Essstörung bei Jugendlichen – was Eltern tun können

Wenn Ihre Tochter oder Ihr Sohn an einer Essstörung erkrankt ist, stellt das häufig eine große Belastung und Herausforderung für Sie selbst und Ihre Familie dar. Für Eltern ist es besonders problematisch, Nahrungsverweigerung, Überessen oder Erbrechen nach Mahlzeiten des eigenen Kindes zu bemerken, aber letztlich nicht direkt etwas dagegen tun zu können. Nicht selten kommt es zu massiven Konflikten und Streit um und beim Essen. Es gibt jedoch einige hilfreiche Strategien und Hinweise.

Mein Kind hat eine Essstörung – erste Anzeichen erkennen

Eine Essstörung entwickelt sich häufig schleichend. Erste Symptome bei Jugendlichen zeigen sich oft in einer Veränderung im Essverhalten. Mahlzeiten werden ausgelassen oder stark kontrolliert, bestimmte Lebensmittel vermieden oder heimlich gegessen. Auch eine auffällige Gewichtsveränderung kann ein Hinweis sein – sowohl eine schnelle Abnahme als auch Zunahme. Hinzu kommen häufig Rückzug und Stimmungsschwankungen: Jugendliche wirken distanzierter, ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück oder reagieren gereizt und emotional. Wichtig ist, diese Signale ernst zu nehmen und frühzeitig das Gespräch zu suchen – je früher Unterstützung erfolgt, desto besser sind die Chancen auf eine stabile Entwicklung.

Umgang mit Essen und Konflikten in der Familie

Wenn Sie sich zur Aufgabe machen, Ihr Kind zum Essen zu bewegen oder an Essen, übermäßiger Bewegung oder Erbrechen zu hindern, werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit in einen Machtkampf geraten. Besser ist es, die Verantwortung für Essen oder Nicht-Essen bei Ihrem Kind zu lassen und nur dann Unterstützung anzubieten, wenn diese auch gewünscht wird.

Gespräche außerhalb der Mahlzeiten führen

Betroffene fühlen sich oft in die Enge getrieben und bedroht, wenn sie auf ihr Essverhalten angesprochen werden. Wenn Sie dies tun wollen, wählen Sie eine möglichst entspannte Situation, in der Sie ohne Vorwürfe Ihre Beobachtungen und Sorgen wertfrei formulieren. Beim Essen sollten Sie am besten die Themen Essen, Gewicht, Aussehen und Ähnliches vermeiden. Sollten Sie beobachten, dass Ihr Kind selbstständig (zumindest gedanklich) mit Essen, Gewicht, Figur, Kochen und Ähnlichem beschäftigt ist, sollten Sie auf solche Gespräche nicht eingehen. Fragen Sie lieber, warum Ihr Kind immer wieder diese Inhalte thematisiert und wie es Ihm damit gehe. Fragen Sie selbst nicht nach, ob und wieviel Ihr Kind gegessen hat – damit schaffen Sie nur Druck und Stoff zur Auseinandersetzung. Eine ehrliche Antwort können Sie in der Regel nicht erwarten.

Wenn das Essen in der familiären Gemeinschaft zu belastend für einen oder mehrere Beteiligte ist, können Sie Ihr Kind auch alleine Mahlzeiten einnehmen lassen. Erzwingen Sie nicht das gemeinsame Essen. Sie sollten aber darauf achten, dass Ihr Kind nicht beim Fernsehen oder vor dem Computer isst.

Nehmen Sie die Essstörung Ihres Kindes nicht persönlich, aber thematisieren Sie sie

Gerade wenn sich Eltern verantwortlich dafür fühlen, dass ihr Kind ausreichend und ausgewogen isst, können die Symptome der Essstörung schnell als persönlicher Angriff verstanden werden. Betroffene wehren sich häufig intensiv und auch mit großem Ärger und Aggressivität gegen jeden Versuch, ihr Essverhalten zu problematisieren oder sie an Symptomverhalten zu hindern. Versuchen Sie, dies als Zeichen der Erkrankung und nicht als Ausdruck Ihres persönlichen Verhältnisses zueinander zu sehen. Machen Sie sich klar, dass zu Essstörungen häufig eine längere Phase gehört, in der sich Betroffene selbst nicht als krank sehen können.

