Gießener Medical Intervention Car (GiMIC): Hoch spezialisiert für komplexe Notfälle
Gesundheitsministerium verlängert Pilotprojekt „Gießener Medical Intervention Car“ bis Ende 2027
Landkreis Gießen. Bei einem schweren Verkehrsunfall wird der Fahrer eines Kleinwagens lebensbedrohlich verletzt und verliert große Mengen an Blut. Der Einsatz ist so kritisch, dass die Zentrale Leitstelle des Landkreises Gießen als ergänzendes Einsatzmittel das Gießener Medical Intervention Car – kurz GiMIC – mit alarmiert. Eine Entscheidung, die das Überleben des Patienten rettet, da das Fahrzeug Blutkonserven mit sich führt. Nun hat das Hessische Gesundheitsministerium die vom Landkreis Gießen als Träger des Rettungsdienstes beantragte Fortführung des Pilotprojektes genehmigt - zunächst bis zum 31. Dezember 2027 und in der Hoffnung, dass das GiMIC auch danach weiterfahren wird.
Bislang ist das Projekt hessenweit einmalig, doch wenn es nach Professor Michael Sander geht, könnten die Fahrzeuge in Zukunft nicht nur in den mittelhessischen Landkreisen, sondern auch hessenweit zum Einsatz kommen. Sander ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) und begleitet das Pilotprojekt gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Alexander Schlier und Prof. Emmanuel Schneck sowie der Justus-Liebig-Universität (JLU) wissenschaftlich. Er ist überzeugt: „Über das GiMIC können wir flächendeckend eine exzellente Versorgung gewährleisten. Nach gut einem Jahr aktiver Laufzeit fühlen wir uns bestätigt, dass es eine richtige Entscheidung war, das Pilotprojekt auf den Weg zu bringen.“
GiMIC ergänzt bereits vorhandene Strukturen im Rettungsdienst
Damals war es die Idee von Dr. Schlier und Prof. Schneck, die insbesondere die präklinische Versorgung von kritisch erkrankten Kindern voranbringen wollten. Auch diese Patientengruppe kann über das GiMIC dank spezieller Ausstattung noch effizienter versorgt werden. Im Falle des Eingangsbeispiels waren es unter anderem die Bluttransfusionen, die das Überleben sicherstellen konnten. Hier zeigt sich: Das GiMIC ist kein Ersatz für bereits etablierte Rettungsmittel, es ergänzt die bereits vorhandenen Strukturen im Rettungsdienst und ist eine Unterstützung bei kritischen Verletzungen, die ohne das Sondereinsatzfahrzeug am Einsatzort nicht behandelbar wären.
Gestellt wird das Fahrzeug GiMIC von der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. (JUH). Stationiert ist es direkt am UKGM und dort im Rahmen der Experimentierklausel montags bis freitags von 7.30 bis 16 Uhr einsatzbereit. Im Falle eines Einsatzes sind einer von insgesamt acht Notärzten und einer von zehn Notfallsanitätern der JUH direkt vor Ort am UKGM. Die mittlere Ausrückezeit liegt bei zwei, die mittlere Eintreffzeit bei zwölf Minuten – laut Dr. Nils Lenz, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) beim Landkreis Gießen, eine „Meisterleistung der Klinik“, denn: „Die vorgeschriebene Ausrückezeit im Regelrettungsdienst liegt bei einer Minute, im Falle des GiMIC gibt es diese Vorschrift nicht; es ist beeindruckend, wie schnell die Kollegen im Ernstfall im Fahrzeug sitzen. Dies zeugt von einer hohen Professionalität.“
Insgesamt 73 mal wurde das GiMIC im Beobachtungszeitraum von 13 Monaten alarmiert, davon 62 mal im Landkreis Gießen und weitere 11 mal in den Nachbarlandkreisen. 19 mal wurde es auf der Anfahrt wieder abbestellt. Schlier bewertet dies als typische Erscheinung der Anfangs- und Etablierungsphase. Bei 39 der übrigen 54 Einsätze wäre die zusätzliche Alarmierung nicht zwingend nötig gewesen.
Wertvolle Erkenntnisse für die präklinische Notfallversorgung
Bei weiteren neun Einsätzen war die Lage so komplex, dass die Kollegen des GiMIC den Rettungsdienst fachlich und organisatorisch unterstützt haben. Schließlich gab es sechs Einsätze, bei denen erweiterte Maßnahmen wie Transfusionen per Schockkatheter, schwierige Intubation oder die differenzierte Beatmung eines Säuglings durchgeführt wurden. Insgesamt lag die durchschnittliche Einsatzdauer bei 31 Minuten.
Dass das Kooperationsprojekt von Landkreis, UKGM, Justus-Liebig-Universität und Johanniter-Unfall-Hilfe nun für weitere zwei Jahre laufen darf, bewerten alle Beteiligten als große Chance, denn: „Die Abläufe haben sich mit der Zeit immer besser eingespielt, Schulungsmaßnahmen für Rettungsdienst, Leitstellenpersonal und ärztliche Teams zeigen große Wirkung und die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten funktioniert sehr stabil“, bilanziert Dr. Florian Martens, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) beim Landkreis Gießen.
Auch Landrätin Anita Schneider und Kreisbrandinspektor Mario Binsch zeigen sich erfreut: „Es hat sich gelohnt, über die Experimentierklausel einen Antrag auf Einsatz des GiMIC zu stellen und nun zu verlängern, um so weitere wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der präklinischen Notfallversorgung im Landkreis Gießen zu gewinnen. Die Verlängerung der Pilotphase wird dazu dienen, die positiven Ergebnisse zu festigen und den Einsatz weiterzuentwickeln. Wir freuen uns, dass wir das Projekt gemeinsam mit unseren Partnern weiterführen können“, sagt Schneider. Binsch führt aus: „Es ist erkennbar und höchst erfreulich, dass die Überlebenschancen von schwerstverletzten Patienten erhöht und oftmals gesundheitliche Folgeschäden durch eine schnelle intensivmedizinische Versorgung reduziert werden konnten.“