Kirchenjahr 2015/2016

Impuls zum Ewigkeitssonntag

Fenster in Nancy; Foto: Messer&Lemm

"Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen..." Offenbarung 21, 1-4

Am letzten Sonntag im Kirchenjahr laden die Gemeinden insbesondere die Menschen ein, die einen geliebten Menschen verloren haben und in ihrer Trauer an ihre Grenzen gestoßen sind.

"Totensonntag" ist die Bezeichnung, die sich weitläufig eingebürgert hat. In der Sprache der Kirche sagen wir "Ewigkeitssonntag" und weisen damit darauf hin, dass am Ende des Jahres der Neuanfang steht, am Ende des Lebens die Auferstehung, am Ende der Welt der Himmel Gottes. Wir glauben über die Grenzen unserer Zeit an die Ewigkeit, wo wir unser Lebenswerk getrost loslassen, also "das Zeitliche segnen" können, und wo alles neu sein wird, eine neue Erde, ein neuer Himmel.

Wie stellen Sie sich den Himmel vor? Wir alle, als Engel auf einer Wolke sitzend, preisend und frohlockend? Petrus vor dem Himmelstor mit wallendem weißen Gewand und Bart? Alles untermalt mit sphärischen Klängen? Oder wie unsere momentane Erde, nur ohne Kriege, ohne Hunger, Not und Elend? Überall Friede. Kein Tod?

Der Obige Bibeltext antwortet: Es wird wie hier sein und doch ganz anders: nach dem Tod folgt nicht das kalte Nichts, kein Abgrund des Vergessens, sondern die ausgestreckte Hand Gottes. In seiner Nähe wird alles vergehen, was wir noch an Kummer und Rätseln aus dieser Welt mitgenommen haben. Dann wird alles neu sein: offen, erwartungsvoll, verheißungsvoll, heilig und befreit von aller Last der Schuld und Verfehlungen. Es wird alles gut sein.

Erinnern Sie sich? Als wir Kinder waren, wischte uns Mutter die Tränen ab und ein letzter tiefer Schluchzer befreite uns von dem Druck der Angst.

So wird es sein: nach unserem letzten Atemzug wird Gott es selbst sein, der uns befreit von dem Druck der inneren und äußeren Tränen, die Tränen von Schmerz, Verzweiflung und Zorn. Wir werden es wieder empfinden wie ein Kind: In seiner Nähe bin ich geborgen. Es ist nicht mehr so schlimm.

Am Sterbebett lautet das letzte Wort des Arztes "Exitus - Ausgang". Die christliche Beerdigungsliturgie verwandelt dieses Wort um in "Introitus - Eingang". Und wir beten dann ""Gott behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit". Somit werden aus dem Ausgang ein Hindurchgehen und ein Übergang in das ewige Leben. Ich bleibe nicht. Aber Gott bleibt mir auch im Tode. Und damit habe ich eine ewige Bleibe.

Fördermitglied Soeur Ute Hampel, Spiritualin der Johanniter-Schwesternschaft e.V.

Impuls zum Monat November

"Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen." 2. Petr 1,19 (L)

Draußen ist es nun im Herbst früh dunkel. Die Tage werden kürzer. Mit dem kühlen Wetter ziehe ich mich mehr in meine Wohnung zurück. Abends zünde ich eine Kerze an. Ihr weiches Licht strahlt Wärme aus und verbreitet eine heimelige Atmosphäre in meinem Zimmer.  Bald spüre ich, wie beruhigend das warme und stimmungsvolle Licht auf mich wirkt. 

Dazu fällt mir die alte Verheißung wieder ein, je näher der Advent rückt. Der Morgenstern geht auf als Zeichen für uns, dass wir uns wieder auf den Geburtstag des Herrn freuen dürfen. Mit der Verheißung sind Vorfreude und Hoffnung verbunden. Ich nehme mir vor, den Advent in meinem Herzen aufgehen zu lassen.

Johanniterschwester Gela Spöthe

Impuls zum Monat Oktober

"Da wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." (2. Kor. 3,17)
Was bedeutet in diesem Zusammenhang Freiheit? Heißt das dann auch, da wo der Geist des Herrn nicht ist, da ist keine Freiheit? Und was bedeutet Unfreiheit, also gefangen?

Häufig sind wir gefangen in uns selbst, in unseren Sehnsüchten, Wünschen und oft auch in unseren Problemen. Wir sind unfrei durch selbstauferlegte Grenzen aber ebenso durch tatsächliche und/oder empfundene Zwänge der Gesellschaft.

Manchmal verfangen wir uns so, dass wir an nichts anderes mehr denken können. Sie beeinflussen unser ganzes Denken, Tun und Sein. Gerne würden wir ausbrechen wollen, aber es gelingt nicht! Hier gewährt uns Jesus eine Chance. ER bietet Freiheit an.

Bin ich als Christ in der Weise frei, dass ich tun und lassen kann, was ich will? Ganz ohne Rücksicht auf andere? Nein, das ist damit nicht gemeint. Einerseits weiß ich, ich werde von Jesus geliebt, so wie ich bin. Ich bin eigentlich frei und muss mir vor IHM nichts verdienen. Andererseits merke ich, wenn ich alles nur laufen lasse, wenn ich einfach nur meine Freiheit genieße, passiert nichts. Das bedeutet, ich muss auch selber etwas tun. Ich muss mich also einbringen und an mir arbeiten, um mich aus meinen Zwängen zu befreien. Und dabei kann ich auf Jesu Hilfe hoffen.

Nun kommt aber die große Frage: Wie schaffe ich das?

Freiheit in diesem Zusammenhang bedeutet, dass wir freiwillig und mit Überzeugung so leben wie ER es uns lehrte - wenn wir uns entscheiden, SEINEN Werten und Geboten zu folgen und unserer Tun und Sein danach ausrichten, dann sind wir frei! Freiheit erhalten wir also durch unsere innerste Überzeugung und unser Leben im Glauben.

Jesus bietet uns Freiheit an - wenn wir SEINEM Geist folgen, werden wir frei sein.

Johanniterschwester Monika Eilhardt

Impuls zum Monat September

Septembergarten, Foto: Messer&Lemm IX/2015

Zu den schönen, manchmal ergreifenden, mitunter auch verstörenden Erfahrungen eines Lebenslaufs gehört eine Liebeserklärung. Gleichviel, ob die Liebe mit klopfendem Herzen, feuchten Händen und womöglich mit zitternder Stimme angetragen wird. Oder ob die Erklärung heiß ersehnt, erhofft, erwartet – manchmal gar befürchtet (auch das passiert) entgegengenommen wird.

Für die- oder denjenigen, der den ersten Schritt tut, bedeutet dieses „ich liebe Dich!“ eine Selbstoffenbarung, die das Risiko einschließt, sich lächerlicher zu machen und auch die Gefahr, einen Korb zu bekommen.

Unabhängig davon, was auf den Antrag folgt, bleibt dieser eine Satz, „ich liebe Dich!“ eines der kostbarsten, wenn nicht das kostbarste Geschenk, das ein Mensch empfangen kann. Darin spiegeln sich nach meiner Wahrnehmung alle Facetten menschlichen Sehnens und Wünschens wider: Angenommen sein, Beständigkeit, Geborgenheit, Halt, Hoffnung, Vertrauen, Zärtlichkeit, Zukunft, Zuversicht, …

(Meine Liste lässt sich gewiss noch vervollständigen!?!)

Der Monatsspruch für den September d.J. berichtet uns von einer ganz besonderen Liebeserklärung. Im Buch des Propheten Jeremia steht der folgende Satz:

„Gott spricht: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ Jeremia 31.3 (Übersetzung: Luther-Bibel, Stuttgart 2013)

Gott lässt mit dieser Liebeserklärung sein Volk durch Jeremia wissen, dass er es nicht verlassen hat. Er wird es nicht in der Verbannung und Diaspora auf Dauer der Willkür und Fremdherrschaft aussetzen, sondern heimführen in das Land der Väter.

Der Bibelabschnitt dem unser Monatsspruch entnommen ist, trägt in der Luther-Übersetzung die Überschrift: „Die Heimkehr der Versprengten“. Wer diesen Abschnitt liest, findet dort die Zusagen, die Gott seinem Volk vor mehr als zweitausendsechshundert Jahren machte und die keine leeren Versprechungen waren:

"8 Siehe, ich will sie aus dem Lande des Nordens bringen und will sie sammeln von den Enden der Erde, auch Blinde und Lahme, Schwangere und junge Mütter, dass sie als große Gemeinde wieder hierher kommen sollen. 9 Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. Ich will sie zu Wasserbächen führen auf ebenem Wege, dass sie nicht zu Fall kommen; … 10 Höret, ihr Völker, des Herren Wort und verkündet's fern auf den Inseln und sprecht: Der Israel zerstreut hat, der wird's auch wieder sammeln und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde.“ Jeremia 31.8 ff.(Übersetzung: Luther-Bibel, Stuttgart 2013)

Einmal mehr macht Gott deutlich, dass sein gegebenes Wort verbindlich, seine Liebe und Barmherzigkeit unergründlich und ohne Ende sind. „Ich habe Dich je und je geliebt! ...“

Das ist die Zusage an das auserwählte Volk Israel. Und es ist Gottes Zusage an alle Völker. Denn durch den Opfertod und die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus bin ich mit hineingenommen in diese Liebeserklärung Gottes.

„Ich habe Dich je und je geliebt!“ heißt doch: „Ich habe Dich geliebt von Deinem ersten Atemzug an, den Du in dieser Welt getan hast!

Ich liebe Dich, welchen Weg Du auch gehen magst; ich will bei Dir sein, Dich leiten und beschützen!

