Katastrophenschutz in der Großstadt: Vorbereitet auf große Lagen

Dirk Willmann in grauer Einsatzweste mit Reflexstreifen und Sprechfunk

Wenn der Alarm eingeht, zählt jede Minute.

Für Dirk Willmann (47) ist das keine Metapher, sondern gelebter Alltag. Als Einsatzleiter im Katastrophenschutz der Johanniter-Unfall-Hilfe in Hamburg hat er in mehr als 25 Jahren erlebt, was es wirklich bedeutet, bereit zu sein – und was diese Bereitschaft tagtäglich kostet.


„Richtig vorbereitet bist du nie“, sagt Dirk Willmann. Der 47-Jährige ist Einsatzleiter im Katastrophenschutz bei den Johannitern in Hamburg. Schon als Kind faszinierte ihn die Feuerwehr. Über die Jugendfeuerwehr fand er schließlich vor gut 25 Jahren seinen Weg zu den Johannitern. Sein erster großer Einsatz im Katastrophenschutz ließ nicht lange auf sich warten: das Elbehochwasser 2002. Gemeinsam mit den anderen Ehrenamtlichen hat er betroffene Orte evakuiert und die Einsatzkräfte versorgt. Das treibt ihn bis heute an: „Wenn man einmal im Realeinsatz war und merkt, dass man wirklich etwas bewegen kann, dann lässt einen das nicht mehr los.“ 

Trotz all seiner Erfahrung weiß er: „Es kommt immer etwas, womit du nicht gerechnet hast.“ Und doch ist genau diese Vorbereitung das Fundament seiner Arbeit. Was bedeutet sie in der Praxis? „Du bist gut vorbereitet, wenn dein Material funktioniert, dein Team weiß, was zu tun ist und du schnell in den Einsatzmodus kommst.“

Was dabei oft unsichtbar bleibt: Ein Großteil der Arbeit findet fernab von Einsätzen statt. „Neunzig Prozent unserer Arbeit ist Materialpflege. Wenn das alles läuft, ist das schon die halbe Miete“, erklärt Willmann. Kein Blaulicht, keine dramatischen Szenen, stattdessen gewissenhafter Alltag, der im Ernstfall den Unterschied macht. 

Üben für den Ernstfall

Dazu gehören auch regelmäßige Ausbildungsabende und Übungen für die Ehrenamtlichen: „Wir trainieren regelmäßig alle Handgriffe: vom Zeltaufbau bis zur medizinischen Versorgung. Dinge, die wir selten machen, müssen wir bewusst wiederholen, damit sie im Ernstfall funktionieren.“ Eine besondere Rolle spielen dafür die Sanitätsdienste bei Großveranstaltungen wie dem Schlagermove. „In der Großstadt haben wir den Vorteil, dass wir viele große Sanitätsdienste haben. Da erleben die Helfer echte Situationen – vielleicht nicht gleich Leben und Tod, aber sie lernen, mit mehreren Patienten gleichzeitig umzugehen“, beschreibt der Einsatzleiter. Wichtig ist für die Einsatzkräfte dabei nicht nur das praktische Training, sondern vor allem auch die emotionale Auseinandersetzung mit belastenden und stressigen Situationen bei Großeinsätzen. 

Herausforderungen in der Metropole

Katastrophenschutz in einer Metropole wie Hamburg stellt die Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen. Dichte Bebauung, komplexe Infrastruktur, Industrie, Verkehr, der unübersichtliche Hauptbahnhof, der weitläufige Hafen, der Flughafen: All das sorgt dafür, dass eine Lage sich rasend schnell ausweiten kann. Was anderswo ein überschaubarer Vorfall bleibt, kann in Hamburg binnen kurzer Zeit Tausende von Menschen betreffen. Die Vernetzung, die die Großstadt stark macht, wird im Krisenfall zur Verwundbarkeit. Hinzu kommt, dass beispielsweise das Hafenareal oder der Flughafen in der Hansestadt anders als in vielen anderen Großstädten sehr zentral liegen. Damit liegen viele Risiken dicht an Wohngebieten. „Die Lage wird in der Großstadt relativ schnell ziemlich groß“, beschreibt der Einsatzleiter die Situation. Und auch die Infrastruktur selbst wird zum Risiko: „Wenn in Hamburg der Verkehr zusammenbricht, kommen auch die Einsatzkräfte kaum noch durch. Und bei einem Stromausfall sind plötzlich tausende Menschen und Einrichtungen gleichzeitig betroffen: Krankenhäuser, Pflegeheime, Aufzüge. Und gleichzeitig hast du viele Menschen, die vielleicht alleine sind und Hilfe brauchen.“

Einsatzrealität: Entscheidungen unter Druck

Im Einsatz selbst bleibt keine Zeit für langes Abwägen. „Wenn es schnell gehen muss, lässt du alles stehen und liegen und bist sofort unterwegs“, so Willmann. Pläne helfen zur gedanklichen Vorbereitung, aber die Realität zeigt sich erst vor Ort. „Erst vor Ort siehst du, was wirklich Sache ist. Unsicherheit kannst du dir nicht erlauben. Du musst handeln.“ Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit: Das ist vielleicht die wichtigste Kompetenz im Katastrophenschutz. Und sie lässt sich nur durch Erfahrung, Training und ein funktionierendes Team aufbauen.

