Katastrophenschutz im Landkreis Harburg: Die Sanitätsgruppen

„Katastrophenschutz ist Teamarbeit.“

Die 1. Sanitätsgruppe des Ortsverbands Seevetal bei einer Übung, mit Gruppenführung Nadine-Isabell Jansen (re).

Bei größeren Schadenslagen übernehmen die Ehrenamtlichen der Sanitätsgruppen im Landkreis Harburg die medizinische Versorgung Verletzter und Betroffener. Ein Gespräch mit Nadine-Isabell Jansen und Christian Klinke, Gruppenführung der 1. Sanitätsgruppe im Ortsverband Seevetal.


Wenn von Katastrophenschutz die Rede ist, denken viele an große Naturkatastrophen. Was machen die Sanitätsgruppen der Johanniter tatsächlich?

„Unsere Aufgabe ist die medizinische Versorgung vieler Verletzter oder Erkrankter bei größeren Schadenslagen. Dafür stellen wir Johanniter im Landkreis Harburg zwei Sanitätsgruppen innerhalb des Einsatzzuges ‚Sanität und Betreuung‘. Wir unterstützen den Rettungsdienst, wenn die regulären Kräfte allein nicht mehr ausreichen, und übernehmen die Versorgung von Patienten in Patientenablagen oder Behandlungsbereichen. Zudem unterstützen wir mit Transportkomponenten wie mit Krankentransportwagen (KTW) oder Rettungstransportwagen (RTW).“

Was genau versteht man unter einer Patientenablage?

„Eine Patientenablage kann man sich als eine Art vorgeschaltete medizinische Versorgungsstelle vorstellen. Dort werden Verletzte gesammelt, gesichtet und erstversorgt, bevor sie in Krankenhäuser weitertransportiert werden. Im Landkreis Harburg stellen die Johanniter zwei dieser Patientenablagen und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung größerer Schadenslagen.“

Wie ist eine Sanitätsgruppe aufgebaut?

„Eine Sanitätsgruppe besteht aus ehrenamtlichen Einsatzkräften mit unterschiedlichen Qualifikationen – von Sanitätshelfern über Rettungssanitäter bis hin zu Ärzten. Gemeinsam bilden sie eine eigenständig einsetzbare Einheit. Ergänzt wird das Personal durch speziell ausgestattete Fahrzeuge und umfangreiches medizinisches Material. Die Sanitätsgruppen sind landesweit einheitlich strukturiert und können dadurch auch über Landkreisgrenzen hinweg zusammenarbeiten.“

Welche Ausstattung steht euch als Sanitätsgruppe zur Verfügung?

„Das Herzstück ist der ‚Gerätewagen Sanität‘, mit dem wir eine große Menge an medizinischem Material zur Einsatzstelle bringen können. Er führt umfangreiche Ausrüstung für die Versorgung einer größeren Zahl von Patienten mit. Dazu gehört Beatmungsmaterial, Verbandmaterial oder intensivmedizinische Überwachungsmöglichkeiten. Hinzu kommen Mannschaftstransportwagen für das Personal. Mit dieser Ausstattung können wir innerhalb kurzer Zeit eine medizinische Infrastruktur aufbauen, die deutlich über die Möglichkeiten einzelner Rettungswagen hinausgeht. Zusätzlich haben wir noch KTW und RTW.“

Jeder Landkreis hält ein sogenanntes MANV-Konzept (Massenanfall von Verletzten) vor, einen regionalen Einsatzplan, der bei Großschadenslagen greift. Welche Rolle spielen die Johanniter im MANV-Konzept des Landkreises Harburg?

„Zusätzlich zu den beiden Patientenablagen stellen wir eine Patiententransportkomponente. Diese kommt zum Einsatz, wenn viele Patienten gleichzeitig in Krankenhäuser transportiert werden müssen. Gerade bei größeren Schadenslagen ist das ein entscheidender Baustein, um die Patienten geordnet und möglichst schnell in geeignete Kliniken zu bringen.“

Die Ehrenamtlichen üben die Patientenversorgung und Trageübergabe am Rettungswagen anhand einer Übungspuppe.