Ich werde Dich lieben, wenn Du Deinen letzten Atemzug tust und zu mir zurückkehrst. Und selbst dann wird meine Liebe zu Dir kein Ende haben!“

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum Monat August

„Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander!“ [Mk 9,50 (E)]

„… Salz zu sein bedeutet, eine Gemeinschaft zu beleben, anzuregen, Impulse zu setzen und sogar herausfordernd wirksam zu sein, wenn eine Gemeinschaft lahm wird, wenn keine Ziele mehr vor Augen stehen, wenn die Demokratie- oder Wohlstandsmüdigkeit einsetzt…“ (http://www.gemeinde-schlachtensee.de/gottesdienst/andachten/monatsspruch-2016-08.html)

Als ich diese Aussage beim Durchstöbern des Internets gelesen habe, habe ich gedacht, zum Glück ist die Gemeinschaft der Johanniterschwestern nicht lahm, wir haben Ziele vor Augen und die Wohlstandsmüdigkeit hat noch nicht zugeschlagen. Das Salz scheint bei den Johanniterschwestern vorhanden zu sein und hoffentlich bleibt uns dies lange erhalten.

Die Johanniterschwestern, die sich am Schwesterntag, bei den Regionaltreffen, Seminaren, … zusammenfinden, legen Wert auf gemeinsame Andachten, die neues Salz in ihnen ablagern. Salz, der Weg mit Jesus, der Weg mit Gott, der uns stärkt und immer wieder neu ermutigt loszugehen, Veränderungen zu wagen, visionär zu sein und auf andere Menschen, egal in welchem Zusammenhang, zuzugehen. 

Haltet Frieden untereinander. Wir leben in unsicheren Zeiten, gefahrvoll ist Manches geworden. Unsere alten Sicherheiten und Gewohnheiten, unsere ganze Selbstverständlichkeit sicheren Lebens bröckelt. Aber Jesus sieht, dass wir gegensteuern können. Das fängt ganz klein an. Das beginnt bei jeder einzelnen Johanniterschwester und wirkt weiter in die Johanniter-Schwesternschaft und darüber hinaus. Was Jesus nicht möchte ist Resignation und Rückzug. Egal was ist, der Weg führt weiter, hin zu einem Ort, von dem wir glauben, dass dort alles zusammenläuft.

Die Johanniter-Schwesternschaft, die sich in Andachten und Gottesdiensten versammelt, die Jesus in ihrer Mitte weiß, die die Sakramente feiert und sich immer neu dieser Begegnung aussetzt, soll vor allem eines sein – ein Ort der Frieden hat und von dem Frieden ausgeht. Damit z.B. die Gäste, die zum Schwesterntag kommen erleben: Hier ist es gut, hier bin ich geborgen, hier werde ich gesehen, hier haben sie etwas für mich – ein Wort, ein offenes Ohr und ganz viel Gemeinschaft.

Ich wünsche euch allen Gottes reichen Segen, Vertrauen in Gottes Zutrauen, Mut, das zu nutzen, was Jesus in uns sieht und immer neu das Wagnis, in den Glauben hineinzuspringen und zu erleben, wie er uns alle trägt.

Johanniterschwester Silke Kloppenburg-Grote

Impuls zum Monat Juli

„Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.“ Ex 33,19  

"Theologie: Rede von Gott – es gibt viele Möglichkeiten, von Gott zu sprechen. Die Bibel redet zwar oft über Gott, legt aber auch das Reden zu Gott, also das Gebet, nahe. Und eine dritte literarische Redeweise von´ Gott findet man: das bemerkenswerte Phänomen, dass Gott selbst zu Wort kommt. Theologisch besonders dichte Abschnitte sind so gestaltet, dass Gott über sich selbst in erster Person spricht. Gerade im Buch Exodus stellt sich Gott mehrfach selbst vor.

Aufgrund der Fürbitte des Mose (Ex 32,31-32) gewährt Gott dem Volk Vergebung – und das in einer Situation, die auf menschlicher Ebene die endgültige Zerrüttung der Freundschaft oder Ehe bedeutet hätte. Als Zeichen der Vergebung erbittet Mose von Gott, Gott möge ihn seine Herrlichkeit sehen lassen (Ex 33,18). Das ist eine an sich vermessene Forderung nach unmittelbarer Nähe zu Gott, aber so wird der Ernst der Lage nur noch unterstrichen. Gott lehnt nicht direkt ab, trifft aber entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz des Mose. Und Mose sieht Gott auch nur ´von hinten´(Ex 33,23´meinen Rücken´). Der hebräische Ausdruck kann auch zeitlich aufgefasst werden:´im Nachhinein´ – und das kommt der menschlichen Weise der Gotteserfahrung am nächsten. Der Mensch erfährt Gott nicht unmittelbar, sondern deutet im Nachhinein sein Leben in den Spuren Gottes. Die Erfahrung, dass trotz größten Scheiterns immer wieder ein Neuanfang möglich ist, kleidet die Bibel in die Rede vom gnädigen und barmherzigen Gott. Als ein solcher stellt sich Gott in jenem dramatischen Erzählmoment vor, in dem er an Mose vorüberzieht.

`Dann zog Gott vorüber vor ihm und er rief aus: „Gott. Ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und von großer Huld und Treue,  der Tausenden (Generationen) Huld bewahrt, der Schuld, Frevel und Sünde wegnimmt – aber er spricht nicht einfach frei – der die Schuld der Väter prüft bei den Söhnen und Enkeln, bei der dritten und vierten Generation.`(Ex 34,6-7)

Dieser Zentraltext biblischer Theologie wird in der Forschung´Gnadenformel` genannt. .

Der erste Satz, nur scheinbar eine Banalität, erinnert an die vorausgehenden Selbstvorstellungen Gottes in Wort und Tat. Gott hat sich wirklich als der erwiesen, als der er sich am Beginn des Exodusbuches angekündigt hat. Und jetzt nimmt Gott zum Scheitern der Menschen Stellung. Die Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit Gottes, die Gottes eigene und ganz souveräne Entscheidung ist (Ex 33,19), erstreckt sich über Tausende (seien es Nachkommen oder, vielleicht angemessener, Generationen).

Dieser erste Teil könnte dahingehend missverstanden werden, dass dann die sittlich-ethische Entscheidung des Menschen irrelevant wird und seine Verantwortlichkeit aufgehoben ist – gleichgültig, was er tut, Gott wird ohnehin vergeben. Dass dem nicht so ist, macht der zweite Teil deutlich, der so eine Grundspannung in biblischer Gottesrede aufbaut (s. auch Ex 20,5-6). Gott spricht nicht einfach frei:

Die menschliche Verantwortlichkeit bleibt bestehen, die göttliche Barmherzigkeit ist keine Automatik."(Zitat https://www.bibelwerk.de/sixcms/media.php/157/Gottes%20Offb%20am%20Dornbusch%20Hieke%20BiKi%204-07.pdf)geholfen)

Liebe Mitschwestern, bei diesem Vollkornbrot der Bibel hat mir das Internet und ich hoffe, einigermaßen deutlich gemacht zu haben, worum es geht. Gehen Sie verantwortlich mit sich selbst und Ihren Nächsten um, erst dann werden Sie Gottes Barmherzigkeit spüren. In diesem Sinne Ihnen allen einen sonnigen Sommer.

Johanniterschwester Heike v. Knobelsdorff

Impuls zum Monat Juni

Frühsommer bei Maria Laach, Foto: Messer&Lemm V/2014

 „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden“.

2. Mose (Exodus), 15.2 (Einheitsübersetzung) 

„Not lehrt beten!“ So lautet eine alte Weisheit. Aber, lehrt überstanden Not auch danken? Wie schnell ist alle quälende Sorge, alle Bedrängnis, alle halbwegs heil durchlebte und durchlittene Gefahr vergessen, sobald wieder sicherer Boden unter den Füßen ist und der Weg unbeschwert fortgesetzt werden kann?

Eben noch im tosenden Unwetter, von Blitzen umzuckt, von Stürmen gejagt, ist, sobald die Sonne wieder scheint, alles vergessen: Der Angstschweiß und das Herzklopfen, die zitternden Knie und die Panik, nicht mehr heil aus der Geschichte herauszukommen.

Vielleicht mahnt die erschrockene Erkenntnis, dass diese oder jene Situation auch böse hätte ins Auge gehen können, noch für einen Moment an das vorübergezogene Unheil, dass dann doch nicht mit der befürchteten Gewalt eingetreten ist. Ist das „Gott sei Dank!“ tatsächlich ernst gemeint, das oft genug als erlösender Stoßseufzer am Ende einer Beinahe-Katastrophe steht?

Bleibt in meinem eiligen Alltag Raum für die Erkenntnis, dass ich mich nicht ausschließlich aus eigener Kraft, eigenem Können oder eigenem Verdienst aus so manchem Fallstrick habe ziehen können, den mir das Leben hingelegt hat.

Nehme ich mir die Zeit, mir klar zu machen, dass es eine schützende Hand in meinem Leben gibt, in die ich mich im Zweifelsfall begebe, wenn alle mutmaßliche Sicherheit nicht ausreicht und die Stricke, die halten sollten doch nachgeben und reißen? – Oder neige ich dazu, mich alleine auf die eigene Stärke, die eigenen Fähigkeiten zu berufen, wenn ich mit heiler Haut davon gekommen bin – auch wenn es lange nicht danach aussah?

Das Kapitel unseres Monatsspruchs für den Juni trägt die Überschrift: Moses Lobgesang. Darin preist er Gott für die wundersame Errettung der Israeliten von der Verfolgung durch das Heer des Pharao. Vor sich das unüberwindbare Hindernis des Roten Meeres, hinter sich die ihnen nachjagende Streitmacht der Ägypter, schien das Schicksal der Hebräer besiegelt. Und ist es dann doch nicht. Weil Gott seine schützende Hand über die vermeintlich Schutzlosen hält, geht Moses nach der Rettung nicht einfach zur Tagesordnung über. Er nimmt das Geschehen nicht als eine glückliche Fügung eines blinden Schicksals, geschweige denn als Resultat seiner eigenen überragenden Fähigkeiten. Mit seinem Lobgesang macht der deutlich, wem dieser Ausgang zu danken ist.

Deshalb ist für mich der Monatsspruch auch eine Einladung, in den Höhen und Tiefen meines Alltags immer wieder inne zu halten und Gott nicht nur um Hilfe und Beistand zu bitten. Sondern auch meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, dass er es ist, der mich durch die Stürme meines Lebens trägt.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum Monat Mai

Oder habt ihr etwa vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist,  
der in euch wohnt und den euch Gott gegeben hat? Ihr gehört also nicht mehr euch selbst. (1. Kor. 6,19)
 

Das biblische Menschenbild hat eine ganzheitliche Sicht vom Menschen. Der „Körper“ oder „Leib“ beinhaltet alles was das Menschsein auszeichnet. Es geht dort um alles, was die Identität eines Menschen ausmacht: die Erfahrung von Krankheit und Behinderung, den Wunsch nach Wissen und Kreativität, die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Angenommen-Sein, … ABER:

Woraus besteht die Gestalt („Körper“)?

