Selektive Essstörung (ARFID) – Symptome, Ursachen und Behandlung

Wenn man Vieles nicht essen kann

Person bei einer Mahlzeit in der Klinik am Korso, Fachklinik für Essstörungen

Das Phänomen des wählerischen Essens ist bei Kindern nicht erst seit dem „Suppenkasper“ gut bekannt und wächst sich häufig mit zunehmendem Lebensalter aus. Es gibt aber Menschen, die bis ins Erwachsenenalter extrem eingeschränkt in ihrer Nahrungsauswahl sind und eine Vielzahl von Lebensmitteln meiden, weil diese ihnen Angst machen oder sie sich davor ekeln, manchmal auch aufgrund von Farbe, Konsistenz, Geruch oder Ähnlichem. Dabei geht es typischerweise nicht – wie etwa bei der Magersucht – um den Kaloriengehalt. Die eingeschränkte Auswahl kann auch erst im Erwachsenenalter entstehen.

Was ist eine selektive Essstörung?

Wenn dieses Essverhalten zu Mangelzuständen (z. B. an Vitaminen, Spurenelementen o. ä.) oder Unterernährung führt, spricht man von einer „Selektiven Essstörung“ – im Englischen ARFID („avoidant/restrictive food intake disorder“). Im gängigen deutschen Klassifikationssystem ICD-10 ist die selektive Essstörung noch nicht als Erkrankung anerkannt. In der amerikanischen Version ist sie aber bereits gelistet. 

Übrigens: Auch Menschen mit Adipositas können an einer selektiven Essstörung leiden. Bei ihnen sind die gemiedenen Lebensmittel häufig das, was man allgemein als „gesund“ bezeichnet, wie Salat, Obst und Gemüse.

Symptome einer selektiven Essstörung

Folgende Anzeichen können auf ARFID hindeuten:

1. Auffälliges Essverhalten

  • Sehr geringe Nahrungsmenge und/oder stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl
  • Ablehnung vieler Lebensmittel (z. B. wegen Geruch, Geschmack, Konsistenz)
  • Stark selektives Essen („nur wenige akzeptierte Lebensmittel“)
  • Kaum Interesse am Essen oder fehlendes Hungergefühl

2. Vermeidungs- und Angstverhalten

  • Angst vor negativen Folgen des Essens (z. B. Verschlucken, Erbrechen)
  • Ekel oder starke Abneigung gegenüber bestimmten Speisen
  • Vermeidung neuer oder unbekannter Lebensmittel („Food Neophobia“)

3. Körperliche Symptome / Folgen

  • Gewichtsverlust oder unzureichende Gewichtszunahme
  • Nährstoffmangel (z. B. Vitaminmangel)
  • Bedarf an Nahrungsergänzung oder künstlicher Ernährung in schweren Fällen

4. Psychische und emotionale Symptome

  • Essen wird als Stress, Angst oder Belastung erlebt
  • Starker Leidensdruck durch das eigene Essverhalten
  • Häufig verbunden mit Angststörungen oder anderen psychischen Belastungen

5. Soziale Auswirkungen

  • Vermeidung von Situationen mit Essen (z. B. Restaurantbesuche)
  • Konflikte mit Familie oder Umfeld wegen Essverhalten
  • Einschränkungen im Alltag (Schule, Arbeit, Freizeit)

6. Typische Erscheinungsformen (Subtypen)

  • Desinteresse am Essen (kein Hunger, schnelles Sattsein)
  • Sensorische Empfindlichkeit (extreme Reaktion auf Geschmack, Textur etc.)
  • Angstbezogenes Essverhalten (z. B. nach negativen Erfahrungen)

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Was sind die Ursachen einer selektiven Essstörung?

Mögliche Ursachen von ARFID

1. Mögliche sensorische Überempfindlichkeit

  • Starke Empfindlichkeit gegenüber:
    • Geschmack
    • Geruch
    • Konsistenz (z. B. „matschig“, „knackig“)
  • Bestimmte Lebensmittel lösen Ekel oder Abwehrreaktionen aus
  • Häufig bereits im Kindesalter sichtbar

2. Mögliche negative Erfahrungen mit Essen

  • Frühere belastende Erlebnisse wie:
    • Verschlucken
    • Erbrechen
    • Schmerzen beim Essen
  • Diese Erfahrungen können zu anhaltender Angst vor bestimmten Lebensmitteln führen

3. Mögliche angstbezogene Ursachen

  • Angst vor möglichen Folgen des Essens, z. B.:
    • Ersticken
    • Übelkeit
  • Essen wird mit Gefahr verknüpft und deshalb vermieden

4. Möglicherweise geringes Interesse am Essen

  • Wenig oder kein Hungergefühl
  • Schnelles Sättigungsgefühl
  • Essen wird als unwichtig oder belastend empfunden

5. Mögliche psychische und neurobiologische Faktoren 

Zusammenhang mit:

  • Angststörungen
  • Entwicklungsstörungen
  • Erhöhte Empfindlichkeit im Nervensystem (Reizverarbeitung)

6. Mögliche entwicklungsbedingte Faktoren

  • Beginn oft im Kindesalter
  • Übergang von „normal wählerischem Essen“ zu krankhaftem Verhalten möglich
  • Fehlende Erweiterung der Lebensmittelauswahl im Laufe der Entwicklung

7. Mögliche Lern- und Verhaltensfaktoren

  • Vermeidungsverhalten wird verstärkt (z. B. durch Entlastung bei Nicht-Essen)
  • Eingeschränkte Essgewohnheiten verfestigen sich über Zeit

ARFID entsteht meist durch eine Kombination mehrerer Faktoren, nicht durch eine einzelne Ursache. Es handelt sich nicht um eine gewichts- oder körperbildbezogene Essstörung.

Behandlung der selektiven Essstörung

Die Klinik am Korso hat in den letzten Jahren zunehmend Menschen behandelt, die nicht gut in eine der gängigen Essstörungskategorien passen. Dabei waren auch viele mit einer selektiven Essstörung. 

Wie wird die ARFID-Essstörung in der Klinik am Korso behandelt?

Um Betroffenen noch besser helfen zu können, haben wir ein Programm entwickelt, Jugendliche ab 14 und junge Erwachsene mit selektiver Essstörung zu behandeln. Dabei ist ein schrittweises Heranführen an bisher gemiedene Lebensmittel zentraler Bestandteil. Für eine erfolgreiche Teilnahme sollte man also die Bereitschaft mitbringen, sich auch wieder an diese Nahrungsmittel zu trauen und seine „Ess-Palette“ zu erweitern. Ziel ist es, sich ein gelassenes und genussvolles Essverhalten anzugewöhnen, bei dem möglichst wenig nicht gegessen werden kann.