16.02.2026 | Johanniter-Schwesternschaft e.V.

Wenn das Leid nicht abstrakt bleibt

Passion Jesu, Pflegealltag und die Wahrheit menschlicher Verletzlichkeit

Foto: privat

Liebe Johanniterinnen und Johanniter,

„Das Eigentliche geschieht nicht am Anfang und nicht am Ende, sondern mitten in der Wegstrecke.“
Der brasilianische Schriftsteller João Guimarães Rosa wusste um die Tiefe menschlicher Übergänge. Seine Worte begleiten mich momentan auch persönlich. Einerseits bin ich in eine neue Lebensphase gewechselt, andererseits schärfen familiäre Bindungen nach Brasilien bei meinen Besuchen immer wieder meinen Blick dafür, wie Verwundbarkeit und Hoffnung dort gelebt werden.
Das Eigentliche geschieht nicht am Anfang oder am Ende, sondern mitten im Dazwischen – was Leben heißt. Mitten im Dazwischen – die eigentliche Lebenswirklichkeit. Die Passionszeit führt uns genau an diesen Ort: mitten hinein in die Verletzlichkeit des Menschseins. Sie erzählt nicht von einem fernen Leiden, sondern von einem Weg durch Angst, Ohnmacht, Erschöpfung und existenzielle Einsamkeit. Die Passion Jesu ist kein theologisches Lehrstück – sie ist eine Wahrheit über den Menschen. Und diese Wahrheit begegnet uns tagtäglich in unseren Krankenhäusern und Einrichtungen. Alltag der Pflege – Dem entscheidenden Augenblick auf der Spur, nachts auf der Station. Eine Patientin atmet unruhig. Die Pflegekraft bleibt einen Moment länger, richtet das Kissen, spricht leise und hält die Hand. Der Atem wird gleichmäßiger. Kein Anfang, kein Ende – nur dieser Zwischenraum, der trägt. Solche Augenblicke sind unspektakulär. Und doch sind sie entscheidend. Hier zeigt sich Pflege als Haltung: präsent sein, wo ein Mensch verletzlich ist. „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht.“ (Markus 14,34) In der Szene im Garten Gethsemane brennt genau dieser Ort: das Dazwischen, in dem nichts geklärt ist, aber jemand bleibt. Er bittet einzig um Nähe – einfach und doch so schwer. Das gemeinsame Aushalten des Augenblicks kostet Kraft – und schenkt Würde. Die Passion als Wahrheit über den Menschen Die Passionsgeschichte macht deutlich: Gott begegnet dem Menschen nicht jenseits seiner Verletzlichkeit, sondern in ihr. Der leidende Christus verklärt das Leiden nicht, er nimmt es ernst. Gerade im pflegerischen Alltag wird sichtbar: Verletzlichkeit ist kein Defizit. Sie ist die Grundbedingung von Beziehung. Wo Menschen einander brauchen, entsteht Verantwortung – und Sinn.

Einladung zur Passionszeit
Die Passionszeit lädt uns ein, hinzusehen, wo Menschen leiden, wahrzunehmen, wo Pflege mehr ist als Funktion, und zu erkennen, dass christliche Haltung nicht im Wegsehen besteht, sondern im
Dasein. 
Paul Tillich fasst diese Überzeugung eindrücklich zusammen: „Der Glaube hat den Mut, das Leben zu bejahen, auch dort, wo es zerbrechlich geworden ist.“ Aus dieser Haltung leben wir – aus Liebe zum Leben.

Ich wünsche uns eine gesegnete Passionszeit.

Ihr Bernd Kollmetz
Seelsorger und Pfarrer i.R. und Fördermitglied der Schwesternschaft