Internationaler Frauentag: „Ich wollte meinem Vater zeigen, dass Frauen führen können.“

Phnom Penh, 08. März 2019

Die beiden Frauen Chan Sokha (35) und Suyheang Kry (32) leiten jeweils eine Partnerorganisation der Johanniter in Kambodscha. Dabei sind sie Ausnahmen, denn bis heute wird die Rolle der Frauen in Kambodscha nur zaghaft über altbekannte Muster gestellt: Hausfrau statt Akademikerin, Mutter statt Führungskraft. Besonders Familien sind Kontrollorgane über traditionelle Gendernormen. Der Durchbruch durch eine solche "gläserne Decke", um eine weibliche Führungskraft zu werden, war für sie kein leichter Kampf. Von einer Gender-Balance ist das Land weit entfernt.

Chan Sokha (li.) arbeitet seit 2005 für Khmer Community Development (KCD) und ist heute Direktorin der NGO. Suyheang Kry (re.) leitet Women Peace Makers seit 2016. Foto: Johanniter

Das Motto des diesjährigen Frauentags steht für mehr Gender-Balance. Wie sieht die Balance in Kambodscha aus?

Suyheang: Sehr begrenzt in fast allen Bereichen, vor allem auf Entscheidungsebenen. Beispielsweise liegt der Frauenanteil in der Nationalversammlung bei weniger als 20 Prozent. Nicht nur die Präsenz ist gering, sondern auch die Mitwirkung bei bedeutenden Entscheidungen. Frauen sind definitiv unterrepräsentiert.

Sokha: In den ländlichen Gemeinden beschränkt sich die Rollenwahrnehmung der Frau meist auf ihre Funktion als Mutter, Ehefrau oder Hausfrau. Gender-Balance hieße dort tatsächlich, aus diesem Rahmen auszuscheren und den Frauen mehr Verantwortung zu geben; sie studieren zu lassen oder Dinge zu tun, die sie möchten. Für dieses Umdenken setzen wir uns auf dem Land ein.

Wie ist dort die Offenheit gegenüber dem Thema Gender und der Wille für Veränderungen?

Suyheang: Das Thema Gender wird heute offen diskutiert, im Gegensatz zur Zeit nach dem Konflikt in den 90er Jahren, als der Begriff "Gender" weder akzeptiert noch verstanden wurde. Die Umsetzung in Richtung substantieller Gleichstellung in allen Bereichen ist jedoch weitreichend.  Die Gewalt gegen Frauen, das mangelnde Bewusstsein und der Wille, solche negativen Geschlechternormen in Frage zu stellen, sind nur einige dringende Herausforderungen. Eine von fünf Frauen leidet in Kambodscha unter genderbasierter Gewalt, also entweder physisch oder sexuell. Jede Dritte erleidet emotionale Gewalt. Eine Umfrage in 2010 ergab, dass ein Drittel der lokalen Autoritäten und der Polizei glaubte, dass es plausible Rechtfertigungen für Gewalt gegen Frauen seitens des Ehepartners gibt. In solch einer patriarchalischen Gesellschaft glaubt dann auch die Hälfte der betroffenen Frauen, dass Gewalt gegen sie in Ordnung sei. Immerhin gibt es mittlerweile zahlreiche Initiativen, die das Bewusstsein und die gesetzlichen Rahmenbedingungen gegen solche Übergriffe zu verändern suchen.
Sokha: Um diese Sichtweise aufzubrechen und zu verändern, haben wir vor allem begonnen, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten. Sie sind offener und können der älteren Generation zeigen, das Mädchen genauso viel erreichen können wie Jungen, und sie lernen ihre Rechte kennen.

Chan Sokha: "Mädchen erleben, dass sie etwas tun können und erfahren Anerkennung." ©Johanniter

Das Thema Gender auf die Agenda zu bekommen und Veränderungen zu erreichen, sind langwierige Prozesse, für den man einen langen Atem benötigt, oder?

Sokha: Ja, das dauert lange, aber die Erfolge lassen sich sehen. Wir arbeiteten beispielsweise zehn Jahre an der Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam. Die Eltern dort sagten uns, dass besonders ihre Mädchen nichts machen können, wenn sie mal erwachsen seien. Doch wenn diese sich in unseren Peace Clubs* engagierten und eine höhere Schulbildung erreichten, nahmen die Eltern die Möglichkeiten wahr. Statt ihre Kinder früh für die Arbeit von der Schule zu nehmen, erkennen sie Bildung als Grundstein an. Rund 60 Prozent der Club-Mitglieder sind Mädchen von acht bis 16 Jahren. Sie erleben dort, dass sie etwas für ihre Gemeinde tun können und erfahren Anerkennung.

Ihr leitet beide eure jeweiligen NGO. Wie war der Weg dorthin?

Suyheang: Ich kämpfe für Gleichberechtigung besonders in der Familie, seit ich ein kleines Mädchen war, um das zu werden, was ich heute bin. Ich wuchs in einer konservativen Familie auf, die von Armut und Kriegstrauma gezeichnet war. Obwohl die Schulbildung von Mädchen damals noch nicht geschätzt wurde, setzte ich mich durch und wurde das einzige von fünf größeren Geschwistern, das seinen Abschluss machte. Dennoch wünschte sich meine Mutter immer, dass ich ein Junge wäre, damit ich dann "fliegen" kann. Aber ich glaube, dass Frauen auch "fliegen" können, wenn man sie selbst entscheiden lässt.  Als ich meine Schwestern und alle Frauen um mich herum sah, wurde mir klar, dass nur Bildung mich aus dem Teufelskreis von Armut und Gewalt befreien kann.