Der menschliche KÖRPER besteht zu rund zwei Drittel aus Wasser, der Rest aus einer komplizierten Mischung aus Wasser und chemischen Verbindungen. Haut und Knochen, Muskeln, Sehnen, Nerven, Innereien, Blut …  –  zusammengefasst sind das feste oder flüssige, aber alles nachweisbare Bestandteile.

Woraus besteht die Seele?

Mit der SEELE wird es da schon etwas schwieriger, hier ist nicht mehr alles greifbar. Der Seele kann man den Verstand, unsere Gefühle und unseren freien Willen zuordnen. Und alles bedingt sich gegenseitig.       
Ohne einen schlechten Gedanken, kein schlechtes Gefühl. Ohne einen guten Gedanken kein gutes Gefühl. Man kann nicht fühlen, ohne vorher zu denken. Wir besitzen die Gabe, Dinge zu überdenken und haben die Entscheidungsfreiheit Dinge zu tun oder zu lassen.

Woraus besteht der Geist?

Der GEIST des Menschen ist das „Herz“. Hier ist nicht das Organ gemeint, sondern ein immaterielles Sein, die innere Stimme, das Gewissen, die Intuition, die Fähigkeit Gut und Böse voneinander zu unterscheiden. Dieser Geist ist uns von Gott gegeben. Damit können wir IHN zu erkennen. Er wirkt durch die Kraft Gottes und verleiht Liebe, Weisheit, Besonnenheit und Erkenntnis.         

Der Körper ein Tempel des Heiligen Geistes. Demnach besteht der Mensch nach biblischem Verständnis also aus Geist, Seele und Fleisch. Die Person in ihrer Ganzheit und Gottebenbildlichkeit - alles gehört zusammen und macht als ein Ganzes den Menschen aus. Weil es so ist, sollten wir unserem ganzen Körper Beachtung schenken. Es ist wichtig, dass wir dabei stets alle drei Bestandteile - Körper, Seele und Geist - im Blick haben. Nicht nur Leib und Seele brauchen Nahrung - auch unser Geist!
Den Körper „ernähren“ wir mit Essen, Trinken, sozialer Gemeinschaft und Schlaf; die Seele mit Liebe, Erziehung, Kreativität, Erkenntnissen und Wissen; den Geist mit göttlicher Gemeinschaft durch das Wort der Bibel sowie durch das Teilhaben an der christlichen Gemeinschaft.

Die für uns so bedeutende Aussage liegt also darin, dass in jedem einzelnen Menschen der Tempel des Heiligen Geistes zu finden ist. Aus dieser Sicht ist ausnahmslos jeder Mensch - egal welchen Glaubens, welcher Nationalität, welchen Geschlechts, welchen Alters, welcher Bildungsschicht … - eine Schöpfung Gottes. Von Gott hat jeder Einzelne seinen einzigartigen Wert. Wenn wir uns das bewusst machen, können wir gar nicht anders, als Gott in und mit unserem ganzen Menschsein zu achten! Der liebevolle und annehmende Blick Gottes soll sich in dem verwirklichen, was wir sind. Wir spüren tragenden Grund unter unseren Füssen und Anregungen zum Handeln. Wir erleben was es heißt, sich führen zu lassen.

Johanniterschwester Monika Eilhardt

Monat April

„Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Matth.27, Vers 54

Jesus schreit und stirbt. Jetzt schweigt der Himmel nicht mehr. Die Sonne verfinstert sich. Über alle Menschen unter dem Kreuz geht das Licht aus. Gott hüllt die Welt ins Dunkel. Die Erde bebt. Die Gräber öffnen sich. Der Vorhang im Tempel zerreißt und gibt den Blick frei auf das Allerheiligste. Das, was sonst nur der Hohepriester sehen durfte, ist nun für alle sichtbar. Jesus stirbt und der Zugang zu Gott öffnet sich, so beschreibt es Matthäus. Gott ist uns nahe! Im Leben und im Tod. Im Glück und im Leid. Im Licht und im Dunkel. In der Gemeinschaft und in der Einsamkeit. Gott lässt sich hineinziehen in das Leben ganz so wie Jesus es gelebt und erzählt hat.

Das Kreuz gehört mitten in unser Leben weil es ein Zeichen ist gegen die Verdrängung des Todes, und weil es das Zeichen ist, das der Tod nicht das letzte Wort. Das Kreuz erinnert uns an unsere eigenen Grenzen. Mit dem Kreuz mitten in unserem Leben trauen wir Gott noch heute zu, bei uns zu sein, uns zu korrigieren und uns zu begleiten in glücklichen Zeiten wie in Zeiten, in denen wir vom Tod umfangen sind. 

Du kannst nicht tiefer fallen

Als nur in Gottes Hand,

die er zum Heil uns allen

barmherzig ausgespannt.

Es münden alle Pfade

durch Schicksal Schuld und Tod,

doch ein in Gottes Gnade

trotz aller unserer Not.

Wir sind von Gott umgeben

auch hier in Raum und Zeit.

Und werden in ihm leben

und sein in Ewigkeit.

(EG 533)

 

Es mag sein, dass alles fällt,

dass die Burgen dieser Welt

um dich her in Trümmer brechen.

Halte du den Glauben fest,

dass dich Gott nicht fallen lässt:

Er hält sein Versprechen.

(EG 378)

 

Johanniterschwester Heike v. Knobelsdorff

Impuls zum Monat März

Paulus-Statue am Haus ‚Steipe‘, Trier Hauptmarkt,Foto: Messer&Lemm XII/2015

"Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?". Römer 8.31

Die Bedrohung für Leib und Leben, wie sie der Apostel Paulus erlebte und wie sie den Menschen in den frühchristlichen Gemeinden von Korinth, Ephesus, Thessalonich und eben auch Rom stets präsent war, war eine täglich gegenwärtige. Angefangen von Pöbeleien, Anfeindungen und Nachstellungen, mussten sie immer damit rechnen, dass die Ablehnung in Hass umschlug, die sich in roher Gewalt entlud.

Dass Paulus in seinem Brief an die junge Gemeinde in Rom keine trotzige Durchhalteparole ausgab, wird deutlich, wenn man diesen Satz im Kontext des Abschnitts im achten Kapitel (Römer 8. 18 bis 39) liest, diesem wunderbaren Schlusswort, in dem Paulus eine Glaubensgewissheit ausspricht, die von keinem Zweifel berührt ist (Römer 8. 38 u. 39): "Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." Kein Konjunktiv, kein 'könnte-sein' oder ein 'vielleicht ist das ja so'. Nein, ein eindeutiges: "Ich bin gewiss!"

Diese hoffnungsfrohe Gewissheit zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Abschnitt, der die Gefahren und die Endlichkeit des Daseins weder ausblendet, noch auf ein Jenseits vertrösten will, in dem eine Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht, Entbehrungen oder Trübsal versprochen wird. Diese Zusage hat von ihrer Aktualität nichts eingebüßt, sie galt nicht nur vor knapp zweitausend Jahren, sondern immer noch, in meinem Hier und Jetzt. Nicht umsonst hing deshalb das Pauluswort, "Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?" aus dem Römerbrief während meiner Vorbereitung auf die Verhandlung zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer neben meinem Schreibtisch an der Wand; ein Kalenderblatt, übriggeblieben vom Vorjahr 1978.

Den Kriegsdienst zu verweigern war zu der Zeit noch keine Selbstverständlichkeit. Die Verhandlungen zur Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Gewissensentscheidung konnten bis zu zwei Stunden und länger dauern. Nicht selten saßen in diesen Kommissionen ältere Herren, die noch aus eigenem Erleben wussten, wie sich Krieg anfühlt. Es gab absurde Fragen und manchmal musste eine zweite oder dritte Verhandlung durchlaufen werden, bis die Anerkennung, wenn überhaupt, ausgesprochen war.

Meine Entscheidung führte zu heftigen Streitereien in meiner Familie. Meiner armen Mutter, die nur Angst hatte, ich könne berufliche Nachteile haben, wenn der Ersatzdienst in meinen Bewerbungen auftauchte, fehlten die Argumente, um ihren beiden jüngeren Brüdern zu begegnen. Meine Onkel hatten in der jungen Bundesrepublik den Wehrdienst geleistet und schimpften mich einen Drückeberger. Ein bisschen Soldat spielen habe noch keinem geschadet, mischte sich der Mann meiner Patentante ein. Sein Sohn war für den Wehrdienst nicht tauglich. Auch unter meinen Klassenkameraden und im Lehrerkollegium während meines letzten Schuljahres hatte es Reaktionen von befremdlich hochgezogenen Augenbrauen bis zu Ablehnung und Geringschätzung für meine Entscheidung gegeben.

Dass mich Zweifel an meinem Entschluss beschlichen, den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern, will ich nicht behaupten. Aber all diese Stimmungen machten mich unsicher und übten einen immer stärkeren Druck aus, dem ich mich kaum gewachsen fühlte. Und dann saß mein väterlicher Freund, der damalige Pfarrer unserer Gemeinde, der mich auch zur Verhandlung begleiten sollte, mit mir bei der Abfassung meiner Erklärung für ebendiese Verhandlung neben mir an meinem Schreibtisch. Er hat meine Unsicherheit gespürt und mich auf das Kalenderblatt mit dem Pauluswort hingewiesen: "Nimm es als Verheißung und als Wahrheit!" sagte er nur. -

Es ist unwahrscheinlich, dass ich ohne diese Gewissheit aus dem Paulusbrief an die Römer den Weg gegangen wäre, den ich dann gegangen bin!

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum Ostersonntag

Eingang zur Klause bei Kast.,Foto: Messer&Lemm

„Christus spricht: Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Offenbarung des Johannes 1, 18

Aus diesem Bibeltext spricht die uralte Angst des Menschen vor dem Tod und die tiefe Sehnsucht, ihn zu überwinden oder zumindest, ihn zu verstehen.

