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Experteninterview: Warum das neue Lungenkrebsscreening die Früherkennung entscheidend verbessern kann

Mit dem bundesweiten Lungenkrebsscreening steht erstmals ein strukturiertes Früherkennungsprogramm für Menschen mit einem erhöhten Risiko zur Verfügung. Internationale Studien belegen, dass Lungenkrebs durch den Einsatz einer Niedrigdosis-Computertomografie (CT) häufig in einem Stadium entdeckt werden kann, in dem deutlich bessere Behandlungsmöglichkeiten bestehen.

Doch warum ist diese Entwicklung so bedeutend? Welche Erkenntnisse haben zur Einführung des Screenings geführt? Und welche Fragen beschäftigen Patientinnen und Patienten besonders häufig?

Im Interview spricht Dr. Nikola Anselm, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie und leitender Oberarzt für pulmonale Onkologie an den Johanniter-Kliniken Bonn, über die Chancen der modernen Lungenkrebsfrüherkennung, räumt mit verbreiteten Missverständnissen auf und erklärt, warum eine individuelle Beratung durch den Hausarzt vor dem Screening so wichtig ist.

Von der Beratung bis zur Befundung. In fünf einfachen Schritten zum Lungenkrebsscreening.

Herr Dr. Anselm, das Lungenkrebsscreening ist derzeit ein viel diskutiertes Thema. Warum ist die Einführung ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Krebs?

Lungenkrebs zählt nach wie vor zu den Krebserkrankungen mit der höchsten Sterblichkeit. Das liegt vor allem daran, dass die Erkrankung häufig erst entdeckt wird, wenn bereits Beschwerden auftreten und der Tumor weiter fortgeschritten ist. Mit dem neuen Screening haben wir erstmals die Möglichkeit, Menschen mit einem erhöhten Risiko gezielt zu untersuchen, bevor Symptome entstehen. Das eröffnet deutlich bessere Chancen für eine erfolgreiche Behandlung. Denn je früher wir den Lungenkrebs erkennen, desto höher sind die Heilungschancen.

Warum wird Lungenkrebs oft erst spät erkannt?

Das Tückische an Lungenkrebs ist, dass die Erkrankung in frühen Stadien meist keine oder nur sehr unspezifische Beschwerden verursacht. Husten, Kurzatmigkeit oder eine verminderte Leistungsfähigkeit werden häufig anderen Ursachen zugeschrieben – beispielsweise dem Rauchen selbst oder dem Älterwerden. Deshalb suchen viele Betroffene erst ärztliche Hilfe, wenn die Symptome schwerwiegender werden und der Tumor bereits fortgeschritten ist.

Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert, dass heute ein Lungenkrebsscreening empfohlen wird?

In den vergangenen Jahren wurden mehrere große internationale Studien veröffentlicht, die eindeutig zeigen konnten, dass ein strukturiertes Lungenkrebsscreening Leben retten kann. Durch moderne Niedrigdosis-CT-Untersuchungen lassen sich selbst kleine Veränderungen zuverlässig erkennen – bei gleichzeitig geringer Strahlenbelastung. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden die Grundlage für die Einführung des Screenings.

Viele Menschen verbinden eine Krebsfrüherkennung mit Unsicherheit oder sogar Angst. Erleben Sie das auch in Ihrer täglichen Praxis?

Ja, diese Sorgen begegnen uns regelmäßig – so wie bei Darmspiegelungen und anderen Vorsorgeuntersuchungen auch. Viele Menschen haben Angst davor, dass bei der Untersuchung etwas entdeckt werden könnte. Gleichzeitig erleben wir aber auch, dass sich viele Patientinnen und Patienten nach einem ausführlichen Beratungsgespräch deutlich sicherer fühlen. Wichtig ist außerdem: Nicht jeder auffällige Befund bedeutet automatisch Krebs. Viele Veränderungen sind gutartig und können zunächst einfach kontrolliert werden. Es geht hier ja nicht nur um Intervention, sondern eben auch um Prävention. 

