29.09.2026 | Dominik-Brunner-Haus der Johanniter

„Wir lassen die Kinder nicht alleine“

Jedes zwölfte Kind in Deutschland verlässt die Schule ohne Abschluss, Wohlstand und Bildung entscheiden nach wie vor über schulische Teilhabe. So setzten sich die Johanniter in München für mehr Bildungsgerechtigkeit ein.

Kind steht, Frau sitzt, Kind rechts, gemeinsam an Tisch mit Zahlenspiel aus Holz.

Die vor kurzem erschienene deutsche Fassung des Unesco-Weltbildungsberichts 2026 ist laut Maria Böhmer, Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission, „ein Weckruf: Wir müssen mehr tun für die Chancengerechtigkeit, auch im deutschen Bildungssystem.“ Wie das gelingen kann, zeigt exemplarisch das Dominik-Brunner-Haus der Johanniter in Ramersdorf: Durch individuelle, ganzheitliche und langfristige Hilfestellung leistet das Team einen wichtigen Beitrag dazu, dass soziale Herkunft nicht automatisch über Bildungs- und Lebenschancen entscheidet.

Ob ein Kind in Deutschland aufs Gymnasium oder auf die Mittelschule geht und wie es dabei gefördert wird, hängt auch 2026 immer noch stark vom sozioökonomischen Status der Eltern ab – also davon, wie die Familie in punkto Einkommen, Bildungsniveau und beruflicher Stellung aufgestellt ist. Laut Unesco-Weltbildungsbericht 2026 erhalten hierzulande „fast vier von fünf Kindern aus wohlhabenden Haushalten, aber weniger als eines von drei Kindern aus benachteiligten Haushalten eine Empfehlung für das Gymnasium.“

Der Bericht verzeichnet zudem gravierende Unterschiede bei der Wahrscheinlichkeit, bei gleicher Leistung in einen akademischen Bildungsweg zu wechseln, sowie bei der Chance, einen höheren Bildungsweg auch erfolgreich abzuschließen. Gründe dafür sehen die Autorinnen und Autoren unter anderem in höheren wirtschaftlichen und sozialen Risiken von Eltern mit geringem Bildungsniveau, in der frühen Einteilung in verschiedene Bildungswege bereits nach der vierten Klasse sowie in unterschiedlichen Ressourcen, die den Familien zur Unterstützung ihrer Kinder zur Verfügung stehen. Was das konkret bedeutet und wie man für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen kann, berichtet Waisuddin Fakhri, Einrichtungsleiter des Dominik-Brunner-Hauses der Johanniter.

Das Dominik-Brunner-Haus kümmert sich bereits seit 2009 um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in Ramersdorf. Wie sieht die Situation dort aus?

Waisuddin Fakhri: Armut, soziale Benachteiligung und Migration spielen in unserem Viertel eine große Rolle. Vielen Familien fehlt es an den finanziellen, zeitlichen oder sprachlichen Ressourcen, um ihr Kind bei seinem Bildungsweg zu unterstützen. Professionelle Nachhilfe ist für viele Familien kaum erschwinglich. Einige Eltern müssen neben ihrem Hauptberuf zusätzlich arbeiten und haben weniger Zeit und Kraft, um sich mit schulischen Anforderungen auseinanderzusetzen oder die Kinder beim Lernen zu unterstützen. Familien, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, tun sich oft schwer, Elternbriefe oder Informationen zu Fördermöglichkeiten zu verstehen und wissen oft nicht, welche Unterstützung es für ihr Kind gäbe. Und gerade da, wo mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig auftreten – etwa finanzielle Unsicherheit, beengte Wohnverhältnisse oder Sprachbarrieren – wird es für Kinder und Jugendliche schwieriger, ihre individuellen Potenziale auszuschöpfen.

Wie können Sie und Ihr 40-köpfiges Team Kinder und Jugendliche hier unterstützen?

Wir schauen gemeinsam mit der Familie, was das Kind konkret braucht, und bieten oder vermitteln die entsprechende Unterstützung niedrigschwellig und möglichst unabhängig von der finanziellen Situation. Wir begleiten rund120 Kinder und Jugendliche vom ersten bis zum sechzehnten Lebensjahr durch individuelle persönliche Förderung und Lernförderung, und wir stehen auch den Eltern beratend zur Seite. Wir wollen jedem Kind die Chance bieten, einen Bildungs- und Lebensweg einzuschlagen, der seinen Fähigkeiten, Interessen und Zielen entspricht – unabhängig davon, wo es aufgewachsen ist oder welche Voraussetzungen es mitbringt.

Wie sieht diese individuelle Hilfe konkret aus?

Ein Kind mit Schwierigkeiten in Mathematik zum Beispiel bekommt bei uns frühzeitig gezielte Unterstützung, entwickelt mehr Sicherheit und erlebt: „Ich kann das schaffen“, anstatt aufzugeben. Ein Jugendlicher aus finanziell belastetem Elternhaus erhält Zugang zu Nachhilfe oder Freizeit- und Bildungsangeboten, die sich seine Familie nicht leisten könnte. Oder ein Kind mit wenig Selbstvertrauen kann durch intensives Sozialkompetenztraining, verlässliche Beziehungen und ermutigende Erfolgserlebnisse erfahren, was in ihm steckt. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor dabei ist auch die langfristige Begleitung: Kinder und Jugendliche haben im Dominik-Brunner-Haus verlässliche Ansprechpersonen – von der Krippe über den Hort bis zur Ausbildungsberatung. Sie wissen: Da ist jemand, der mich kennt, der mich ernst nimmt und der mich nicht alleine lässt.

Was muss bundesweit passieren, um für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen?

Wir brauchen ein starkes Zusammenspiel von Schule, Jugendhilfe, sozialen Einrichtungen wie dem Dominik-Brunner-Haus der Johanniter, Familien und weiteren Partnern vor Ort. Wir brauchen mehr Einrichtungen, die Kinder individuell unterstützen können, ausreichend Fachpersonal, verlässliche Beziehungen, Zeit und Kontinuität – und vor allem die Bereitschaft, jedes Kind mit seinen individuellen Stärken und Bedürfnissen in den Blick zu nehmen.

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