Weitere Essstörungen – Formen und Hintergründe

Nicht jede Essstörung lässt sich eindeutig einer spezifischen Diagnose wie z. B. Magersucht, Bulimie oder psychogene Adipositas zuordnen. Dennoch sind diese sogenannten sonstigen Essstörungen meist genauso belastend oder krankheitswertig. Manchmal denken Betroffene daher, sie hätten keinen Anspruch auf eine Therapie, weil sie nicht unter einem Vollbild einer solchen Essstörung leiden. Das trifft so nicht zu. Im Zweifelsfall sollte ein Fachmann bzw. eine Fachfrau aufgesucht werden, um die Diagnose zu stellen und über mögliche Schritte zu beraten.

Welche anderen Essstörungen gibt es?

Zu den weniger bekannten, sonstigen Essstörungen zählen u. a. die sogenannte Sport-Anorexie und Sportbulimie als Sonderformen der Bulimie und Anorexie. Bei Betroffenen steht als gewichtsregulierende Maßnahme eine übermäßige körperliche Aktivität im Vordergrund. Nahrungsrestriktion, Erbrechen, Abführmittel und ähnliche Maßnahmen treten demgegenüber eher in den Hintergrund.

Symptome anderer Essstörungen: Sportbulimie und Sportanorexie

An Sportbulimie oder Sportanorexie Leidende gehen oft über Stunden hinweg mehrmals die Woche einer oder mehreren Sportarten nach und tun dies, weil sie müssen, und nicht, weil es ihnen Freude macht. Trotz Erschöpfung zwingen sie sich, ihr oft rigide festgelegtes Sportprogramm abzuarbeiten, und ignorieren Überlastungszeichen, Schmerzen oder widrige Wetterumstände sowie andere Lebensinhalte. Wenn es ihnen einmal dennoch unmöglich ist, ihrem Bewegungsdrang nachzukommen, führt dies meist zu negativen Gefühlen und schlechtem Gewissen. Dabei ist der Bewegungsdrang häufig sehr quälend. Manchen Betroffenen ist es fast unmöglich, sich auszuruhen, über längere Phasen zu sitzen und sich nicht zu bewegen.

Ursachen anderer Essstörungen

Sonstige Essstörungen (z. B. atypische Essstörungen oder nicht näher bezeichnete Essstörungen) entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Wie auch bei anderen Essstörungen wirken hier oft die Aspekte Leistungsdruck / Perfektionismus, Selbstwertprobleme sowie ein Bedürfnis nach Kontrolle zusammen.

Leistungsdruck und Perfektionismus

Viele junge Menschen wachsen in einem Umfeld auf, in dem Leistung eine zentrale Rolle spielt – sei es in Schule, Studium, Beruf oder durch soziale Medien. Dieser Leistungsdruck kann dazu führen, dass eigene Ansprüche immer höher werden. Perfektionismus beschreibt dabei das Streben nach unrealistisch hohen Standards, verbunden mit starker Selbstkritik bei Fehlern.

Gerade im Zusammenhang mit Essstörungen zeigt sich, dass ein sogenannter maladaptiver Perfektionismus ein bedeutender Risikofaktor ist. Betroffene versuchen häufig, „perfekt“ zu essen oder einem idealisierten Körperbild zu entsprechen. Dieses Verhalten vermittelt kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle und Erfolg, kann langfristig jedoch zu krankhaften Essmustern führen.

Studien zeigen zudem, dass viele Jugendliche unter starkem Leistungsdruck und perfektionistischen Ansprüchen leiden, wobei der eigene Wert häufig an Leistung gekoppelt wird. Dadurch entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Je höher der Druck, desto stärker das Bedürfnis, durch Kontrolle des Essverhaltens „besser“ zu werden.

Selbstwertprobleme

Ein instabiles oder geringes Selbstwertgefühl gilt als einer der zentralen psychologischen Faktoren bei Essstörungen. Viele Betroffene erleben ihren Selbstwert als abhängig von äußeren Faktoren wie Aussehen, Gewicht oder Leistung. Perfektionismus verstärkt dieses Muster zusätzlich, da Fehler oder vermeintliche Schwächen direkt als persönliches Versagen interpretiert werden.

Chronischer Leistungsdruck kann den Selbstwert weiter beeinträchtigen und zu Gefühlen von Unzulänglichkeit, Angst oder depressiven Symptomen führen. In dieser Situation erscheint die Kontrolle über Essen oder Körper als Möglichkeit, den eigenen Wert zu stabilisieren. Kurzfristig kann dies Sicherheit geben, langfristig verstärkt es jedoch die Problematik, da der Selbstwert immer stärker an das Essverhalten gebunden wird.

Kontrollbedürfnis

Ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis ist ein weiterer zentraler Faktor bei sonstigen Essstörungen. Viele Betroffene berichten, dass sie ihr Essverhalten nutzen, um Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen – insbesondere dann, wenn andere Lebensbereiche als unsicher, überfordernd oder chaotisch erlebt werden.

Leistungsdruck und gesellschaftliche Erwartungen können dieses Bedürfnis verstärken: Wer das Gefühl hat, ständig funktionieren zu müssen, entwickelt häufiger Strategien, um zumindest einen Bereich vollständig zu kontrollieren. Essen, Gewicht oder Sport bieten dafür scheinbar „greifbare“ Möglichkeiten.

Psychologisch lässt sich dieses Verhalten als Bewältigungsstrategie verstehen: Kontrolle über den Körper ersetzt dabei das Gefühl fehlender Kontrolle im Alltag. Problematisch ist jedoch, dass diese Strategie langfristig rigide und zwanghaft werden kann und die Essstörung aufrechterhält.

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Behandlungsmöglichkeiten von Sport-Anorexie und weiteren Sonderformen der Bulimie

Bei der Behandlung dieser Sonderformen der Essstörungen Bulimie und Anorexie muss dem oft ausgeprägten Bewegungsdrang Rechnung getragen werden; ein Ziel der Therapie ist es, nachsichtiger mit dem eigenen Körper umzugehen, sich wieder Phasen von Ruhe und Entspannung gönnen zu können und Körpersignale ernst zu nehmen und zu beachten.

Therapie bei sonstigen Essstörungen in der Klinik am Korso

Unsere ganzheitliche Therapie bei Essstörungen verbindet Psychotherapie, Ernährungstherapie, Ergotherapie und Körpertherapie. Gemeinsam arbeiten wir daran, die Ursachen zu verstehen, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln und ein stabiles Selbstwertgefühl aufzubauen.

Wir wissen: Geduld und ein individueller Ansatz sind entscheidend. Rückfälle gehören dazu – sie sind kein Scheitern, sondern Teil des Weges. Hilfe zu suchen, ist mutig und der erste wichtige Schritt.

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