Katastrophenschutz im Landkreis Harburg: Einsätze im ländlichen Raum

"Aus jedem Einsatz nehme ich etwas mit."

 Einsatzleiter Stappenbeck markiert Einsatzkarte am Führungsfahrzeug mit Karte und Einsatzplan
Einsatzführung: Daniel Stappenbeck aktualisiert Karte und Einsatzplan am Führungsfahrzeug.

Daniel Stappenbeck, 38 Jahre, ist Leiter der Führungseinheit und Zugtruppführer im Ortsverband Seevetal bei den Johannitern im Regionalverband Harburg. Im Interview berichtet er, was Katastrophenschutz im ländlichen Raum ausmacht.


Was macht die Führungseinheit im Regionalverband Harburg?

Daniel Stappenbeck: „Wir sind als Führungseinheit grundsätzlich im Katastrophenschutz tätig, der immer dann aktiv wird, wenn Menschen mit den eigenen Ressourcen nicht mehr hinkommen und es einer überörtlichen Führung bedarf. Dann kommen wir zum Einsatz und übernehmen innerhalb unseres Einsatzzuges die uns zugewiesenen Aufgaben. Das kann z.B. die Betreuung von Menschen sein, weil sie evakuiert oder geräumt worden sind und nicht in ihre Häuser oder Wohnungen können. Dabei kümmern wir uns um die Organisation von Einsatzabschnitten und um die Bewältigung von dem, was dann anliegt. Außerdem unterstützen wir mit der Untereinheit „Aufklärungstrupp Luft“ bei Sucheinsätzen mit unseren Drohnen.“

Wie sieht ein typischer Einsatz aus?

„Ein typischer Einsatz liegt erst ein paar Wochen zurück: In Sprötze mussten hunderte Menschen aufgrund eines Böschungsbrandes einen Zug verlassen. Der Einsatz baute sich über einen normalen Notruf einzelner Personen auf, welche medizinische Hilfe benötigten. Im Einsatzverlauf haben wir uns dann um ca. 1.000 Personen aus zwei Zügen gekümmert, welche auf Grund der Streckensperrung quasi auf freier Strecke gestrandet sind und haben diese geordnet versorgt. Das bedeutet konkret, einen eigenständigen Einsatzabschnitt zu bilden und führen, dabei mit unterstellten Kräften die Menschen aufzufangen, an geeigneter Stelle zu versorgen mit dem, was man so braucht: Von einer Toilette über Wasser und Snacks bis hin zur geordneten Einweisung zum Schienenersatzverkehr. Unsere Helfer müssen dann natürlich mit dem richtigen Material an Ort und Stelle gebracht werden. Wir organisieren also alles, was den Menschen hilft und bringen Mensch und Maßnahme zusammen.“

Was sind die besonderen Herausforderungen im Landkreis? 

„Im Gegensatz zur Stadt, die über viel Infrastruktur und Ressourcen verfüg, ist unser Einsatzgebiet im Landkreis Harburg eher ländlich geprägt. Wir haben größere Distanzen und Wegstrecken zu überbrücken. Bei einer Großschadenslage beispielsweise könnte in der Stadt Hamburg aus jedem Stadtteil ein Rettungswagen geschickt werden. Im Landkreis Harburg ist die Versorgungsdecke dünner, deshalb braucht es hier mehr ehrenamtliche Kräfte wie die Freiwilligen Feuerwehren oder uns, die gemeinschaftlich agieren und unterstützen. 
Im April mussten zum Beispiel 70 Menschen bei einem Kellerbrand aus einem Hotel in Asendorf raus. Sie wurden von uns im Dorfgemeinschaftshaus untergebracht und für einen begrenzten Zeitraum betreut.“

Nochmal zurück zu eurer Einheit: Welche Aufgaben hat die Führungseinheit, die im Ortsverband Seevetal beheimatet ist?

