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“Nah sein und Empathie zeigen: Das reicht oft schon aus”

Dies ist die Geschichte der Ukrainerin Victoria Novicova aus Saporischschja. Nach ihrer Flucht hat sie beschlossen, ihre berufliche Erfahrung als Psychologin zu nutzen, um Geflüchtete in der Republik Moldau zu unterstützen. Victoria ist Teil des mobilen Psychologenteams der Organisation CASMED, welche durch die Johanniter-Auslandshilfe unterstützt wird.

Erst geflüchtet und nun wichtige Stütze für ihre Mitmenschen: Victoria bei ihrer Arbeit als Psychologin in Moldau.

Ich bin ein Mensch, eine Tochter, eine Mutter, eine Großmutter, eine Freundin, eine Psychotherapeutin und auch eine Ukrainerin - leider habe ich erst in letzter Zeit begonnen, auf Letzteres stolz zu sein. Mein Leben ist ziemlich erfolgreich verlaufen: Ich hatte einen Job, den ich liebe, meine Kunden, einen erwachsenen Sohn und sogar einen Enkel. Vor einiger Zeit hatte ich sogar angefangen zu reisen. Dann kam der 24. Februar.

Um fünf Uhr morgens rief mich mein Sohn an und sagte: "Wach auf, wir werden beschossen, es herrscht Krieg!” Während ich jetzt darüber schreibe, spüre ich, wie mir die Tränen kommen. Aber damals bin ich schnell aufgestanden und habe angefangen, wie ein Roboter Sachen zusammenzusuchen: Dokumente, Schmuck und etwas Bargeld. Als das erledigt war, setzte ich mich hin und wusste nicht, was ich als nächstes tun sollte. Mein Sohn rief wieder an und sagte: "Mama, komm zu uns. Ich glaube, du, Dascha und Eric (meine Schwiegertochter und mein Enkel) müssen gehen." Ich fragte nicht, wohin.

Ich fand ein Klebeband und begann, die Fenster damit abzukleben. Ich weiß nicht einmal mehr, woher ich diese Idee hatte. Dann habe ich mich angezogen und bin mit einem einzigen Rucksack losgezogen.

Flucht vor den Explosionen

Ich verbrachte eine Woche mit meinen Kindern. Bei jedem Luftalarm stiegen wir gehorsam in den Keller hinab, auch mitten in der Nacht. Mein Enkel wurde launisch und entwickelte sogar einen nervösen Tick. Etwa eine Woche später beschlossen wir zu gehen. Wir hatten nicht einmal einen Plan, wohin wir gehen sollten, wir wollten einfach nur der Stadt entkommen. Wieder geschah es ganz plötzlich nach einer Nacht: Am Morgen tankten wir auf, nahmen zwei weitere Benzinkanister mit und fuhren einfach den Fluss Dnjepr entlang. Ich habe nichts gespürt - das war wohl meine Art der Bewältigung. Aber in mir brodelte es, und ich hatte ein unangenehmes Gefühl im Magen, so wie man es vor einer Prüfung hat, fast wie Übelkeit.

Wir fuhren ohne Halt an Dnipro und Kryvyi Rih vorbei, aber mit jedem Kilometer wurde der Verkehr dichter. Meine größte Angst war, dass der Sprit ausgehen und ich mitten in der Nacht mit dem Kind irgendwo stehen bleiben würde. Ich fuhr ohne Unterbrechung etwa 500 km bis nach Umani. Allein für die letzten 25 km brauchten wir zehn Stunden. Wir hielten nur für ein paar Stunden an, um ein Nickerchen am Straßenrand zu machen; neben anderen Autos und, wie sich herausstellte, neben einem Friedhof.

Wir sprachen nicht darüber, wohin wir fahren würden, aber ich hatte Polen im Sinn. Als wir in Winniza vor uns Explosionen hörten, geriet ich in Panik. Ich fühlte mich gefangen: Es gab keinen Weg nach vorne und kein Zurück mehr. Außerdem erhielten wir nach einer dreistündigen Schlange an der Tankstelle nur 20 Liter Sprit, das ist nichts. Der Alarmton in Umani war verzweifelnd für mich: Ich weinte und fühlte mich völlig hilflos.