Gerade in der Karwoche erleben wir in den Gottesdiensten den Versuch, Tod und Auferstehung Christi verständlich  und zeitgemäß zur Sprache zu bringen.

Ich war tot…

Leiden und Tod gehört zum Leben aller Geschöpfe. Das Sterben Jesu erinnert uns auch an unsere eigene Endlichkeit. Letztlich ist diese Endlichkeit das einzige, worauf wir uns im Leben wirklich verlassen können. In unserer ureigenen Tätigkeit, der Pflege, erleben wir immer wieder hautnah die Ängste und Nöte Kranker und Sterbender. Sie leiden und Leiden kümmert, Leiden bekümmert.

„Du, der Dich das Leiden anderer nicht kümmert, man kann Dich nicht Mensch nennen“ - sagt ein persischer Dichter. Leiden kann im Islam Folge menschlichen Fehlverhaltens oder auch Ausdruck der Allmacht Gottes sein. Was es im Einzelfall ist, weiß Gott allein. Wir sind aufgerufen mit-zu-leiden, zu helfen. Hier werden wir Christen an Hiob erinnert.

Der Trost, den Christen  in der Leidensgeschichte Jesu finden können, ist für Andersgläubige oder Atheisten nicht erreichbar. Die Begegnungen mit ihnen werden in unserem Berufsalltag immer häufiger und wir müssen versuchen, uns auf die völlig unterschiedlichen Sichtweisen einzulassen und sie zu tolerieren.

Für andere ist nach dem Sterben einfach Schluss. Im Gespräch, das ich  mit einem alten Herrn zu diesem Thema führte, kam der Ausspruch: ‚Ein Leben nach dem Tod kann ich mir nicht vorstellen, das wäre ja viel zu voll da oben‘. Vielleicht hat dieses Bild, welches ja sicher nicht einzigartig ist, zu der Vorstellung geführt, die vielen Seelen wären auf den Himmel und die Hölle zu verteilen?

…und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit…

In dieser Aussage steht die Überwindung des Todes hell und klar wie ein Licht im Raum. Gott will das Leben und ist stärker als der Tod. Wenn er sagt von Ewigkeit zu Ewigkeit, kann ich das interpretieren als ein Kommen aus der Ewigkeit und als ein Gehen wieder dorthin, wenn wir sterben. Das würde heißen, wir gehen wieder dorthin, wo wir hergekommen sind. Als Hebamme meinte ich immer bei Neugeborenen, in den ersten Stunden nach der Geburt, ein unergründliches Wissen in den Augen zu sehen. Für mich kommen diese neuen Erdenbewohner nicht aus dem ‚Nichts‘, sie bringen etwas mit, zu dem wir mit unserem Bewusstsein keinen Zugang mehr haben. Muss ich den Tod ‚überwinden‘ oder öffnet er mir die Türe zum ewigen Leben?

Dietrich Bonhoeffer hat in seinen „Vier Stationen auf dem Weg zur Freiheit“ in der Haft zum Tod formuliert:

Komm nun, höchstes Fest auf dem Weg zur Freiheit

Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern

unseres vergänglichen Lebens und unserer verblendeten Seele

dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.

Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.

Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Die Hoffnung und das Sehnen nach einem Sinn unseres irdischen Lebens und nach der Gerechtigkeit im ewigen Leben - in den Worten Jesu wird uns eine Gewissheit angeboten.

…und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Gibt es die Hölle, Dantes Inferno?

Ganz sicher schon auf Erden können Menschen Hölle erleben, wenn sie aus Süchten nicht heraus kommen, oder aus der Spirale von Gewalt und Verbrechen. Hölle auf Erden sind schlimme Verhältnisse, in denen Menschen kaputt gehen und wo es keinen Ausweg zu geben scheint. Ich verstehe den Schlüssel als das Instrument, welches uns gegeben ist um Menschen aus ihrer persönlichen Hölle herauszuhelfen. Manchmal ist ein, von außen gesehen, kleines Leid erdrückend für einen Menschen und wir können mit ein paar Trostworten beim Tragen helfen. Manchmal reicht es schon, einfach da zu sein, ein Grußwort, ein Lächeln zu haben.

‚Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan‘ Matthäus 25.

Zur Überwindung der diesseitigen Hölle bietet uns Christus den Schlüssel an, die Hölle nach dem Tod kann ich mir nicht vorstellen.

Johanniterschwester Gisela von Schnakenburg

Impuls zum Karfreitag

Lutwinus-Schrein in der Kirche St. Lutwinus, Mettlach/Saar, Foto: Messer&Lemm IV/2015

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Johannes 3.16

Was auf Golgatha geschehen ist, übersteigt im Grunde genommen unser Vorstellungsvermögen. Alle Facetten des menschlichen Wesens, alle Höhen und Tiefen des menschlichen Seins begegnen uns in den Ereignissen des Karfreitagsgeschehens. Da ist hier der selbstherrliche Pontius Pilatus mit seinem Allmachtsanspruch des römischen Statthalters. Und dort der zwar populäre aber nun zum Tode verurteilte Wanderprediger aus Nazareth. Dessen Jünger haben, bis auf einen, die Flucht ergriffen. Womöglich aus Angst, das gleiche Schicksal zu erleiden, wie ihr Meister. Frauen sind es, die nicht fort liefen, sondern unter dem Kreuz aushalten und mitleiden. Und eben dieser eine Jünger, Johannes.

Die Spötter sind in der Mehrzahl, die Misstrauischen und die Rechthaber. Gemeinsam mit den Gaffern und Neugierigen machen sie sich lustig über diesen angeblichen Sohn Gottes, den König der Juden, wie es auf dem Schild über seinem Kopf geschrieben steht und verhöhnen ihn. Fast unbeteiligt stehen die Repräsentanten der Besatzungsmacht dabei. Sie haben ihre Pflicht getan. Ihre Aufgabe war es, die Ordnung wieder herzustellen. Nun bleibt nicht viel mehr, als das aufzuteilen, was dieser Jesus hinterlässt; die Kleider wird er sowieso nicht mehr brauchen. Und da der Rock zu schade ist, um ihn zu zerschneiden, wird darum gewürfelt.

Was vor ein paar Tagen unter den Hosianna-Rufen beim Einzug in Jerusalem so verheißungsvoll begonnen hatte, im Garten Gethsemane nimmt es eine böse Wendung. Es endet schließlich am Spätnachmittag des darauf folgenden Freitags vorläufig in der Grabkammer des Joseph von Arimathäa, unweit von Golgatha. Kaum einer hat die Tragweite erkennen können, die in diesen Ereignissen liegt. Ausgenommen vielleicht jener Schächer, der mit Jesus zusammen gekreuzigt wurde und ihn noch im eigenen Todeskampf gegen Spott und Gehässigkeit verteidigt. Und dem Jesus verheißt, dass er diese Welt nicht unerlöst verlassen wird! 

In der weihnachtlichen Festzeit haben wir die Menschwerdung Gottes in der Geburt seines Sohnes gefeiert. Diesen Gedanken müssen wir aufgreifen, wenn wir die Geschehnisse von Golgatha verstehen wollen. Denn es ist keine Verkettung unglücklicher Umstände, die zu Jesu Tod führen. Gott selbst gibt seinen einzigen Sohn hin, zur Erlösung seiner in Schuld und Sünde verstrickten Menschheit. Er setzt buchstäblich ein Zeichen seines großen Erbarmens und seiner grenzenlosen Liebe. Einer Liebe, die sich in der Solidarität Gottes mit der leidenden Kreatur zeigt und die gleichzeitig seine Versöhnung mit den schuldig gewordenen in dem Gekreuzigten auf Golgatha sichtbar macht. Einer Liebe, die uns allen zugesprochen ist und unsere Hoffnung begründet!

Thomas E. Messer, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

 

Impuls zum Palmarum 7. Sonntag der Passionszeit

Mitteltafel des Altars der Peter- und Paulkirche in Weimar

„So wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Joh.3 Verse 14+15

Liebe Mitschwestern und Fördermitglieder,

Nun sitze ich mal wieder am Schreibtisch und versuche für Sie/Euch einen ziemlich schwierigen Bibeltext für den Sonntag Palmarum auszulegen. Der Palmsonntag läutet im wahrsten Sinne des Wortes die Karwoche ein, also jene Zeit in der Jesus den schwersten Weg seines Lebens gehen musste. Wir erinnern uns gerne an die Bilder aus unserer Kinderbibel und an die Geschichten aus dem Kindergottesdienst.

Und nun dieser Bibeltext?

Johannes der Evangelist greift die Geschichte von der Schlange in der Wüste auf und versteht sie als Urbild für die Kreuzigung Jesu. Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden. Der Evangelist Johannes meint das mit der Erhöhung zunächst ganz räumlich. So wie Mose die Schlange hoch gehängt hat, so hängt auch Jesus von der Erde erhöht am Kreuz. Man kann zu ihm aufschauen.

Warum musste Jesus am Kreuz sterben? Warum hat Gott ihm dieses Schicksal zugemutet? Warum hat Jesus sein Leben hingegeben? Diese Frage haben sich seine Freunde und Nachfolger immer wieder gestellt. Die Antwort des Evangelisten Johannes: Es ist die Liebe Gottes: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Gott liebt die Welt so, dass es ihn schmerzt, wenn sie verloren geht, wenn die Menschen den Sinn des Lebens versäumen. So sendet er seinen Sohn in die Welt, um sie zu retten. Das ist Gottes Ziel und Absicht.

Was passiert aber?

Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht. Jesus lebt Gottes Liebe zu den Menschen, er erzählt davon, aber er findet keine begeisterte Aufnahme. Nur wenige folgen ihm. Und schließlich wird er ans Kreuz geschlagen.
Doch das hindert Gottes Liebe nicht, zu ihrem Ziel zu kommen. In seinem Tod überwindet Jesus Tod und Teufel.
Die Mächte der Finsternis haben sich zu früh gefreut. In seinem Tod nimmt Jesus das Böse auf sich und bringt es in sich selbst zu Ende. Er gibt als Opferlamm sein Leben hin.

