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Stunden schenken gegen Einsamkeit

Immer gut für neue Ideen: Kathrin Diehl (links), Vorsitzende der Johanniter Hilfsgemeinschaft, und Gabriele Roettger, Leiterin Haus Dietrichsroth, wollen das Leben für die Bewohner des Alten- und Pflegeheims verbessern. © Nicole Jost

Dreieich – Es herrscht an diesem Mittag im Haus Dietrichsroth lebendiges Treiben. Die ersten Senioren kommen aus ihren Zimmern, oder werden im Rollstuhl an die Esstische im Restaurant geschoben. Eine Gruppe Frauen hat sich auch noch mal an eine der kleinen Sitzgruppen mit den gemütlichen Sesseln gesetzt, um vor dem Mittagessen gemeinsam etwas zu trinken und zu plaudern.

Es reicht manchmal, am Bett zu sitzen. Oder einfach die Hand zu halten.

124 Bewohnerinnen und Bewohner leben im Johanniter-Haus Dietrichsroth in Dreieichenhain. Viele von ihnen sind hochbetagt, manche dement, manche im Rollstuhl. „Einsamkeit ist zunächst einmal nicht unser Thema“, sagt Einrichtungsleiterin Gabriele Roettger. „Hier sind viele Menschen, es gibt Angebote, es gibt Gemeinschaft. Aber Einsamkeit kann entstehen, wenn man sich der Gemeinschaft nicht anschließen kann“, erläutert Roettger. Strickrunde, Konzerte, Andachten, Gymnastik, Cafébetrieb – im Haus Dietrichsroth ist viel los. Nicht nur mit den Bewohnern, auch Mieter aus dem Betreuten Wohnen, Nachbarn aus dem Quartier kommen zum Mittagessen, Senioren aus dem Haus trinken Kaffee auf der Terrasse, eine Clownin sorgt regelmäßig für Lacher. Das Restaurant des Altenwohnheims ist öffentlich zugänglich, auch an Feiertagen.

Doch der Strukturwandel macht sich auch im Haus Dietrichsroth bemerkbar. Die Menschen ziehen später ein. Sie sind älter und kränker. Wer im Rollstuhl sitzt, wer stark dement ist oder körperlich abbaut, bleibt eher auf seinem Zimmer. Und ein Zimmer – so hell es auch sein mag – ist keine Gemeinschaft. „Das führt dazu, dass es Bewohner gibt, die an den Angeboten nicht mehr teilnehmen“, berichtet Kathrin Diehl. Gabriele Roettger ergänzt: „Unser Ziel ist es natürlich immer, dass die Menschen mobil bleiben, so lange wie möglich.“ Aber dafür braucht es Begleitung. Zeit. Hände.

Und genau hier setzt eine neue Idee an. Roettger und Diehl möchten einen ehrenamtlichen Besuchsdienst aufbauen. „Wir suchen Ehrenamtliche, die regelmäßig und zuverlässig einzelne Personen besuchen“, sagt Diehl. Es geht um Gespräche, um Schachpartien, ums Vorlesen. Um das gemeinsame Anschauen eines Fotoalbums. Vielleicht auch darum, mit dem Rollstuhl zum Rewe zu fahren und die Lieblingsschokolade selbst aus dem Regal zu nehmen oder in der Eisdiele auf der Fahrgasse zusammen ein Eis zu genießen.

Oft ist es einfacher mit etwas Abstand
„Einfach Dinge, für die das Personal im Haus schlicht keine Zeit hat“, sagt Diehl. „Jedem Senior würde es guttun, wenn er oder sie noch mal einen Begleiter hat.“ Denn Angehörige, so engagiert sie sind, stoßen an Grenzen. Viele sind berufstätig. Viele wohnen nicht in Dreieich. Und obwohl sie kommen: Ein Besuch ist nicht immer unbelastet. „Wenn der Besuchsdienst hört: ‚Sie waren gestern nicht da‘, kommt das ganz anders an als bei einer Tochter“, weiß Roettger: „Bei der Tochter klingt es sofort wie ein Vorwurf.“ Der ehrenamtliche Besuch dagegen hat einen anderen Klang. Mehr Abstand. Weniger alte Konfliktlinien.

Jetzt werden also Helfer gebraucht, Menschen, die eine sinnstiftende Aufgabe übernehmen möchten. Der geplante Besuchsdienst richtet sich nicht nur an Ruheständler. Auch Jugendliche, Berufstätige oder Menschen mit Migrationsgeschichte könnten sich engagieren. „Es ist nicht an ein Alter geknüpft“, betont Diehl. Es kann auch ein Jugendlicher sein, der sagt: „Ich spiele Schach, ich unterhalte mich, ich gehe mit einkaufen.“ Verbindlichkeit schreckt viele ab. Doch Diehl relativiert: „Auch einmal die Woche eine Stunde ist wunderbar. Es geht nicht darum, dass Einzelne viele Stunden haben, sondern dass viele Einzelne eine Stunde geben.“

Niemand werde ins kalte Wasser geworfen. Die Sozialarbeiterinnen des Hauses begleiten die Ehrenamtlichen, vermitteln Kontakte, stehen bei Fragen zur Seite. Geplant sind Austauschrunden und begleitende Gespräche. „Der erste Schritt kostet vielleicht noch etwas Überwindung“, sagt Diehl. „Aber Gemeinschaft entsteht nur, wenn jemand anfängt.“

Langfristig denken Roettger und Diehl sogar noch weiter. Aus dem Besuchsdienst heraus könnte eine Gruppe entstehen, die sich zur Hospizbegleitung ausbilden lässt. „Wir wollen kein Schaukeln in der Lebensendphase zwischen Krankenhaus und uns“, sagt Roettger. „Wir wollen hier gut begleiten.“ Hospizbegleitung bedeute nicht Pflege, sondern Dasein. „Es reicht manchmal, am Bett zu sitzen“, sagt Diehl. „Oder einfach die Hand zu halten.“ Die Idee: Wer bereits eine Patenschaft übernommen hat, kann einen Menschen auch in der letzten Lebensphase weiter begleiten. Aber natürlich ist diese Ausbildung nur ein Angebot.

Erste Helfer sind bereits gefunden
Der Besuchsdienst im Johanniter-Haus Dietrichsroth steht noch am Anfang. Zwei, drei Ehrenamtliche haben sich bereits gemeldet. Aber gebraucht werden deutlich mehr. „Wenn viele Menschen eine Stunde in der Woche schenken, ist schon ganz viel gewonnen“, sagt Kathrin Diehl. Sie ist überzeugt, dass dieses Ehrenamt ganz viel zurückgibt.NICOLE JOST

So können Sie helfen:
Wer sich vorstellen kann, regelmäßig einen Bewohner oder eine Bewohnerin zu besuchen – zum Gespräch, zum Spazierengehen, zum Vorlesen oder einfach zum Dasein – ist willkommen. Gesucht werden Ehrenamtliche jeden Alters, der Zeitaufwand ist flexibel. Es geht darum, Zeit zu schenken. Begleitung und Austausch durch die Fachkräfte im Haus sind vorgesehen. Interessierte können sich direkt an Kathrin Diehl wenden: kathrindiehljhg(at)gmail.com. NJO

Quellenangabe: Offenbach-Post vom 28.02.2026, Seite 35

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