Die ehrenamtlichen Helfer machen regelmäßig Übungen und Trainings. Worauf bereitet ihr euch ganz konkret in der Ausbildung vor?

„Wir trainieren unsere Skills anhand unterschiedlicher Szenarien. Dazu gehören Verkehrsunfälle mit vielen Betroffenen, Brände, Evakuierungen, Unwetterlagen oder auch Schadensereignisse mit einer großen Anzahl Verletzter. Neben medizinischen Fähigkeiten üben wir vor allem das Zusammenspiel vieler Einsatzkräfte und Organisationen.“

Was macht den Katastrophenschutz im Landkreis Harburg besonders?

„Der Landkreis Harburg hat eine besondere Lage. Einerseits grenzt er direkt an Hamburg und ist von wichtigen Verkehrsachsen wie den Autobahnen A1 und A7 geprägt. Andererseits haben wir große ländliche Bereiche mit längeren Anfahrtswegen und eine geringere Krankenhausdichte als in der Großstadt. Zudem gibt es im Landkreis keine Berufsfeuerwehr. Deshalb spielt die Zusammenarbeit der ehrenamtlichen Kräfte eine große Rolle.“

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen?

„Katastrophenschutz funktioniert nur gemeinsam. Feuerwehr, Rettungsdienst, Johanniter, Deutsches Rotes Kreuz und weitere Organisationen arbeiten im Landkreis Harburg seit vielen Jahren eng und vertrauensvoll zusammen. Jeder bringt seine besonderen Fähigkeiten ein. Genau dieses Zusammenspiel macht den Erfolg bei größeren Einsatzlagen aus.“

Gibt es Einsätze, die euch besonders in Erinnerung geblieben sind?

„Sehr prägend war der tragische Unfall bei einem Vater-Kind-Zeltlager in Toppenstedt im Jahr 2023. Dort stürzte eine mit Kindern und Erwachsenen besetzte Gitterbox von einem Radlader. Ein fünfjähriger Junge und ein 39-jähriger Mann kamen ums Leben, zahlreiche Kinder wurden verletzt. Für die Einsatzkräfte war insbesondere die hohe Zahl betroffener Kinder eine enorme emotionale Belastung.“

Warum war dieser Einsatz für die Helfer so herausfordernd?

„Wenn Kinder betroffen sind, ist das immer besonders belastend. Viele Einsatzkräfte sind selbst Eltern. Gleichzeitig müssen wir in solchen Situationen professionell arbeiten und medizinische Hilfe leisten. Genau deshalb sind Ausbildung, Übung und auch die Nachsorge für Einsatzkräfte so wichtig.“

Ein weiterer außergewöhnlicher Einsatz war in Inzmühlen/Handeloh. Was ist dort passiert?

„2015 kam es in einem Seminarzentrum in Handeloh zu einem außergewöhnlichen Massenanfall von Patienten. Mehr als 30 Teilnehmende eines Heilpraktiker-Seminars mussten nach einer mutmaßlichen Amphetaminvergiftung medizinisch versorgt werden. Zahlreiche Rettungskräfte aus mehreren Landkreisen waren im Einsatz. Für den Landkreis Harburg war das damals eine der ungewöhnlichsten und größten medizinischen Einsatzlagen überhaupt.“

Was möchtet ihr Menschen mitgeben, die überlegen, sich im Katastrophenschutz zu engagieren?

„Katastrophenschutz ist Teamarbeit. Niemand muss alles können, aber jeder kann etwas beitragen. Man lernt medizinische und organisatorische Fähigkeiten, übernimmt Verantwortung und erlebt einen außergewöhnlichen Zusammenhalt. Gleichzeitig hilft man Menschen in Situationen, in denen sie dringend Unterstützung brauchen. Das macht dieses Ehrenamt für viele von uns so besonders.“