Zitat: „Die von Martin Luther (1483-1546) wiederentdeckte Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben wurde von Lukas Cranach d. Ä. (1472-1553) und seiner Werkstatt mehrfach in aussagekräftigen Lehrbildern dargestellt. Am deutlichsten geschieht dies auf der Mitteltafel des Altarwerks der Stadtkirche zu Weimar, auf der Cranach den Blutstrahl der Gnade aus der Seitenwunde Christi direkt auf dem eigenen Kopf landen lässt .Klar und nachvollziehbar vermittelt Cranach seine Erkenntnis, dass keine andere heilsvermittelnde Institution zwischen den Gläubigen und Christus tritt.“

Was hat dieses Bild und der sperrige Text mit uns zu tun?

Lukas Cranach der Ältere wird getroffen vom Blutstrom Jesu, und er tut – nichts. Darin ist es ein ganz evangelisches/lutherisches Bild. Der Mensch empfängt die Gnade Gottes, das Heil, völlig passiv. Im Glauben – das zeigen die gefalteten Hände. Der Blutstrahl aus der Seitenwunde Jesu trifft Cranach, der als Sinnbild für einen einfachen Menschen gesehen wird. Erlösung findet er durch seinen Glauben an Jesus Christus. Der Evangelist Johannes nennt es das ewige Leben und meint damit nicht nur das Leben nach dem Tod, sondern Heil im umfassenden Sinn, die Fülle des Lebens, das Reich Gottes, die Seligkeit, der Sinn des Lebens, hier und jetzt - und dann für immer.

Wir brauchen nicht permanent zu rennen, um den Sinn des Lebens zu entwickeln oder ihm nachzujagen, sowie der Mensch auf unserem Bild gejagt wird von den Dämonen.

Die Dämonen unserer Zeit (Burnout, Depressionen, Zivilisationskrankheiten etc.) entstehen immer dann, wenn wir nicht an das ewige Leben glauben. Eben nicht nur das Leben nach dem Tod ist gemeint, sondern die Fülle des Lebens, der Sinn für unser Dasein, den wir nicht versäumen dürfen. 

Deshalb: Reformatorisches Programm: Nur allein der Glaube führt ins Himmelreich, nicht die guten Taten.

Johanniterschwester Heike von Knobelsdorff

Impuls zum Judika 6. Sonntag der Passionszeit

Kapelle Sankt Joseph, Mettlach/Saar; Foto: Messer&Lemm

 „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ Matthäus 20.28

Vor einigen Wochen lud mich ein guter Freund spontan zu einem Abendessen ein. Es war kein Restaurant, das man nur in Schlips und Kragen betreten dürfte. Aber eben auch kein Schnellimbiss, wo es nicht so darauf ankommt, wie man(n) gekleidet ist. Der Abend war jung, wir hatten Zeit, und es gab genügend freie Plätze. Wir wählten einen Tisch am Fenster, und spürten dieses angenehme „Feierabend-Gefühl“ in uns aufsteigen.

Zwei Tische weiter saß ein anderer Gast, der nervös mit den Fingern auf dem Tischtuch trommelte. Wiederholt blickte er suchend auf, um gleich wieder abwechselnd in die Speisekarte und auf sein Mobiltelefon zu schauen. Kaum, dass die Kellnerin auf unseren Tisch zusteuerte, um uns die Speisekarten zu reichen, schnarrte er unüberhörbar in gereiztem Ton durch das Lokal: „Bedienung!“

Die wenigen Anwesenden sahen befremdet herüber, während die Angesprochene sich mit einem Lächeln kurz umwandte und sagte: „Ich bin gleich bei Ihnen!“ Sie sagte es höflich, lächelte dem offensichtlich Ungeduldigen freundlich zu und legte uns die Karten hin. Dann wand sie sich dem anderen Gast zu, um seine Wünsche entgegen zu nehmen. Dabei wirkte sie auf mich ganz und gar entspannt. Auch hatte ich nicht den Eindruck, dass sie sich durch diesen Anruf in irgendeiner Art und Weise gekränkt fühlte!

Solche Szenen sind es, die es mir bisweilen schwer machen, den ersten Teil unseres Wochenspruchs als Auftrag anzunehmen. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene…“ . Durch dieses harsch hervorgebrachte „Bedienung“ bekommt das Wort ‚dienen‘ ganz automatisch in meinen Ohren einen Missklang. Es stellt eine scheinbare Hierarchie her, in der sich zwei Menschen nicht mehr auf Augenhöhe begegnen.

Automatisch habe ich das Bild vom Herrn und vom Knecht im Kopf. Hier der Mächtige, der Vorgesetzte, der ‚Chef‘, der, der das Sagen hat. Dort der Abhängige, der Untergebene, der Angestellte, der die Anordnungen und Befehle – möglichst widerspruchslos – entgegen zu nehmen und auszuführen hat. Plötzlich ist da ein zwischenmenschliches Gefälle im Spiel, das den Dienenden zum vermeintlich Unterlegenen macht. Zu einem Menschen, der in der Werteskala meiner Zeit eher am unteren Rand steht, zu dem ich eigentlich nicht gehören möchte.

Genau zu diesen Menschen sagt Jesus ‚ja‘. Er stellt sich zu den Menschen, die am Rand stehen und fragt nicht, ob sie vielleicht selber schuld sind, dass sie nicht zu denjenigen gehören, die das Sagen haben! Er stößt nicht in das Horn, dass man sich nur anstrengen müsse, um dieses Ungleichgewicht zu überwinden. Oder es eben als Gott gegebenes Schicksal annehmen. Ausdrücklich betont Jesus, dass er nicht gekommen ist, um sich (be)dienen zu lassen.

Unser Wochenspruch hat einen zweiten Teil. In dem geht Jesus noch einen Schritt weiter. Er sagt nicht nur, dass er gekommen ist, um zu dienen. Sondern auch, um „sein Leben zu geben zur Erlösung für viele!“

Diese Verheißung lädt mich ein, seinen Auftrag zur Nachfolge und damit zum Dienst am Nächsten anzunehmen.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum Laetare 5. Sonntag der Passionszeit

Körnerbild: Frauengemeinschaft, Guppe Monika; Das Weizenkorn muss sterben, www.Sankt Martin-Sinzheim.de

Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. (Johannes 12, 24)

Das Wort vom Weizenkorn ist Bild der Hoffnung: ein Weg von Verlassenheit zu Vertrauen vom Zweifel zum Glauben vom Tod zur Auferstehung aus Trauer zur Freude.

Gott lässt die Menschen mit ihren Lebensängsten nicht allein: ER gibt sich hinein in den Tod und schafft damit die Basis für neues Leben.

Wir nähern uns der Karwoche, jener Woche, in der wir Jesu Leidensweg ans Kreuz erinnernd begehen. In den Worten des Johannes begegnen wir Jesus, der schon um seinen bevorstehenden Tod weiß, und auch seiner Versuchung, selbigem zu entgehen. Keineswegs emotionslos steht er seiner zu erwartenden Leidensgeschichte gegenüber. Er betet, dass diese Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehen möge. Er weiß aber, dass er diesen Weg gehen muss. Gegen alle innere Not und trotz allen Unverständnisses seiner Umgebung, entscheidet er sich für den Leidensweg. Seinem Herzen folgend und im Gebet um eine gute Entscheidung ringend spürt er, dass er nur fruchtbar sein kann, wenn er seinen Weg konsequent bis zum Ende geht. Der Weizenkorn-Tod ist kein sinnloses Ende. Er ist "Transformation", Verwandlung in Neues! Indem das Korn stirbt, in der Dunkelheit der Erde seine Schale abwirft und seine Existenz aufgibt, kommt es erst zu seiner eigentlichen Bestimmung: Es behält sein eigenes Leben nicht, sondern tauscht es gegen ein reicheres Leben ein.

Ein kleines Korn für einen neuen Halm mit voller Ähre!

Diesen Weg ist Jesus gegangen. ER hat sein Leben an Gott und die Menschen hingegeben. ER hat Gottes Menschenfreundlichkeit unter uns gelebt. ER hat sich aus Liebe zu uns Menschen an uns verloren, damit wir nicht verloren gehen. Das Bild des Weizenkorns veranschaulicht das Geheimnis eines lohnenden Lebens, welches sich so umschreiben lässt: Zum Leben kommt nur der, der sich hingibt. Das heißt, ich finde mich in dem Maß, in dem ich mich an etwas verlieren kann. Ich finde mich immer da, wo ich mich hingezogen fühle oder bei etwas was mich völlig fasziniert. Ich finde mich in der Hingabe an etwas, was mich erfüllt: sei es eine Sache, eine Idee, eine Aufgabe oder eine Person. Wer für etwas "hin und weg" ist oder für etwas "Feuer und Flamme" ist oder in etwas "ganz und gar" aufgeht, wer sich an etwas verlieren kann, der kommt ganz zu sich... Wir Menschen sind auf Hingabe angelegt. Und in dieser Hingabe an etwas, das größer ist als wir selbst, blüht unser Leben auf, es bringt Frucht, die uns und anderen schmeckt. Menschen, die nur auf Selbstverwirklichung setzten, die nur ihre Eigeninteressen im Sinn haben - ihre Lebensqualität, ihre Karriere, ihre Herrschaft...- die verfehlen das Leben. Wer sich aber hingibt und sein Leben an Gott und den Menschen verliert, der gewinnt! Dem fällt ein erfülltes Leben in den Schoß. Das ist der Weg des Weizenkorns, auf den uns Jesus gern locken möchte. Das Weizenkorn muss in die Erde falle. Es braucht die Dunkelheit und Feuchtigkeit der Erde, um keimen zu können. Und es benötigt viel, viel Zeit, in der es einfach nur unproduktiv daliegt im Warten auf seine Verwandlung. Über die Fruchtbarkeit des Weizenkorns wird im Erdreich entschieden. Ob unser Leben fruchtbar wird oder nicht, das entscheidet sich nicht in unseren Aktivitäten. Das reift in der Stille vor Gott heran: Da wo wir uns ihm hingeben. Leben, das heißt loslassen, sich loslassen, und Gott vertrauen. Zum Leben gehört Passion, nicht nur Aktion!

Nur wenn das Samenkorn in der Erde fällt, kann es keimen, neu austreiben und Frucht bringen...

