Uganda: “Eine Frau durch Gewalt zu kontrollieren gilt als legitim”

Berlin / Kampala, 07. Dezember 2020

Im Rahmen der Aktionstage gegen Gewalt an Frauen machen wir auf die Situation in einigen unserer Projektländer aufmerksam. In unserem dritten Interview berichtet Atwiine Muhindi Catherine, Programmkoordinatorin unserer Partnerorganisation ACORD, über die Situation für Geflüchtete und die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Frauen in Uganda.

Atwiine Muhindi Catherine, Programmkoordinatorin unserer Partnerorganisation ACORD aus Uganda

Uganda gilt als Zielland vieler Geflüchteter aus der Region. Oft ist sexualisierte Gewalt ein Grund für die Flucht. Sind sie in Uganda davor geschützt?

Uganda beherbergt derzeit 1,4 Millionen Geflüchtete und Asylsuchende aus den Nachbarländern Südsudan, Demokratische Republik Kongo, Burundi, Somalia und Ruanda. 81% davon sind Frauen und Kinder. Dort erleben sie nicht nur als Geflüchtete verschiedene Formen der Diskriminierung und Rechtsverletzungen, sondern auch als Frauen und Kinder. Geschlechtsspezifische Gewalt findet in Form von Vergewaltigung, weiblicher Genitalverstümmelung, physischem, psychischem und emotionalem Missbrauch, Kindesheirat oder sexuelle Belästigung statt. Hinzu kommt, dass die Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind, ungleiche Machtverhältnisse existieren oder ein Zusammenbruch von Institutionen der sozialen Kontrolle und Ordnung stattfindet. Geflüchtete haben kaum mehr Handlungsspielraum und haben wenige Optionen. Die extremen Bedingungen, denen sie also während der Vertreibung, Flucht und Umsiedlung ausgesetzt sind, verschärfen die geschlechtsspezifische Gewalt eher.

Was sind die größten Probleme und Herausforderungen in Bezug auf geschlechtsspezifische Gewalt?

Kulturelle Rigidität und Machtungleichgewichte. Die Wahrnehmungen und Einstellungen der Gemeinschaften sind immer noch stark von traditionellen Kulturen geprägt. In Uganda werden Männer den Frauen als überlegen angesehen und sind die alleinigen Ernährer der Familie. Infolgedessen verfügen sie über das gesamte Vermögen. Oft bezahlen sie sogar einen Brautpreis für ihre Ehefrauen, dadurch wird sie als Eigentum des Mannes angesehen. Bei Meinungsverschiedenheiten neigen Männer dazu, ihre Frauen zu verprügeln. Eine Frau durch Gewalt zu kontrollieren gilt als legitim. Unsere Kulturen haben zum Machtverlust und zur mangelnden Kontrolle von Frauen über Besitz und soziale Netzwerke beigetragen und damit die Verletzlichkeit von Frauen und Mädchen erhöht. Hinzu kommt, dass die zunehmende Armut von Frauen in Uganda dazu führt, dass sie noch stärker von ihren Männern abhängig sind. Deshalb melden viele Frauen die Gewalt nicht, die ihnen von ihren Ehepartnern angetan wird. Wenn sie doch Anzeige erstatten, fehlt es der Polizei an den nötigen Fähigkeiten und an finanziellen Mitteln, um die Fälle ausreichend zu untersuchen. Es herrscht Straflosigkeit. Darüber hinaus fehlt es an wichtigen Einrichtungen wie beispielsweise Notunterkünfte, in denen Überlebende untergebracht werden können und in denen sie Beratung und Unterstützung erhalten. In der Justiz fehlt es an spezialisierten Gerichten, in denen Fauen gefahrlos ihre Fälle vortragen können.

Geschlechtsspezifische Gewalt umfasst sowohl Gewalt gegen eine Person aufgrund ihres Geschlechts als auch Gewalt, die unverhältnismäßig häufig Personen eines bestimmten Geschlechts trifft. Geschlechtsspezifische Gewalt kann körperlicher, sexueller oder  psychologischer Natur oder eine Kombination dieser Formen sein. Dazu zählt u.a. häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung sowie Gewalt und Belästigung im Internet. Geschlechtsspezifische Gewalt gibt es weltweit. Obwohl sowohl Männer als auch Frauen von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind, handelt es sich bei der Mehrheit der Opfer um Frauen.