Am nächsten Morgen beschlossen wir, die nächstgelegene Grenze anzusteuern, nämlich Mohyliv-Podilskyi. Diese Entscheidung machte es uns leichter. Es dauerte eine weitere schlaflose Nacht, bis wir die Grenze nach Moldau überqueren konnten. Nachdem wir in einem Kloster in Otaci übernachtet hatten, machten wir uns auf den Weg nach Chisinau und Balti. In Balti hatten wir das Glück, in Dumbrava Alba aufgenommen zu werden. Es war das Ende unserer Reise mit einem Zimmer, warmem Wasser und sogar Essen. Wir fühlten uns rundum zufrieden.

Hilfe für Mitmenschen aus der Ukraine

Das mobile Team von CASMED gibt Geflüchteten Halt und hilft ihnen, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.

Nachdem ich mich eine Woche lang ausgeruht hatte, begann ich mit der Arbeitssuche: Wenn man eine solche Unterstützung erhält, ist es wichtig, auch andere zu unterstützen, sich eingebunden zu fühlen, auch wenn man weit weg von zu Hause ist. Die Arbeitsagentur bot mir einige Stellen als Psychologin an, und so bin ich bei CASMED gelandet.

Meine ersten Begegnungen mit Menschen aus der Ukraine waren sehr beunruhigend: Ich wusste nicht, ob sie mein Mitgefühl, meine Sympathie und mein Verständnis annehmen würden. Als Psychologin wusste ich, dass es dazu Bereitschaft und Vertrauen braucht. Es half, dass ich eine von ihnen war - wir saßen alle im selben Boot. Am Anfang war es eine emotionale Herausforderung. Selbst jetzt fällt es mir schwer, meine Tränen zurückzuhalten, wenn ich manche Leute höre: Ich glaube, mein Mitgefühl für sie vermischt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Aber dann spürt man, dass man etwas erreicht hat, vor allem wenn man sieht, wie die Menschen innerlich auftauen und anfangen, ihre Gefühle zu leben, anstatt sie zu unterdrücken.

Natürlich haben sie anfangs Angst, sich diesen Gefühlen zu stellen. Aber wenn sie wissen, dass sie nicht allein sind und jemanden haben, der ihnen zur Seite steht und mitfühlend ist, wird es für sie leichter. Sie konnten ihre Sorgen mit jemandem teilen, dem es genauso ging, der auch Angst um seine Angehörigen und sein Zuhause hatte, der sich manchmal auch hilflos und verzweifelt fühlte.

Gemeinsam trauern und gegenseitig unterstützen

Eine junge Frau hat mich heute auf dem Weg zur Arbeit angerufen. Es war Tatiana. Sie war sehr glücklich und dankbar und hat mich umarmt. Sie ist mit zwei Kindern hier. Ihr Vater, der in Odessa geblieben war, ist kürzlich gestorben, und sie konnte nicht einmal zu seiner Beerdigung gehen. Als wir uns vor ein paar Tagen trafen, war sie in einem schlimmen Zustand: Sie traute sich nicht, ihren Kindern zu sagen, dass ihr Großvater gestorben war, und erlaubte sich nicht, um ihn zu trauern, weil sie sie nicht erschrecken wollte. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie und wann sie es tun sollte. Das sei eine große Erleichterung gewesen: Sie trauerten gemeinsam, Seite an Seite. Sie unterstützten sich gegenseitig. Und es war sowohl für mich als auch für sie ein glücklicher Moment.

Ich bin eine systemische Familientherapeutin und kann verschiedene Methoden anwenden, aber ich weiß, dass das Wichtigste ist, einfach nah zu sein und Empathie zu zeigen. Das allein reicht anfangs oft schon aus.

Die Geschichte wurde von unserem Partner CASMED übersetzt und uns zur Verfügung gestellt. Danke dafür!

Die Johanniter und „Aktion Deutschland Hilft“ rufen zu Spenden für die Betroffenen der Ukraine-Krise auf:
Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
Stichwort: „Ukraine“
IBAN: DE94 3702 0500 0433 0433 00 (Bank für Sozialwirtschaft)

Aktion Deutschland Hilft
Stichwort: „Ukraine“
IBAN: DE62 3702 050000001020 30 (Bank für Sozialwirtschaft)

Hinweis an Redaktionen:
Interviewpartner der Johanniter stehen zur Verfügung.

Nothilfe Ukraine

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