Johanniterschwester Ulrike Gräfin von Armansperg

Impuls zum Okuli 3. Sonntag der Passionszeit

Alter Pflug, Foto: Messer&Lemm

"Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes." Lukas 9.62

Der Abschnitt im Lukas-Evangelium, dem unser Wochenspruch am heutigen Sonntag ‚Okuli' entnommen ist, ist überschrieben: „Vom Ernst der Nachfolge“. Der Name des dritten Sonntags der Fasten- oder Passionszeit, ‚Okuli‘, bedeutet so viel wie „meine Augen sehen stets auf den Herrn“ (Psalm 25.15).

Die Frage, die ich mir immer wieder stelle ist, wie ernst nehme ich in meinem Alltag den Auftrag der Nachfolge, und wie viel Zeit nehme ich mir, um in meinen dringenden Tagesgeschäften, meiner schnellen Welt, Platz zu lassen für Gott. Will sagen, um meine Augen auf den Herrn zu richten.

Nun bin ich kein Klausner, noch bin ich ein Eremit, der unablässig fastet, betet und beständig mit dem Studium der Heiligen Schrift beschäftigt ist. Der für sein leibliches Wohlbefinden nur das Allernötigste tut und der die Welt, wie seine Mit-Menschen soweit als möglich ausblendet. Als ob es sie in seinem Dasein gar nicht gäbe. Perspektive und Ziel einer solchen Lebenshaltung wäre, das Reich Gottes damit zu erreichen.

Alle weltlichen Bemühungen mit ihren eitlen Betriebsamkeiten, dem Streben nach Gut und Geld, nach materieller Sicherheit, nach Anerkennung und Position, vielleicht auch nach Macht und Einfluss, spielten keine Rolle in einem solchen Dasein. Allerdings, die angenehmen und vielleicht auch lustvollen Seiten menschlichen Seins ließe ich dann ebenso hinter mir, um mich nur noch auf das Jenseits auszurichten. –

Hat Jesus das gemeint, als er davon sprach, dass wer die Hand an den Pflug lege und zurückblickt nicht geschickt ist für das Reich Gottes?

Fraglos nicht! Denn damit kann ich nur die eine Hälfte des Doppelgebotes der Liebe (Matthäus 22, 37-40) erfüllen, in dem es, hier verkürzt wiedergegeben, heißt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ In einer ausschließlichen Ausrichtung auf eine jenseitige Welt käme mein Nächster in meinem Leben nicht vor, bliebe ich ihm – und damit Gott – so einiges schuldig.

Die Passions- oder Fastenzeit bietet mir Gelegenheit, meinen Blick neu auszurichten und zu hinterfragen, woran mein Herz hängt. Welchen Ballast ich vielleicht mit mir herumschleppe, statt ihn zurückzulassen. Weil er  mich von meinem Nächsten und damit eben auch von Gott und seinem Reich trennt. Diese Zeit ist mir eine Rüstzeit, die mir zum einen helfen will, die Hand mutig an den Flug zu legen und voranzuschreiten. Ohne das verzagte und bange Zurückschauen, in der Sorge, was ich damit aufgeben könnte. Das heißt auch, mein Kreuz auf mich zu nehmen, nicht stehen zu bleiben, in alten Gleisen und festgefügten Bahnen zu verharren, sondern die Aufforderung zur Nachfolge ernsthaft anzunehmen.

Diese Rüstzeit bereitet mich auf den Karfreitag vor. Aber nicht nur. Gleichzeitig führt sie mich auch, und das scheint mir der wesentliche Punkt, auf das Osterfest hin, an dem ich die Auferstehung meines Herrn und Heilands feiern darf, der für mich gestorben ist.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum Reminiscere 2. Sonntag der Passionszeit

Erste Frühlingsboten, Foto: Messer&Lemm

„Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Römer 5.8

„Wir sind alle kleine Sünderlein, 's war immer so,…der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih ‘n,…‚s war immer, immer so…“ mit diesen Zeilen beginnt ein „Volkslied“, dass seit Jahrzehnten zum festen Repertoire der Karnevalschlager gehört und das hier im Rheinland auch wieder an den vergangenen Karnevalstagen mindestens einmal im Rundfunkprogramm auftauchte.

Nicht nur in der Faschings- oder Fastnachtszeit, auch in unserem Alltag wird der Begriff des Sünders oder der Sünde kaum noch mit dem Sinn und tiefen Ernst gebraucht, wie es in früheren Jahrhunderten Gang und Gäbe war. Zwar sprechen wir bei besonderen Anschaffungen noch von einem „sündhaft“ teuren Kleid oder einer “sündhaft“ teuren Wohnzimmereinrichtung, meinen damit aber gewiss nicht, dass die Beschaffung des Kleides oder der Wohnzimmereinrichtung nicht legal war und womöglich gegen das 7. Gebot verstieß. Das „Arme-Sünder-Bänkchen“ oder die „Arme-Sünder-Glocke“ sind mehr oder weniger aus unserem Sprachgebrauch verschwunden. Wer heute im Alltag bekennt, gesündigt zu haben, meint damit wohl eher, dass es beim Nachmittagskaffee ein Stück Kuchen mehr war, als eigentlich nötig. Oder das Glas Wein über den Durst, das es eben auch nicht mehr gebraucht hätte.

Gewiss, in allen christlichen Konfessionen gibt es das Sündenbekenntnis, gibt es die Beichte, kennen wir das Eingeständnis von Schuld und die Bitte um Vergebung. Ob nun als gemeinsame Beichte im Rahmen eines Abendmahlsgottesdienstes oder als Einzelbeichte. – Wo aber hört das „kleine Sünderlein“ auf und fängt der „Sünder“ an, für den Christus gestorben ist, zu Vergebung der Schuld?

Spitzen wir es doch einmal zu: Bin ich schon ein Sünder oder doch nur ein „kleines Sünderlein“, wenn ich mit meinem Rad eben mal schnell über die rote Ampel sause, weil ich es eilig habe oder meine, dass die rote Ampel nur für Autofahrer verbindlich sei? Hört der ‚Spaß‘ erst dann auf, wenn ich mich wider besseres Wissen alkoholisiert ans Steuer meines Wagens setze und nicht nur mich sondern auch meine Mit-Menschen in höchste Lebensgefahr bringe? Fängt da die richtige Sünde an?

Ist die Halbwahrheit, die ich über eine Kollegin oder einen Kollegen unreflektiert weiter in Umlauf bringe, statt dem Urheber Einhalt zu gebieten, schon eine richtige oder nur eine lässliche, eine kleine Sünde? Ist es erst dann eine richtige Sünde, wenn bewusst böse Gerüchte und Lügen in die Welt gesetzt werden, um dem vielleicht ungeliebten Mit-Menschen ernsthaft in Misskredit zu bringen, ihm zu schaden?

Wer setzt den Maßstab an, bemisst den Schaden, den ich aus Unachtsamkeit, möglicherweise auch aus Vorsatz angerichtet habe, durch ein falsches Wort, eine Nachlässigkeit oder eine Unterlassung. Wer will beurteilen, wo eine Schuld sich nicht mehr mit einer – hoffentlich aufrichtigen – Entschuldigung aus der Welt schaffen lässt.

Ich denke, für Gott machte und macht es keinen Unterschied, wie klein oder groß die Sünde ist, deren ich mich schuldig gemacht haben; er weiß dass ich bei allem Bemühen ein Leben nach seinen Regeln zu führen immer wieder stolpern werden. Seine Liebe zu mir zeigt er eben darin, dass er mich dann nicht liegen lässt und sich abwendet. Damit ich mit meiner Schuld, worin sie auch bestehen mag, weitergehen kann, darum ist Christus für mich gestorben.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum Invocavit 1. Sonntag der Passionszeit

Foto: Messer&Lemm

„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“

1. Johannes 3, 8b

„Das soll der Teufel holen!“ ist eine Verwünschung, die niemanden mehr beeindruckt. Egal, wie ernst sie vielleicht gemeint sein mag! Im Gegenteil. Redewendungen, wie „der Teufel ist ein Eichhörnchen“ oder „der Teufel steckt im Detail!“ ziehen den Höllenfürst allenfalls ins Lächerliche und bringen gerade noch ein überraschtes Staunen zum Ausdruck, weil sich eine Situation oder Begegnung auf Anhieb nicht rational zu erklären lässt.

Damit taugt der Teufel nur noch als Metapher, für etwas, das endgültig verlorengegeben, aufgegeben, oder unwiederbringlich abgeschrieben wird; etwas, das nicht mehr zu retten ist! Was zum Teufel geht oder was der Teufel geholt hat, hat Halt und Richtung verloren, ist ausgewichen auf den Weg ins Verderben, auf dem Normen und Verbindlichkeiten alle Gültigkeit verloren haben.

Dass sich kaum noch jemand vor dem ‚Leibhaftigen‘ fürchtet, jenem vom Schwefelgeruch umwehten Gehörnten, der mit Pferdefuß und Eselsschweif umhergeht, um die Menschen zu verderben, ist gut so! Weil sich dadurch niemand mehr für alles, was von Gott trennt, auf das personifizierte Böse berufen kann, auf den „Ausplauderer und Ankläger, den Verleumder und Widersacher“, wie ihn die griechische Übertragung des alttestamentarischen Satans umschreibt. –

Er ist nicht mehr da, der verantwortlich zu machen wäre, für all die großen und kleinen Übel, die die Menschheit von Anbeginn heimsuchten und immer noch, tagtäglich, heimsuchen. Gleichviel, ob es die unbarmherzigen Grausamkeiten und Verwüstungen der Kriege mit allen unmenschlichen Begleiterscheinungen sind. Oder die ‚hausgemachten‘ Naturkatastrophen, ausgelöst von Habgier, Gewinnstreben und Rücksichtslosigkeit, die einen Raubbau an der Natur betreiben und die der Schöpfung Gottes mittlerweile den Garaus zu machen drohen.