In dieser Phase der Krankheitsverleugnung ist es oft schwierig für Eltern, die „Uneinsichtigkeit“ ihres Kindes zu verstehen. Es ist dennoch hilfreich, Ihr Kind mit Ihrer Wahrnehmung zu konfrontieren und Ihren Eindruck zu äußern, dass eine Essstörung vorliegt oder zu entstehen droht. Vermeiden Sie dabei emotionsgeladene Diskussionen, sondern formulieren Sie Ihre persönliche Wahrnehmung. Hilfe sollten Sie anbieten, aber nicht aufdrängen. Es ist auch meist sinnvoller, Informationsmaterial, Broschüren oder Ähnliches von Beratungs- und Behandlungseinrichtungen liegen zu lassen, statt diese Ihrem Kind auszuhändigen oder auf eine Vorstellung zu bestehen.

Grenzen setzen – krankes Verhalten nicht unterstützen

Lassen Sie sich nicht zum „Komplizen“ der Essstörung machen. Denn manchmal versuchen Betroffene, andere zur Unterstützung essgestörten Verhaltens zu bewegen, etwa durch Vorschriften, welche Nahrungsmittel in welchen Mengen eingekauft werden sollen. Hierzu zählen auch übermäßiger Sport, dauerndes Wiegen, Studieren von Kochbüchern, Kalorientabellen u. ä. Lassen Sie auch hier die Verantwortung bei Ihrem Kind, bestehen Sie aber darauf, krankheitsbedingtes Verhalten nicht aktiv zu unterstützen. Konkret sollten Sie etwa eine deutlich untergewichtige Tochter nicht zum Sport fahren oder Ihr das Reiten finanzieren, für sie keine kalorienreduzierte Kost oder bei Essattacken keine großen Mengen von Lebensmitteln einkaufen. Lassen Sie sich nicht vorschreiben, was oder wie viel die Familie essen soll.

Wann Eltern professionelle Hilfe suchen sollten

Als Eltern haben Sie natürlich, bei aller Eigenverantwortung Ihres Kindes, eine Fürsorgepflicht. Wenn Sie bleibende Schäden, eine bedrohliche Gewichtsabnahme oder Ähnliches befürchten, sollten Sie auf einen Vorstellungstermin beim Hausarzt oder einer Beratungsstelle bestehen. Hier können Sie beraten werden, wann eine stationäre Therapie unumgänglich ist. Es sollte Ihnen aber bewusst sein, dass eine dauerhaft wirksame Behandlung nur möglich ist, wenn diese von Ihrem Kind selbst gewünscht und verfolgt wird.

Unterstützung und Hilfe für Eltern von Kindern mit Essstörung

Die Essstörung eines Kindes ist für Eltern oft eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Hilfreich kann sein, sich im Internet oder mithilfe von Literatur selbst zu informieren, um Unsicherheiten abzubauen. Viele Eltern erleben es als sehr entlastend, selbst eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Essgestörten zu besuchen. Vermeiden Sie es, sich als schuldig an der Essstörung Ihres Kindes zu betrachten, und suchen Sie lieber nach Wegen, das gemeinsame Miteinander zu verbessern. Es kann hilfreich sein, aufmerksam das eigene Verhalten auf Überfürsorglichkeit oder Verletzungen der Eltern-Kind-Grenzen, aber auch auf Vernachlässigung hin zu überprüfen und entsprechend anzupassen. Ebenso sind klare Absprachen und offene Kommunikation auch bei Konflikten sinnvoll. Bleiben Sie als Eltern konsequent und setzen Sie die altersangemessenen Grenzen. Sie helfen Ihrem Kind nicht, wenn Sie ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen, in dem Gefühl, nur ja nichts falsch machen zu wollen.