Wir lassen den Motor an – aus Liebe zum Leben!
Die Johanniter in Bayerisch Schwaben klären auf: Warum laufende Motoren an Einsatzstellen notwendig sind
Es ist eine Szene, die sich regelmäßig wiederholt: Ein Rettungswagen steht mit laufendem Motor vor einem Wohnhaus, auf einem Supermarktparkplatz oder an einer Notaufnahme und Passanten zeigen Unverständnis. „Muss der Motor wirklich laufen?“, werden unsere Einsatzkräfte zunehmend gefragt. Die Antwort darauf ist eindeutig: Ja, oft ist es zwingend notwendig. Und das aus Gründen, die im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten können.
Florian Bäuml, Rettungsdienstleiter der Johanniter in Bayerisch Schwaben, kennt die Situation gut: „Das Thema laufender Motor beschäftigt unsere Kolleginnen und Kollegen fast täglich. Für viele Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar – dabei sprechen technische, medizinische und auch menschliche Gründe klar dafür.“
Lebenswichtige Geräte brauchen Strom
Moderne Rettungswagen sind hochkomplexe mobile Intensivstationen. An Bord befinden sich zahlreiche medizinische Geräte, die ständig mit Strom versorgt werden müssen: EKG, Defibrillator, Absaugpumpen, Medikamentenpumpen, Funkgeräte, elektrische Fahrtragen, Kühlschränke für hitzeempfindliche Medikamente, beheizte Infusionsfächer, Navigations- und Ortungstechnik. Viele dieser Systeme laufen dauerhaft, auch im Stand.
„Unsere Fahrzeuge sind normalerweise in der Garage an eine externe Stromversorgung angeschlossen“, erklärt Bäuml. „Aber in vielen städtischen Bereichen sind die Rettungswägen so häufig im Einsatz, dass sie kaum zur Basis zurückkehren. Das bedeutet, sie müssen ihre Energie direkt über den Fahrzeugmotor erzeugen.“
Die Lage wird sich mit der Einführung zusätzlicher Telemedizin-Geräte künftig noch verschärfen. Schon heute ist es keine Seltenheit, dass ein Rettungswagen wegen leerer Batterien einen sogenannten „Notstart“ durchführen muss – ein potenzielles Risiko für Patienten, wenn im Ernstfall wertvolle Zeit verloren geht.
Hitze und Kälte: Medizinische Risiken für Patient und Personal
Neben dem Strombedarf spielt auch das Klima im Fahrzeug eine entscheidende Rolle. Gerade im Sommer steigen die Temperaturen im Inneren eines stehenden Fahrzeugs innerhalb von Minuten auf hohe Werte. Für viele Patienten – vor allem mit Kreislaufproblemen – kann das zur zusätzlichen Belastung oder gar zur Gefahr werden. Auch einige Medikamente verlieren bei Temperaturen über 25 Grad Celsius ihre Wirkung.
„Ob jemand einfach nur schwitzt oder ob ein klimatisierter Innenraum überlebenswichtig ist, wissen wir vorher nie“, so Bäuml. „Deshalb müssen wir jederzeit bereit sein – auch klimatisch.“
Im Winter ist es nicht anders. Zwar verfügen viele Fahrzeuge über Standheizungen, doch auch diese benötigen Strom. Besonders bei Unfallopfern muss das Auskühlen des Körpers verhindert werden, da eine sinkende Körpertemperatur die Blutgerinnung deutlich verschlechtert mit möglicherweise fatalen Folgen.
Schutz für die wichtigste Ressource: Das Rettungsteam
Ein oft unterschätzter Punkt sind die Einsatzkräfte selbst. „Unsere Mitarbeitenden leisten körperlich und emotional Höchstleistungen“, betont Florian Bäuml. „Nach Stunden im Dauereinsatz bei sengender Hitze oder eisiger Kälte ist es essenziell, dass sie sich zumindest kurzzeitig in ein temperiertes Fahrzeug zurückziehen können.“
Ein überhitzter oder unterkühlter Rettungsdienstler hat nicht nur weniger Energie, sondern ist auch anfälliger für Fehler. Dabei zählt in Notfällen jede Sekunde und jede Entscheidung. Der Schutz des Personals ist somit auch ein Schutz für die Patientinnen und Patienten.
Verständnis hilft helfen
Die Johanniter bitten die Bevölkerung daher um Verständnis, wenn ein Rettungswagen bei laufendem Motor steht. Es geht dabei nicht um Bequemlichkeit, sondern um Sicherheit, Versorgung und am Ende oft auch um das Leben von Menschen.