Gemeinsam für mehr Chancengleichheit
Was brauchen Kinder, damit sie die besten Chancen auf ein gutes Aufwachsen haben? Mit dieser Frage beschäftigten sich rund 300 pädagogische Fachkräfte beim diesjährigen Kita-Fachkongress der Johanniter NRW in der Hagener Stadthalle.
Was brauchen Kinder, damit sie die besten Chancen auf ein gutes Aufwachsen haben? Und was brauchen Familien und pädagogische Fachkräfte, damit Chancengleichheit im Kita-Alltag gelingen kann? Mit diesen Fragen beschäftigten sich rund 300 pädagogische Fachkräfte aus Kindertageseinrichtungen und Offenen Ganztagsangeboten beim diesjährigen Kita-Fachkongress der Johanniter NRW in der Hagener Stadthalle.
Die Teilnehmenden lernten neue Perspektiven kennen und konnten konkrete Ideen für die tägliche pädagogische Arbeit entwickeln. Das übergreifende Thema des Fachkongresses, das die Arbeit in den mehr als 90 Johanniter-Kitas in NRW unmittelbar berührt: Chancengleichheit. "Unser Fachkongress möchte Sensibilität schaffen, Strukturen, Haltungen und Konzepte zu hinterfragen, sich damit zu beschäftigen, was die einzelnen Menschen brauchen an Unterstützung und welche Veränderungen notwendig und möglich sind", so Sylvia Steinhauer-Lisicki, Fachsystemische Projektleiterin Kindertagesstätten bei den Johannitern in NRW. Die eigenen Bedürfnisse, die der Kinder, des Teams, der Eltern und des Trägers zu kennen, zu reflektieren, einen sensiblen Umgang zu finden und immer wieder versuchen, sie in Einklang zu bringen, sei eine der wichtigsten Aufgaben für die Erziehenden im pädagogischen Alltag.
Landesvorstand Udo Schröder-Hörster begrüßte die pädagogischen Fachkräfte herzlich wie wertschätzend und betonte die große Bedeutung der frühkindlichen Bildung und Erziehung für die Kinder und die Zukunft unseres Landes: ”Kein heute ohne gestern, kein Morgen ohne heute: Kinder von heute sind die Entscheidungsträger von morgen. Seien Sie stolz auf das, was Sie tun.”
Drei Perspektiven auf eine zentrale Aufgabe
Drei Fachimpulse näherten sich dem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln:
Prof. Dr. Lorenz Narku Laing von der Evangelischen Hochschule Bochum beleuchtete rassismuskritisches Handeln im professionellen Kontext. Er spielte eingangs mit den Klischees, die jeder Mensch bewusst oder unbewusst hat, anhand von Fotos, die vermeintlich arabische Rapper, eine christliche Harvard-Professorin oder muslimische Sozialarbeiter zeigten – in Wirklichkeit aber Menschen aus ganz anderen Berufen, Kulturen und Religionen abbildeten. Und er erklärte "Männlichkeit und Weiß-Sein" als beherrschende Norm, die viele Jahrzehnte bewusst und unbewusst in deutschen Bildungseinrichtungen gelehrt werde – von Mozart über Goethe bis Einstein: "Wir haben in Schule und Kita eben nur männliche, weiße Musiker, Schriftsteller und Wissenschaftler kennengelernt." Narku Laing pointierte: “Zu sagen: 'Ich habe keine Vorurteile.' Das ist Quatsch. Viel besser ist: eine ehrliche Reflexion über unsere Vorurteile. Das ist viel lohnender, gerade mit Blick auf Kinder und ihre Familien und ihre Zukunft.” Dabei zitierte er aus vielen Studien, die die systematische Benachteiligung von Menschen mit Migrationsvorgeschichte durch Vorurteile in Deutschland belegten. Dagegen helfen "Leitlinien diskriminierungskritischer Professionalität", so Prof. Dr. Lorenz Narku Laing: Diskriminierungskritik müsste als Auftrag angenommen werden, damit Antidiskriminierung als Freiheit-, Emanzipations- und Selbstbestimmung gestaltet werden könne.
Florian Esser-Greassidis, Abteilungsleiter für Pädagogisches Management bei einem deutschlandweit tätigen Kita-Träger, richtete den Blick auf die Teams und ihre Mitglieder: Was gibt Hoffnung auf mehr Chancengleichheit? Was macht Mut – gerade unter herausfordernden Rahmenbedingungen? “Sie arbeiten offenbar im schlimmsten Beruf der Welt: Come in und burn out.”, lautete sein prägnantes EIigangsstatement. Doch das sei mediale Verzerrung: "Kita ist mehr als Krise." Jeder Tag in den Kitas bringe "Marmeladenglas-Momente", also besondere, schöne Momente zum Konservieren von Zuwendung, Überraschung und Herzlichkeit. Solche Momente seien ein wichtiger Baustein von persönlicher Resilienz. Esser-Greassidis warb engagiert für eine Neujustierung des – oft von Krise geprägten – Narrativs zu Kitas. Eine positive Kita sei auch gefüllt mit Chancen, Präsenz, Geduld, Zuversicht, Mut und Zeit: “Wenn wir endlich mit Haltung und Leidenschaft für unseren tollen Beruf werben, machen wir unsere Kita und die Welt für die Kinder besser.”
Esther Scheurle, Fachberaterin beim LWL-Landesjugendamt Westfalen-Lippe, zeigte auf, welche Bedeutung kommunale Präventionsketten im Einsatz gegen die Folgen von Kinder- und Jugendarmut haben, und wie sie Teil einer gesamtstrategischen Lobbyarbeit für Kinder und Familien sein können. So arbeitet in jeder Kommune eine Koordinatorin, die als Ansprechperson auch Kitas bei ihrer Netzwerkarbeit unterstützt. "Armut ist primär ein strukturelles und kein individuelles Problem! Das Risiko trifft insbesondere Alleinerziehende. Nach der Trennung tragen 88 Prozent der Frauen die Hauptverantwortung für die Kinder. Und nur 48 Prozent der Väter zahlen den Unterhalt vollständig und regelmäßig, und 35 Prozent gar nicht." Die Risikofaktoren für Armut seien vielfältig, darunter etwa der Bildungsstand der Eltern, psychische Krankheiten, Migrationshintergrund, Wohnort, Geschlecht oder Alter. Kinder und Jugendliche befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Eltern und erleiden damit unverschuldet am Lebensbeginn einen schweren Nachteil im Sinne der Chancen(un)gerechtigkeit.
Begegnung, Diskussion und Austausch
Neben den fachlichen Impulsen bot der Kita-Fachkongress viel Raum für Begegnung, Diskussion und den Austausch von Erfahrungen aus der Praxis. Denn Chancengerechtigkeit entsteht nicht allein durch Konzepte – entscheidend ist, wie pädagogische Fachkräfte bei ihrer Arbeit mit Kindern und Familien unterstützt werden und wie sie bei ihnen wirkt.
Das Fazit für den Tag: Chancengerechtes Aufwachsen ist eine gemeinsame Aufgabe – und die Johanniter-Kitas sind Orte, an denen dafür jeden Tag wichtige Grundlagen gelegt werden.