Gib‘ ein Jahr

Tübingen, 26. Juli 2018

Was 1954 unter dem Motto "Gib' ein Jahr" vom Diakonischen Werk eingeführt wurde, ist heute als Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) eine Erfolgsgeschichte. Seither haben rund 11.000 junge Menschen ein FSJ bei den Johannitern absolviert. Als große, gemeinnützige Organisation bieten sie zahlreiche Einsatzmöglichkeiten für junge Erwachsene: Im Rettungsdienst, Krankentransport oder Behindertenfahrdienst, im Bereich Hausnotruf oder Menüdienst, in der Ersten-Hilfe-Ausbildung oder in der Jugendarbeit mit Schulsanitätsdiensten. Pauline Riehle hat ein FSJ bei den Johannitern in Tübingen absolviert und berichtet über Berührungsängste, Einfühlungsvermögen und einen Tag im Rollstuhl.

„Ich möchte Gymnasiallehrerin werden, für Deutsch und Sport. Die Regelstudienzeit dafür beträgt 10 Semester“, beginnt Pauline Riehle. „Ich bin eine G8-Abiturientin und hatte mit 17 mein Abi in der Tasche. Ich wollte vor meinem intensiven Studium unbedingt noch ein Jahr für mich haben.“ Das FSJ von Pauline Riehle ist in einem Monat vorbei. Sie sei durch das FSJ reifer geworden, erzählt sie weiter. „Ich glaube, ich wäre mit einem Studium überfordert gewesen, hätte ich es direkt im Anschluss begonnen. Durch das FSJ habe ich gelernt Verantwortung zu übernehmen, im Team zu arbeiten und mich abzusprechen. Aber auch Termine einzuhalten und auf fremde Menschen zuzugehen. Davon werde ich auch in meinem Studium profitieren.“ Riehle ist hauptsächlich im Bereich Menüservice (Essen auf Rädern) tätig. Zu ihren Aufgaben gehören das Vorbereiten der Essensauslieferung, das Ausfahren der Gerichte sowie die Unterstützung in Schulmensen. „Meine erste Essenauslieferung war total merkwürdig. Ich war schüchtern und wusste noch nicht, wie ich am besten auf die Senioren zugehe. Das hat sich schnell gelegt. Ich finde es spannend, wie einfühlsam man im Umgang mit Senioren wird. Manche haben Stimmungsschwankungen und bei anderen wird man aufmerksam, wenn sie plötzlich ein, zwei Tage nicht erreichbar sind.“ Der Austausch mit ihren Kollegen sei dabei eine wichtige Stütze gewesen, so die FSJlerin. „Ich hatte in diesem Jahr mit sehr vielen verschiedenen Menschengruppen zu tun. In den Seminaren haben wir uns auch intensiv mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt. Das hat meinen Blick auf unsere Gesellschaft verändert.“ Dazu gehörte beispielsweise der Besuch eines Blindencafés sowie einen Tag lang im Rollstuhl durch die Stadt zu fahren. „Das waren außergewöhnliche Erfahrungen. Plötzlich merkt man erst, wie viele Hindernisse einem im Alltag begegnen können. Für gehende Menschen ist das unvorstellbar. Der Gang zur Toilette war eine Herausforderung – überall Treppen“, berichtet Pauline Riehle von ihren Erlebnissen. „Doch was ich noch viel unangenehmer fand, waren die mitleidigen Blicke der Mitbürger. Das ging gar nicht. Ich habe mich schon nach nur einem Tag darüber aufgeregt. Ich will gar nicht wissen, wie es für die Menschen ist, die tagtäglich im Rollstuhl unterwegs sind“, erzählt Riehle kopfschüttelnd weiter. Die Frage, ob sie sich nochmal für ein FSJ entscheiden würde, bejagt die angehende Gymnasiallehrerin sofort. „Das FSJ bei den Johannitern hat vor allem meine persönlichen und sozialen Kompetenzen gefordert und auch gefördert. Ich bin offener geworden, habe mehr Verständnis und kann besser auf Menschen zu gehen“, schließt Pauline Riehle ab.

Bei der Johanniter-Unfall-Hilfe ist der Einstieg ins FSJ zu jeder Zeit möglich. Es gibt noch freie FSJ-Plätze in Tübingen. Interessierte wenden sich an Florian Weber, bewerbung.tuebingen@johanniter.de

Das FSJ bietet optimale Möglichkeiten, um sich nach dem Schulabschluss beruflich zu orientieren und praktische Erfahrungen zu sammeln. Zur Arbeitszeit gehören 25 Seminartage. Hier bieten die Johanniter den FSJlern vielfältige Weiterbildungen mit einem Mehrwert für das künftige Berufsleben. Seminare zur Qualifikations- und Persönlichkeitsbildung gehören dazu, in denen Teamfähigkeit geschult wird oder sich mit Themen wie Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit auseinandergesetzt wird. Die FSJler erhalten zudem ein Bewerbungstraining sowie einen Erste-Hilfe-Kurs.

Im Lebenslauf zählt ein FSJ gleich doppelt: Es zeugt von Engagement und Einsatzfreude. Und als weiterer Pluspunkt: Wer ein FSJ absolviert, kann sich dies als Vorpraktikum anrechnen oder bei vielen Studiengängen als Wartezeit für das anschließende Studium gutschreiben lassen. Während des FSJ ist man unfall- und sozialversichert, außerdem besteht Anspruch auf Urlaubs- und Kindergeld. Neben einem Taschengeld gibt es Zuschüsse für Verpflegung und Fahrtkosten

Ihr Ansprechpartner Beatrice Weingart

Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.
Regionalverband Stuttgart
Eschbacher Weg 5
73734 Esslingen