Zehn Jahre ehrenamtliche Demenz-Betreuung der Johanniter in Hannover

Hannover, 03. Dezember 2019

Zu Besuch bei einem Gentleman

Susette El Haimer und Thade Gerhardt. Bild: Johanniter/Janna Schielke

Wer an Demenz erkrankt, verändert sich und damit auch seinen Alltag und den der engsten Angehörigen. Auf einmal können Menschen nachts nicht mehr schlafen, sie finden von gewohnten Wegen nicht mehr nach Hause zurück, sie benötigen - erst kaum zu merken - plötzlich Unterstützung bei ganz normalen Handlungen und Abläufen. Pflegende Angehörige sind gefordert, mitunter rund um die Uhr. Vor zehn Jahren startete ein besonderes Projekt, um sie zu unterstützen. Erstmals besuchten Ehrenamtliche der Johanniter demenziell erkrankte Menschen und entlasteten damit deren Angehörige.

Susette El Haimer ist eine der Freiwilligen. An einem sonnigen Freitagnachmittag sitzt sie bei Gudrun und Thade Gerhardt auf dem Balkon. Es gibt Pfefferminztee und Kuchen. „Bei Frau Gerhardt wird man immer verwöhnt“, sagt Susette El Haimer und lacht. Seit rund zwei Jahren besucht sie einmal in der Woche Dr. Thade Gerhardt, der an Demenz erkrankt ist, und seine Ehefrau Gudrun, die ihn pflegt. Oft sitzen die Ehrenamtliche und Thade Gerhardt dann wie jetzt bei einem Tee zusammen, lesen ein Buch oder gehen in den benachbarten Stadtwald: „Wir gehen immer sehr gern spazieren. Ich kenne mich hier nicht so aus in der Eilenriede, aber Herr Gerhardt, der kennt sich perfekt aus. Er findet immer wieder den Weg. Da habe ich am Anfang echt gestaunt“, sagt Susette El Haimer. „Ich war als Bauingenieur tätig, unter anderem als sachverständiger Gutachter“, erzählt Thade Gerhardt. Seine Doktorarbeit schrieb er über den Unterbau von Straßen. Er unterhält sich immer noch gern über Architektur oder Kunst. „Was ich schon alles gelernt habe von Herrn Gerhardt“, bemerkt Susette El Haimer. Über Marburg zum Beispiel, wenn die beiden im Bildband über die Heimatstadt des Rentners blättern.

Die Mutter von drei Kindern arbeitet hauptberuflich als Pflegehelferin mit Senioren. Oft wird sie deshalb im Bekanntenkreis gefragt, warum sie sich ausgerechnet ein solches Ehrenamt aussucht. „Es ist wirklich etwas völlig anderes“, erklärt sie. Im Beruf sei sie für viele Menschen gleichzeitig zuständig, alles müsse immer sehr schnell gehen. Zeit für längere Gespräche, für Zuwendung, für eine persönliche Beziehung bleibe da kaum. „Wenn ich bei Herrn Gerhardt bin, dann bin ich auch wirklich da.“ Außerdem stimme einfach die Chemie. „Er ist ein echter Gentleman. Manchmal hilft er mir hoch, wenn ich vom Sofa aufstehe, obwohl er ja derjenige mit der Einschränkung ist“, sagt Susette El Haimer. „Das ist nun auch übertrieben“, korrigiert Thade Gerhardt, fügt aber augenzwinkernd hinzu: „Ich bin ein liebes Kerlchen.“

Zueinandergefunden haben Susette El Haimer und die Gerhardts über das Ehrenamtszentrum der Johanniter in Hannover-Linden. Hier koordiniert Anke Rohlfs das Demenz-Projekt seit seinen Anfängen vor zehn Jahren. Dazu gehört auch ein Gruppenangebot einmal in der Woche. Anke Rohlfs berät die Ehrenamtlichen, bildet sie fort und stellt sicher, dass die Besuche allen Beteiligten gerecht werden. Beide Seiten besprechen vorher mit ihr, was sie sich wünschen. Die Gerhardts hat Anke Rohlfs zunächst zuhause besucht und festgestellt, welche Bedürfnisse sie haben und wo noch Hilfe gebraucht wird. „Ich bin sehr stolz auf die Ehrenamtlichen“, sagt die Koordinatorin. „Sie sind mit viel Herzblut bei der Sache.“ Umso wichtiger sei es deshalb, dass auch die Freiwilligen festlegen können, was für sie passt und was nicht infrage kommt. Alle erhalten vor ihrem ersten Einsatz eine Schulung zum Umgang mit Demenz und finden bei Anke Rohlfs zu allen Fragen ein offenes Ohr. Nach einem ersten Treffen beschließen die Parteien dann, ob sie eine langfristige Betreuung beginnen möchten. „Man kann auch sagen: Das klappt nicht. Man lernt sich erst einmal kennen und schaut, ob es passt“, erklärt Susette El Haimer. Wenn nicht, dann werde ein anderer Ehrenamtlicher gesucht und gefunden.

Bei ihr und den Gerhardts hat es gepasst – und zwar bei allen dreien. Für Gudrun Gerhardt bedeutet Susette El Haimers Engagement vor allem eines: Zeit. Allein lassen kann sie ihren Ehemann nicht. Er vergisst dann, wo sie ist, läuft auf die Straße oder klingelt Sturm bei den Nachbarn. Wenn die Ehrenamtliche da ist, kann Gudrun Gerhardt etwas für sich tun. „Ich gehe dann mal in Ruhe einkaufen oder ins Museum“, sagt sie. Die passionierte Tänzerin geht auch gern ins Ballett, in die Oper oder ins Theater. Manchmal kommt Thade Gerhardt noch mit. Nicht zuletzt das gemeinsame Interesse an Kultur sorgt dafür, dass es so gut klappt mit Susette El Haimer und dem Ehepaar Gerhardt. „Ich fühle mich hier besonders wohl, allein schon der vielen Bücher wegen“, erzählt die Ehrenamtliche. „Als ich das Bücherregal gesehen habe, habe ich mich gleich heimisch gefühlt.“

Der ehrenamtliche Besuchsdienst der Johanniter sucht dringend Unterstützung! Wer wie Susette El Haimer Demenzerkrankte und ihre Angehörigen unterstützen möchte, kann sich im Johanniter-Ehrenamtszentrum bei Anke Rohlfs melden unter 0511-6550570 oder anke.rohlfs@johanniter.de.