In meiner Familie sind heute alle außer mir in der Geschäftswelt tätig. Meine soziale Arbeit fiel aus dem Rahmen und untermauerte den Jungen-Wunsch meiner Eltern. Selbst mit 23 Jahren, als ich bereits meinen Weg der Konflikttransformation eingeschlagen hatte, fragten sie mich, wann ich denn heiraten würde und dass es doch an der Zeit wäre. Alle anderen Hochzeiten in meiner Familie wurden arrangiert, aber ich traf meine eigene Wahl. Ich glaube immer daran, dass ich Sein kann, wenn ich die gleichen Gelegenheiten und die dafür notwendigen Mittel erhalte. Also nahm ich die Führungsposition in unserer Organisation an, um mein volles Potenzial auszuschöpfen, aber auch, um meinen Vater herauszufordern und ihm zu zeigen, dass Frauen führen können. Mit meiner Überzeugung, Ausdauer und meinen Leistungen hat meine Familie nun allmählich die von mir getroffene Entscheidung unterstützt und glaubt daran.

Suyheang Kry: "Von Frauen wird verlangt, wie ein Mann abzuliefern." ©Johanniter

Ist das allein dein Schicksal oder eben auch das anderer Frauen?

Suyheang: Alle Frauen – ob auf Gemeindebasis oder in Ministerien – haben dieselben Probleme. Egal wie beschäftigt du bist: als Mutter hast du dich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Ich erinnere mich an eine außergewöhnliche und respektierte Lehrerin in einem Dorf, die Schulleiterin werden sollte. Sie lehnte ab, weil sie vor sieben Uhr morgens für das Frühstück zuständig war, zur Mittagszeit ebenfalls kochen musste und nicht zusätzliche Zeit in einem Büro oder auf Treffen verbringen konnte. Auf allen Ebenen erhalten sie persönlich viel Druck, wenn sie einen anderen Weg einschlagen. Von Frauen wird beruflich verlangt, wie ein Mann abzuliefern. Wir müssen so agieren wie jemand, der zuhause keine Kinder hat. Eine eigene Rolle haben Frauen oft nicht. Deshalb brauchen wir mehr Gender-Gerechtigkeit.

Sokha: Meine Erfahrungen sind ähnlich. Du musst täglich kämpfen, um deine Ziele zu erreichen und jedes Mal den Menschen zeigen, dass du es auch kannst. Man muss sich sein Selbstvertrauen bewahren, ohne geht es nicht. Ich erinnere mich an die Uni-Zeit, als ich mich bereits als Freiwillige sozial engagieren wollte. Meine Familie war dagegen. In dieser Zeit war es Frauen kaum möglich, zur Schule zu gehen oder zu arbeiten. Die Nachbarn von unserem Haus begannen zu flüstern: „Diese Frau ist schlecht. Vielleicht hat sie Probleme, oder einen Freund…“ Sie beschwerten sich bei meinem Vater und er dann bei mir. Für mich gab es fast keine Unterstützung und die Rüge meines Vaters war demotivierend.

Also sind vor allem die Familienstrukturen für die fehlende Gender-Gerechtigkeit verantwortlich?

Suyheang: Familien sind in Kambodscha ein Kontrollkörper. Deswegen sind Frauengruppen für uns so wichtig. Wir können nicht nach Hause gehen und dort sagen, wie anstrengend und schwierig unser Tag war. Wenn du dich beschwerst, dann kündige. Das ist die Einstellung, die einem entgegenschlägt. Meine Erfahrung ist allerdings, dass Familie in Änderungsprozesse einbezogen werden sollte. Heute erfahren alle meine Nichten und Neffen eine höhere Schulbildung. Sie sehen mich als Vorbild, denn entgegen einem alten Khmer-Spruch einer Frau gehe ich "weit und tauche tief" und habe mich von diesen unsichtbaren Fesseln befreit. Ich denke, deshalb erleben wir im Vergleich zu den 90er Jahren Fortschritte.

Interview: Tommy Ramm

Peace Clubs: KCD gründet und unterstützt so genannte Peace Clubs, um vor allem Jugendliche im kambodschanisch-vietnamesischen Grenzgebiet zusammen zu bringen. Seit Jahrzehnten herrschen Vorurteile und Ablehnung zwischen beiden Bevölkerungsruppen, bedingt durch vergangene kriegerische Auseinandersetzungen und Grenzverschiebungen. Die Peace Clubs haben in den vergangenen Jahren gesellschaftlich engagierte Menschen hervorgebracht, die sich in ihre Gemeinden einbringen und als Multiplikatoren positiv einwirken. Dadurch werden Spannungen abgebaut und das Zusammenleben gefördert.

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Ihr Ansprechpartner Sandra Lorenz - Fachbereichsleiterin Kommunikation Auslandshilfe

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