Ebenso wenig können wir den Teufel für die Unzulänglichkeiten in unserem Mikrokosmos verantwortlich machen, der weit weg ist von den Katastrophen unserer Gegenwart: Die alltäglichen Schummeleien und Halbwahrheiten oder die Bosheit mit der der Mit-Mensch übergossen wird, der nicht in die Schublade einer beschränkten Weltsicht passen will. Die Herzenskälte, die einen nicht über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen lässt. Jeder noch so fadenscheinige Anlass wird dankbar als Argument aufgenommen, um die Türen vor den Hilfesuchenden zu verschließen! Es ist Menschenwerk; der Teufel taugt weder als Erklärung noch als Entschuldigung!

„Gottes Sohn ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören.“ Nicht, indem er hineinfährt, mit Feuer und Schwert! Was wäre damit auch gewonnen? – Gottes Sohn ist mit einer Botschaft in die Welt gekommen, die dazu beruft, das Böse mit dem Guten zu überwinden und nicht die Spirale von Hass und Gewalt, Vergeltung und Rechthaberei fortzusetzen.

Jesus hat Nächsten- und Feindesliebe verkündet, er hat aufgerufen zu Nachsicht und Vergebung, zu Gewaltfreiheit und der Bereitschaft zu teilen, um nur einige Stichpunkte seiner Botschaft zu benennen. Er hat aufgerufen zu einem Miteinander, in dem es keine Verlierer sondern nur noch Gewinner geben kann. Und er hat diese Botschaft mit Leben gefüllt und sie konsequent bis zum Tod am Kreuz gelebt. Er ist der Grundstein den Gott für eine Welt gelegt hat, in der Krieg und Hass, Hunger und Vertreibung, Gewalt, Elend und Not keinen Platz mehr haben. Wir sind aufgefordert Jesu Botschaft zu folgen und daran mitzuarbeiten, dass aus dieser Zukunftsmusik Wirklichkeit wird.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum Monat Februar

...über den Text aus Röm1,16-17

16 Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht (rettet) alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.

17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): Der Gerechte wird aus Glauben leben.

Luther bezeichnete diese beiden Verse als „die Summe der christlichen Lehre“.

Paulus  hält seine Botschaft nicht zurück, er schämt sich ihrer nicht, sondern sie muss rausposaunt werden in alle Welt. Das Evangelium ist der Heilsplan Gottes für alle Menschen und in allen Sprachen. Das Evangelium von Christus beinhaltet  eine konkurrenzlose Botschaft, die nie veralten wird. Paulus will das Evangelium von Christus laut ausrufen! Warum? Zwei Begründungen folgen. Sie beginnen jeweils mit dem Wort „denn“.

1.) „Denn es ist eine Kraft Gottes…“                                                       

Das Evangelium ist und hat in sich eine Kraft. Wenn also das Evangelium von Christus verkündet wird, dann wirkt eine göttliche Kraft, die auf diese Weise zum Menschen kommt.  Wo finden wir diese Kraft Gottes?  Normalerweise denken wir ja „kräftig, kräftiger, am kräftigsten“ – aber Gottes Kraft kommt nicht kräftig zu uns, sondern still, einfach, behutsam; sie verbirgt sich in den Wunden Jesu am Kreuz und wird eben dort gefunden, wo wir dem Wort vom Kreuz begegnen, wo Gott seinen Sohn opferte um immer für uns sündigen Menschen in Liebe nahe zu sein.                                                                                       

2.) „Denn der Gerechte wird aus Glauben leben“.

Wenn wir das Wort vom Kreuz persönlich zulassen, in unser Innerstes einpflanzen, also glauben, dem Herrn glauben, dass er uns sündige Menschen erlöst hat, dann wirkt die Kraft Gottes in unserem Leben. Und damit dieses geschehen kann, wird das Evangelium verkündet. So werden wir gerecht gemacht. Diese Gerechtigkeit gilt uns Menschen. Wenn wir Gott vertrauen, meint er es recht gut mit uns; dass wir recht sind, so wie wir sind und das diese Erkenntnis uns, genau wie es bei Paulus war, zur Kraft – und Glücksquelle wird. Wir können nicht nach Gerechtigkeit streben, sondern wir können sie nur demütig empfangen.                                                                              

Zu guter Letzt: Wie ist es mit unserem „schämen“ bestellt?

Lasst uns unverkrampft unseren Glauben nach außen tragen. Wer die Kraft Gottes erfahren will, muss sich dem Evangelium aussetzen, das ist ein Geben und Nehmen, in Wort und/oder Musik und Tat. Und wenn diese Botschaft verkündet und aufgenommen wird, dann wirkt die versöhnende Macht Jesu, die alle rettet, die glauben. Lasst uns unverkrampft für Menschen in unserem Umfeld, in unserer Welt wirken. Wir können es, weil Gott uns liebt. “Yes, we can!“

Johanniterschwester Christiane Schulz-Pillgram

Foto: Messer&Lemm

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ Jesaja 66,13

Die Losung, die uns der Prophet Jesaja mit auf den Weg in das neue Jahr gibt, ist ein Mut machendes Versprechen, das mir auf ganz eigene Weise Gottes Nähe zusagt.

Dieses Bild von der tröstenden Mutter macht mir deutlich, dass ich mich mit all meinen Sorgen, Ängsten oder Nöten – aber auch mit meiner Schuld an einen Adressaten wenden kann, der zu mir stehen und der unbedingt ‚ja‘ zu mir sagen wird! Hier wird mir eine Tröstung angeboten, die nicht ver-tröstet! Die eben nicht mit Allgemeinplätzen versucht, mich auf andere Gedanken zu bringen oder die versucht herunterzuspielen, weil sie mir keine wirkliche Hoffnung anbieten kann. Dieser Trost ist nicht x-beliebig, beschränkt sich nicht auf ein oberflächliches „…das wird schon wieder“ oder „…ist ja alles nicht so schlimm!“ Vor allem, wenn ich dagegen halte: „Doch ist es!“

Es ist ein Trost, der mich mit und in meinem Kummer ernst nimmt. Ein Trost, der mir abnimmt, dass da keine Kiesel auf meiner Seele liegen, sondern echte Wackersteine, die mich schier erdrücken. Und es ist ein Trost, der mir hilft, diesen Kummer, diese Lasten zu tragen. Schnelle Lösungen oder gar wundersame Veränderungen zum Guten werden dabei nicht versprochen oder angeboten! Die gab es, um im Bild der ‚tröstenden Mutter‘ zu bleiben, nur bei der Beule am Kopf oder den Schrammen am Knie, wenn die Toberei zu arg ausgefallen war. Ein Eisbeutel auf der Stirn, das Pflaster auf den Schrammen und das liebevolle In-den-Arm-nehmen waren schon die halbe Schadensbehebung!

Das meint unser Losungswort vielleicht auch. Ich glaube aber, dass der Prophet Jesaja an mehr dachte, als nur an ein paar blaue Flecken, die womöglich noch selbstverschuldet sind.

„Gott tröstet wie eine Mutter“ heißt für mich: Er richtet mich auf in meiner Mutlosigkeit, er ist bei mir, wenn mich alle anderen im Stich lassen. Und er bricht den Stab nicht über mich, wenn ich mich in Schuld verstrickt habe und selber keine Lösung finde, wie ich mich davon befreien soll. Mit diesem Losungswort, finde ich, lässt sich der Weg in das neue Jahr hoffnungsfroh beschreiten.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum 1. Weihnachtsfeiertag

"Laudáte Dóminum ómnes géntes", alte Handschrift in der Klosterkirche Sainte-Croix, Bouzonville, Foto: Messer&Lemm X/2007

"Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit!"

Johannes 1.14

Am Heiligen Abend, haben sich sicher viele Mitschwestern und –brüder im Laufe des Nachmittages, oder am frühen Abend auf den Weg in die Kirche gemacht, zu den Christvespern, den Weihnachtsgottesdiensten oder den Mitternachtsmessen. Um anschließend in trauter Familienrunde um den Christbaum zu sitzen, gemeinsam Lieder zu singen, weihnachtliche Geschichten zu lesen und natürlich auch, um Geschenke weiter zu reichen und selber auszupacken.

Manche von uns verbrachten den Nachmittag und den Abend des 24. Dezembers, ja sogar die ganze Heilige Nacht auch in diesem Jahr wieder in den Einrichtungen des Johanniter-Ordens und nicht nur dort. Und das freiwillig! Um die zu begleiten, die es sich nicht aussuchen konnten, ob sie über die Feiertage in einem der elf Johanniter-Krankenhäuser oder einer anderen Klinik liegen wollten. Andere von uns sind wieder bei denen gewesen, die ihren Lebensabend in einem der Johanniter-Seniorenheime und den zahllosen Alteneinrichtungen unseres Landes verbringen, bei betagten Menschen, die das Weihnachtsfest ohne die nächsten Angehörigen verbrachten. Vielleicht, weil diese weit weg leben. Vielleicht aber auch, weil es gar keine Anverwandten mehr gibt. Diese Mitschwestern und -brüder übernehmen, wie auch ich seit dreißig Jahren, den Weihnachtsdienst nicht nur, damit der Krankenhausbetrieb oder der Betrieb in den Seniorenhäusern auch an den Feiertagen aufrechterhalten bleibt. – Nein, ich bin sicher, das geschieht auch deshalb, damit das Wort vom Dienst am Nächsten mit Leben gefüllt wird und die frohe Botschaft weitergetragen, von der der Evangelist Johannes in dem Spruch für das Weihnachtsfest spricht. Jene Botschaft die uns allen gleichermaßen gilt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns…“ Sein Evangelium beginnt mit dem Satz: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort!“ Gott behielt dieses Wort nicht für sich! Er wurde Mensch. In seinem Sohn ist das Wort lebendige Wirklichkeit geworden und zu uns gekommen. Grund genug, auch in diesem Jahr das Weihnachtsfest froh zu begehen, an welchem Ort auch immer!

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum 4. Advent

Foto Messer&Lemm XII/2011

"Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!"

Philipper 4.4-5

Die Adventszeit geht langsam ihrem Ende entgegen. In fünf Tagen feiern wir Weihnachten, d.h. den Heiligen Abend. Bei einem Teil der Mitmenschen in meinem Familien-, Kollegen- und Bekanntenkreis stellt sich so langsam die erwartungsfrohe Weihnachtsstimmung ein. Die Anspannung, ob denn bis zum Fest auch alles erledigt, eingekauft, abtgeschickt, verpackt und besorgt wurde, lässt allmählich nach. Weil tatsächlich an alles gedacht wurde. - Hoffentlich!