„Wir sind immer eine Unterstützungskomponente und unterstützen den Einsatzleiter. Das ist in 99 Prozent der Fälle ein Feuerwehrführer. Unseren Einsatzleitwagen (ELW) kann man sich wie ein fahrendes Büro vorstellen, er verfügt über eigenen Strom mit Lichtmast, eine Satellitenanlage und ist autark unterwegs. Wir stellen eine Lagekarte zur Verfügung, übernehmen die Funkkommunikation, machen die Einsatzdokumentation und bereiten letztendlich alle Informationen als Entscheidungsgrundlage auf. Wir kommunizieren mit den übergeordneten Kräften, schreiben Einsatzbefehle und übernehmen ganz viel Organisation und Dokumentation.“

Bei Übungen werden Maßnahmen wie die Patientenversorgung und der -transport trainiert.

Was genau machst du als Leiter der Führungseinheit und welche Aufgaben gibt es noch innerhalb der Gruppe?

„Meine Aufgabe ist die administrative Organisation der Gruppe und dafür zu sorgen, dass wir eine gute Gruppendynamik haben, eine gute Ausbildung sicherstellen und bin einfach Ansprechpartner. Im Einsatz gibt es verschiedene Aufgaben, die es zu bewältigen gibt: Einer übernimmt die Einsatzstellenkommunikation, das Einsatztagebuch, die Lagekarte, das Schreiben von Meldungen, einer ist Führungsassistent. Letztendlich verteilen wir die Aufgaben je nach Einsatzlage und jeder wird so ausgebildet, dass er auf möglichst jeder Position arbeiten kann.“

Wie bereitet ihr euch auf Einsätze vor?

„Wir trainieren regelmäßig bei Übungen, wie bei Großschadenslagen unter sehr realistischen künstlichen Stressbedingungen, eine Struktur in einem chaotischen Einsatz aufzubauen. Bei Massenanfällen von Verletzten, kurz MANV, gibt es Unterschiede zwischen Land und Stadt: In der Großstadt geht es sehr schnell, bis eine große Anzahl an Rettungswagen vor Ort ist; im Landkreis dauert es aufgrund der Entfernungen entsprechend länger. Und genau diese zügige Verteilung und Organisation der vorhandenen Rettungsmittel in Kombination zu den besonderen Anforderungen einer Großschadenslage müssen wir regelmäßig üben.“

Was hat dich geprägt in den 21 Jahren, in denen du schon im Ehrenamt dabei bist?

„Aus jedem Einsatz nehme ich etwas mit. Wo Menschen Hilfe brauchen und sich in außergewöhnlichen Situationen befinden, erfahre ich eine große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Auch eine gute Zusammenarbeit mit anderen Einsatzkräften und mit Kollegen prägt natürlich auch. Ich habe als Helfer im Sanitätsdienst und im Katastrophenschutz angefangen und bin in die Strukturen hineingewachsen.“

Wie gehst du persönlich mit den Einsätzen im Katastrophenschutz um?

„Ich bin während des Einsatzes wie ein Flugzeugpilot, der in kurzer Zeit Entscheidungen treffen muss und eine Checkliste nach Priorität abarbeiten muss. Man hat keine Zeit, sich mit der Lage mit allen Sinnen auseinander zu setzen. Erst hinterher realisiere ich oft erst, was eigentlich passierte.“

Was bedeutet dein ehrenamtliches Engagement im Katastrophenschutz für dich?

„Es bedeutet für mich, Menschen zu helfen, eine gute Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen, interessante Gespräche und guter Austausch, eine gute Gemeinschaft, und dabei noch etwas Sinnvolles tun können.“

Was kannst du zu unserem Jahresthema „Bereit. Für alle Fälle“ aus deiner Erfahrung heraus als Tipp mitgeben?

„Eine Herausforderung, die alle Einsatzkräfte haben ist: Die allgemeine Bevölkerung ist es gewohnt, dass immer alles überall und jederzeit verfügbar ist. Wir sind ganz schön aufgeschmissen, wenn es nicht der Fall ist. Daher unsere Bitte: Es ist sehr sinnvoll, wenn man einige Tage selbstständig überbrücken kann und nicht sofort auf externe Hilfe angewiesen ist. Das würde es uns Einsatzkräften einfacher machen. Wenn man etwa 24 Stunden überbrücken kann, sich selber versorgen und verpflegen kann. Ich kann jeden einzelnen nur dazu ermutigen, diese eigene Resilienz aufzubauen und zu stärken. Das macht uns in der gesamten Bevölkerung widerstandfähiger für jegliche Notsituationen.“