Welche Rolle spielt die persönliche Beratung vor dem Screening?

Aus meiner Sicht ist die Beratung bei einer Hausärztin oder einem Hausarzt ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Programms. Gemeinsam wird besprochen, ob die Voraussetzungen für ein Screening erfüllt sind und welche individuelle Risikosituation vorliegt, aber auch, wie eine Behandlung abläuft und wo ihre Grenzen liegen. Ziel sollte es sein, dass jede Patientin und jeder Patient eine gut informierte Entscheidung treffen kann.

Viele Menschen glauben, ein normales Röntgenbild der Lunge sei ausreichend, um Lungenkrebs zu erkennen. Warum ist das nicht der Fall?

Ein Röntgenbild kann zwar größere Veränderungen darstellen, für die Früherkennung sogenannter Lungenrundherde oder kleiner Lungentumoren ist es jedoch nicht empfindlich genug. Ein Niedrigdosis-CT liefert hier deutlich detailliertere Bilder. Bereits sehr kleine Veränderungen werden sichtbar, die auf einem Röntgenbild häufig (noch) nicht erkennbar wären.

Was bedeutet ein auffälliger Befund für die Betroffenen?

Zunächst einmal bedeutet ein auffälliger Befund nicht automatisch, dass eine Krebserkrankung vorliegt. Gerade bei ehemaligen oder langjährigen Raucherinnen und Rauchern finden sich häufiger kleine Veränderungen in der Lunge, die gutartig sein können. Entscheidend ist deshalb eine sorgfältige Beurteilung und – falls erforderlich – die weitere Abklärung. Ich rate hier dazu, sich an ein zertifiziertes Zentrum zu wenden, da die Vernetzung und die Expertise entscheidend sind.

Welche Bedeutung hat dabei die Erfahrung des behandelnden Teams?

Die Erfahrung spielt eine große Rolle. Die Bewertung kleinerer Lungenveränderungen erfordert Expertise und erfolgt nach klar definierten medizinischen Kriterien. Gleichzeitig profitieren Patientinnen und Patienten davon, wenn Radiologie, Pneumologie, Thoraxchirurgie und Onkologie interdisziplinär eng zusammenarbeiten. So kann für jeden Befund die individuell beste Empfehlung ausgesprochen werden. 

Zertifizierte Zentren, wie das regionale Lungenkrebszentrum, das auch dem Onkologischen Zentrum Bonn/ Rhein-Sieg & Partner, zugehörig ist, können gleichzeitig auf ein großes Partnernetzwerk zurückgreifen. Gemeinsame Fallbesprechungen und die etablierte Zusammenarbeit sorgen für eine bestmögliche Therapie.  

Was möchten Sie Menschen mitgeben, die überlegen, am Lungenkrebsscreening teilzunehmen?

Ich würde jedem empfehlen, sich zunächst ausführlich beraten zu lassen. Das Screening richtet sich gezielt an Menschen mit einem erhöhten Risiko. Es kann eine wertvolle Möglichkeit sein, Lungenkrebs frühzeitig zu entdecken. 

Der Anspruch an die eigene Gesundheit sollte, wie bei jeder Vorsorge, die Angst vor einem auffälligen Befund überwiegen. Denn: Eine früh erkannte Erkrankung eröffnet häufig deutlich bessere Behandlungsmöglichkeiten als eine Diagnose zu einem späten Stadium. Genau deshalb ist die Früherkennung ein so wichtiger Baustein der modernen Krebsmedizin.

Zum Abschluss: Wie sehen Sie die Zukunft der Lungenkrebsfrüherkennung?

Ich bin überzeugt, dass das Lungenkrebsscreening in den kommenden Jahren einen festen Platz in der Krebsprävention einnehmen wird. Entscheidend wird sein, möglichst viele anspruchsberechtigte Menschen über dieses Angebot zu informieren und ihnen den Zugang zu einer qualitätsgesicherten Diagnostik zu ermöglichen.

Je früher wir Lungenkrebs erkennen, desto größer sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung und Heilung.