Flüchtlingssiedlung Kyangwali: Die Fluchtsituation erhöht das Risiko von gender-basierter Gewalt für Frauen und Mädchen

Welche Auswirkungen hatte unter diesen Voraussetzungen die Corona-Pandemie auf die gegenwärtige Situation von Frauen?

Die Verwundbarkeit der Frauen hat sich massiv erhöht. Viele Frauen waren mit ihren gewaltbereiten Partnern quasi gefangen, von ihren Unterstützungsnetzwerken isoliert und hatten keinen Zugang zu grundlegenden Diensten. Die Bedenken bezüglich des Einkommens, der Gesundheit und der Sicherheit verschärften die intrafamiliären Spannungen noch zusätzlich. Mehrere Frauenrechtsorganisationen und Kinderrechtsverfechter, darunter die Uganda Association of Women Lawyers, haben aufgrund des Lockdowns einen Anstieg der Vorfälle häuslicher Gewalt und Gewalt gegen Kinder verzeichnet. Die ugandischen Nachrichten waren in den Wochen des Lockdowns voll von Berichten über Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt.

Wie helfen Sie den Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt?

Es ist wichtig, eine umfassende Unterstützungsstruktur aufzubauen, die die Opfer direkt befähigt und sie ermutigt, ihre Stimme zu erheben. Nur durch Aufklärung und Kapazitätsaufbau kann der gewünschte Wandel eingeleitet werden. ACORD verfolgt hier den Ansatz von Frauen- und Jugendräumen, in denen der Informationsaustausch, die Bildung und die psychosoziale Unterstützung von Überlebenden ermöglicht werden. Dabei ist es entscheidend, eine emotionale und psychosoziale Unterstützung anzubieten, die in Form einer freien, persönlichen und vertraulichen Interaktion stattfindet, die vollständig auf die Überlebenden ausgerichtet ist und den Fokus auf das Recht der Frauen legt, vor geschlechtsspezifischer Gewalt geschützt zu werden.

Wichtig ist außerdem, die sozialen Normvorstellungen zu verändern. Dies erfordert ein nachhaltiges Engagement in lokalen Gemeinden und institutionellen Strukturen. Kulturelle und religiöse Persönlichkeiten könnten dies beispielsweise mit begleitenden Medienkampagnen und durch zivilgesellschaftliche Interessenvertretung unterstützen. Auf der einen Seite mobilisiert ACORD verschiedene Interessengruppen, um über geschlechtsspezifische Gewalt und Gewalt gegen Frauen offen zu reden. Dies trägt zum Abbau von Stigmatisierung, Missverständnissen und Diskriminierung bei. Auf der anderen Seite hilft die SASA-Methodik, traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit herauszufordern. Sie ermutigt die Gemeindemitglieder, über die positiven Auswirkungen eines Machtausgleichs zwischen Männern und Frauen nachzudenken.

Ein weiteres Ziel ist die Bereitstellung rechtlicher Unterstützung. Hierbei müssen wir uns für die Beendigung der Straflosigkeit einsetzen. Die Opfer brauchen Gerechtigkeit für den ihnen zugefügten Schaden. Gesetze und Regeln sollten wirksam umgesetzt werden, um potenzielle Straftäter abzuschrecken. ACORD bietet den Überlenden bei Bedarf finanzielle Hilfe an, um die entsprechenden Dienste nutzen zu können. Zusammen tragen diese verschiedenen Ansätze dazu bei, Gewalt auf eine umfassende Weise zu bekämpfen.

Unser Engagement in Uganda
Gelüchtete mit Kind

Unser Engagement in Uganda

Erfahren Sie hier, wie wir Geflüchtete und aufnehmende Gemeinden unterstützen.

Mehr lesen

Teil Eins unserer Interview-Reihe

Auch in Ecuador setzen wir uns zusammen mit unserer Partnerorganisation “Fundación de Mujeres de Sucumbíos”  gegen geschlechtsspezifische Gewalt ein. In unserem Interview warnt Amparo Peñaherrera, eine der Mitarbeiterinnen der Organisation, vor den Auswirkungen der derzeitigen Corona-Pandemie, durch die sich die Situation für viele Frauen deutlich verschlimmert habe. 

Teil Zwei unserer Interview-Reihe

Auch in Kambodscha setzen wir uns zusammen mit unserer Partnerorganisation “Women Peace Makers"  gegen geschlechtsspezifische Gewalt ein. In unserem Interview beschreibt Suyheang Kry, die Leiterin der Organisation, warum geschlechtsspezifische Gewalt in dem asiatischen Land so weit verbreitet ist und was ihre Organisation dagegen tut.