Bei anderen bricht so kurz vor dem Fest die wilde Hektik aus, denn Weihnachten steht – für sie völlig überraschend – vor der Tür und noch nichts ist erledigt: Die langen Wunschzettel müssen noch abgearbeitet und die Einkäufe für die Feiertage getätigt werden. Und das Heim soll auch noch weihnachtlich hergerichtet sein, weil zu den Feiertagen Besuch erwartet wird. Zur Ruhe kommen will man dann zwischen den Jahren. – Vielleicht!

Und auch das erlebe ich in meinem Umfeld: Mitmenschen, die sich geradezu vor den Feiertagen fürchten, die froh sind, wenn wieder der Alltag einkehrt und es endlich Januar ist. Gründe dafür gibt es manche:

Ich denke an die Leerstelle, die durch den Tod eines geliebten, nahen Menschen entstanden ist und die zu Weihnachten und dem bevorstehenden Jahreswechsel deutlich spürbar wird. Bei manchem schmerzt dieser Verlust noch nach Jahren oder Jahrzehnten. – Ich denke an die Familien, in denen die Zerwürfnisse zwischen Eheleuten oder unter Geschwistern unüberbrückbare Gräben und Bitterkeit hinterlassen haben. Oder ich denke an jene Mitmenschen, die die Sorge um die Zukunft buchstäblich nicht zur Ruhe kommen lässt. Weil die Gesundheit angegriffen ist. Weil die Schulden drücken oder die berufliche Stelle nicht mehr sicher ist, so dass die Hoffnung auf besser Zeiten immer schmaler wird. Da ist es gar nicht so einfach, der Ermunterung unseres Wochenspruchs zu folgen und sich zu freuen.

„Worüber auch?

Weil der Herr nahe ist?

Wem nahe?

Mir?“

So, oder so ähnlich klingen mir die Fragen der Betroffenen in den Ohren. Was kann ich antworten? – Vielleicht diese Ermahnung des Meister Eckart, die ich in meinem Adventkalender fand (Anja Schäfer: „Adventsverschenkkalender“, neukirchener aussaat, Neukirchen-Vluyn 20015): „Du, Mensch, schau dich in deinem Leben nie so an, als wärst du ferne von Gott. Und wenn du dich nicht so ansehen kannst, dass du nahe seist bei Gott, so fasse doch den Gedanken, dass Gott nahe bei dir ist!“

In diesem Sinn wünsche ich uns allen einen frohen 4. Advent und eine gesegnete Weihnachtszeit!

Thomas Messer, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft


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Impuls zum 3. Advent

Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig. Jesaja 40, 3.10 

Wer warten muss, braucht Geduld – und manchmal auch einen langen Atem. Das gilt, glaube ich für alle Bereiche unseres alltäglichen Lebens. Egal, ob wir in der Warteschlange an der Kasse im Supermarkt, oder jetzt in der Vorweihnachtszeit am Postschalter stehen, um endlich die Briefe, Päckchen und Pakete los zu werden, die längst unterwegs sein sollten.

Oder ob wir nach einem langen Arbeitstag, müde und vielleicht durchgefroren, an der Haltestelle den Bus erwarten, der uns endlich nach Hause bringt. Und je länger es dauert bis er endlich kommt, umso unruhiger werden wir, scharren mit den Füßen, schauen immer wieder auf die Uhr oder laufen an unruhig auf und ab. Vergleichbares gilt auch für Verabredungen. Gerade für solche, auf die wir uns ganz besonders freuen. Irgendetwas läuft schief oder nicht so wie wir es uns wünschen, und schon kriecht in uns eine leise Bitterkeit hoch, breitet sich, ohne dass wir es eigentlich wollen, Unmut aus, und die Stimmung kippt dann plötzlich. Jedenfalls geht es mir nicht selten so. Viele von Ihnen, denke ich, werden dieses Phänomen auch kennen.

Von dieser Unruhe, der Ungeduld und dem mit den Gedanken immer schon einen Schritt weiter sein als in der Gegenwart will uns die Adventszeit frei machen. Sie will uns Geduld lehren und ermuntert uns, in uns hinein zu horchen. Es ist eine Zeit, die unsere Hast unterbrechen möchte, um vorbereitet auf das Große, das uns erwartet: „siehe, der Herr kommt gewaltig!“ Schreibt der Prophet Jesaja. Seine Prophezeiung ist für mich eine Glaubensgewissheit: Gott ist Mensch geworden! Für mich! Für uns! Gott hat sich mit seiner Menschheit in seinem Sohn Jesus Christus ausgesöhnt und im Stall von Bethlehem ein Zeichen seiner unendlichen Liebe gesetzt und damit wahr gemacht, was Jesaja in Vers 11, Kapitel 40 voraussagt: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen“.

Bereiten wir also dem Herrn den Weg und lassen uns anstecken von der Vorfreude, die diese Adventszeit mit sich bringt und die uns bei allen Stolpersteinen des Alltags unbeirrt auf unser Ziel zugehen lässt.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum 2. Advent

"Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht." Lukas 21. 28

Der Abschnitt, in dem unser Wochenspruch für die zweite Advent-Woche steht, trägt in der Luther-Übersetzung die Überschrift: „Das Kommen des Menschensohn“.

Wenn wir den Vers im Kontext lesen, hat er erst einmal etwas gänzlich Fremdes. Etwas, das gar nicht so recht in unsere Vorweihnachtsstimmung hineinpassen will, in die Vorbereitungen auf das eigentlich doch fröhlichste Fest im Jahr, mit all seinen liebgewordenen Ritualen und schönen Bräuchen; mit der Krippe unter dem Weihnachtsbaum und der traulichen Stimmung beim Bummel über den Weihnachtsmarkt. Denn nur drei Verse zuvor heißt es: „Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen…“ Und der Text fährt fort, „die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen!“ Es ist die Ankündigung Jesu, was geschieht, wenn er wiederkommen wird in Herrlichkeit. Das ist zusammengefasst, wovon uns Lukas berichtet.

Lässt sich dieser Text wirklich mit dem Advent unter einen Hut bringen, ohne mir die Stimmung zu verderben? Ja, ganz unbedingt! Weil es eben diesen Schlusssatz gibt, unseren Wochenspruch für die zweite Adventwoche: „Seht auf, und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Es gibt einen Grund, sich nicht zu fürchten oder zu verzagen, wenn diese Welt tatsächlich, oder auch nur vermeintlich aus den Fugen zu geraten droht! Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns nicht im Stich lässt, im Gegenteil. In Jesus ist Gott Mensch geworden. Er begegnet seiner Menschheit auf Augenhöhe und ist nicht länger der ferne, zürnende, strafende und richtende Gott. In seinem Sohn hat er sich unserer erbarmt und uns die Erlösung zugesagt. Aus unserem Glauben an Jesus Christus heraus schöpfen wir die Kraft, die uns ermöglicht aufzusehen und das Haupt zu erheben. Und wir dürfen sicher sein, dass unsere Erlösung nahe ist, auch wenn in unserer Weltgeschichte manches dagegensprechen mag.

Diesem Geheimnis des Glaubens nachzuspüren, mich darauf einzulassen, das ist für mich der Sinn des Advents. In achtzehn Tagen feiern wir den Geburtstag unseres Erlösers. Grund genug, frohen Mutes zu sein und diesem Tag freudig entgegen zu gehen.  

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft

Impuls zum 1. Advent

Maria auf dem Weg nach Betlehem, Foto: Messer&Lemm

Sacharja 9.9 „Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“

Heute beginnt mit dem 1. Sonntag im Advent das neue Kirchenjahr 2015/2016; ohne Böllerschüsse und ohne das große Getöse, das wir vom säkularen Jahreswechsel her gewohnt sind. Nein, dieser „kirchliche Jahreswechsel“ beginnt mit leisen Tönen. Auch, wenn die Advent-, Nikolaus- und Weihnachtsmärkte längst geöffnet haben und mit ihrem jahrmarkt-ähnlichen Treiben und den immer selben Melodien, vom Endlosband heruntergeleiert, eine zweifelhafte Vorweihnachtstimmung verbreiten.

Mit diesem ersten Advent fängt nicht nur die Zeit der Vorfreude, der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, mit all seinen schönen und spannenden Momenten, mit all den Überraschungen an. Einschließlich all der unvorhergesehenen Herausforderungen, die sich offensichtlich jedes Jahr aufs Neue immer wieder einstellen und gemeistert sein wollen. – Nein, das alleine macht für mich diese heute beginnende Vorweihnachtszeit noch nicht aus.

Für mich beginnt jetzt wieder eine Zeit des Innehaltens, des Ordnens und Neuausrichtens, um nicht aus dem Blick zu verlieren, was mein Leben trägt, was mir Halt und Richtung gibt. Eine Zeit, die das eilige Alltagsgeschäft mit all seinen Banalitäten und Unzulänglichkeiten unterbricht. Wie mich der letzte Sonntag im zu Ende gegangenen ‚alten Kirchenjahr‘ ermahnte, die eigene Endlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren, so lädt mich dieser erste Sonntag des neuen Kirchenjahres ein, mich auf das Kommen meines Heilandes vorzubereiten und mich mit allen Sinnen darauf einzulassen. –

Das Alte Testament spricht von einem König, der kommen wird. Einem König der kein Machtmensch ist und nur darauf bedacht, zu be-herrschen. Nein dieser kommende König ist ein Gerechter. Ja mehr noch: Er ist vor allem ein helfender, ein heilender König. In der Bildsprache Sacharjas verheißt sein Kommen ein Ende aller Not, ein Ende der Hoffnungslosigkeit, der Angst, der Unterdrückung. Und auch ein Ende einer vermeintlich gottesfernen Zeit. Diese Verheißung ist im Stall von Bethlehem Wirklichkeit geworden. Darum macht sie Mut, wird zur Gewissheit, dass Gott, entgegen allem Augenschein, auch in meiner an Katastrophenmeldungen reichen Zeit gegenwärtig ist.

Ulrich Lemm, Fördermitglied der Johanniter-Schwesternschaft