „effizienter“ die einzig denkbare Lösung sind, ist eine Diskussion wert.
Es geht, gleichgültig, was an die erste Stelle gesetzt wird Life oder Work um die Balance zwischen beiden für den einzelnen Menschen, aber theologisch gesehen immer auch in seiner Verantwortung für die Gemeinschaft und – das sei mir als Theologen und Christ als letztes Wort zugestanden – vor Gott.
Hauptpastor Alexander Röder, St. Michaelis