Ehrenamt als unverzichtbares Fundament

Was den Katastrophenschutz in Deutschland trägt, ist zu einem großen Teil ehrenamtliches Engagement. Für Willmann ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern eine unverzichtbare Realität: „Flächendeckenden Katastrophenschutz würdest du ohne Ehrenamt nie hinbekommen.“ Und in diesem System entscheidet am Ende das Team. „In allen Hilfsorganisationen gibt es diesen harten Kern an Leuten, die über das Maß hinausgehen. Die halten das Ganze am Laufen.“

Wenn die Belastung zu groß wird

Einsätze im Katastrophenschutz fordern nicht nur körperlich, sondern auch emotional, vor allem, wenn sie über mehrere Tage andauern. Dirk Willmann weiß, wie wichtig es ist, die eigenen Einsatzkräfte dabei im Blick zu behalten. „Du musst erkennen, wenn jemand mit der Situation nicht klarkommt. Manchmal reicht es, jemanden kurz rauszunehmen, durchatmen zu lassen. Und danach sprichst du im Team darüber.“

Nach belastenden Einsätzen folgt die Nachbereitung durch professionelle Teams der Einsatznachsorge. 

Wie gut sind wir vorbereitet?

Eine Frage, die Willmann auch an die Bevölkerung richtet. Seine ehrliche Einschätzung fällt nüchtern aus: „Ich glaube, viele Menschen sind nicht wirklich gut vorbereitet. Man sollte sich zumindest gedanklich darauf vorbereiten, dass nicht immer alles reibungslos läuft.“

Dabei wäre die Grundlage einfach: Wer in der Lage ist, sich für mehrere Tage selbst zu versorgen, entlastet im Ernstfall die Einsatzkräfte erheblich. Behörden und Hilfsorganisationen empfehlen einen Notvorrat für mindestens zehn Tage: Wasser, Lebensmittel, Medikamente, wichtige Dokumente, eine Taschenlampe. In der Großstadt, wo Lagerfläche in Wohnungen oft knapp ist, mag das ambitioniert klingen. Aber auch drei bis vier Tage Eigenversorgung – wie Willmann es als Minimalziel nennt – sind besser als gar keine Vorbereitung. Jeder Haushalt, der sich selbst helfen kann, ist ein Haushalt, um den sich die Einsatzkräfte im Ernstfall nicht kümmern müssen. 

Haltung und Berufung

Am Ende des Gesprächs bringt Dirk Willmann auf den Punkt, was Katastrophenschutz für ihn wirklich bedeutet, jenseits von Technik, Logistik und Einsatzplänen: „Katastrophenschutz ist Liebe, Leidenschaft und absolute Hingabe.“ Eine Haltung, die erklärt, warum Menschen wie er auch nach 25 Jahren noch jeden Alarm ernst nehmen. Der letzte größere Einsatz seines Teams war im Juli 2025 beim Brand im Marienkrankenhaus: Dort führte er die Einheiten der Hilfsorganisationen, die vor Ort waren.

Aufgaben der Hamburger Johanniter im Katastrophenschutz:

  • Errichtung und Betrieb von Notunterkünften

  • Medizinische Versorgung

  • Transport von Menschen bei Hochwasser

Zusätzliche Aufgaben im Zivilschutz

  • Besetzung der Medical Task Force 56 für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen.

Einsatzfälle: 

Der letzte ausgerufene Katastrophenfall in Hamburg war das Elbhochwasser 1962. 

Die Hamburger Johanniter bringen sich aber auch unterhalb dieser Katastrophenschutzebene ein: Zum Beispiel wird der Patiententransportzug alarmiert, wenn Blindgänger gefunden werden, um mobilitätseingeschränkte Personen aus dem Gefahrengebiet zu evakuieren. 

In regelmäßigen Übungen und bei Sanitätsdiensten bereiten sich die Helferinnen und Helfer auf eventuelle Lagen vor. Bei Sanitätsdiensten trainieren sie neben ihrer medizinischen Qualifikation auch die Führungsstruktur für den Einsatzfall.