Für Geflüchtete
Zehn Jahre nach Beginn der großen Fluchtbewegungen ist aus der akuten Nothilfe ein langfristiges Engagement geworden. In zwei Interviews berichten Stefanie Dunkel-Janßen und Anne Ernst, welche Erfahrungen die Johanniter gewonnen haben und warum Integration, verlässliche Strukturen und nachhaltige Unterstützung auch künftig entscheidend bleiben.
Verlässliche Hilfe und Solidarität
Geflüchteten langfristig helfenDie Würde eines jeden Menschen ist für uns nicht verhandelbar — sie bestimmt unseren Umgang miteinander. Nur mit Offenheit und echter Solidarität kann Gemeinschaft gelingen. Dieses Selbstverständnis prägt insbesondere unsere Arbeit mit Geflüchteten. Bereits seit der Startphase entwickeln und realisieren wir neben Unterkünften auch Sprachkurse, Beratungsangebote und kommunale Projekte für Neuankommende. Diese werden auch zukünftig fester Bestandteil unseres langfristigen Engagements sein. Denn mit Blick auf die weltweite sicherheitspolitische Lage ist es wahrscheinlich, dass auch in Zukunft Menschen aus Krisengebieten nach Deutschland kommen werden. Deshalb ist es aus unserer Sicht unerlässlich, Kapazitäten für die Unterbringung und Beratung von Geflüchteten aufrechtzuerhalten.
Zahlen und Fakten
Es geht nicht nur um gute Unterbringung und Betreuung, sondern auch um verlässliche und langfristige Integrationsarbeit, die Geflüchteten hilft, in Deutschland anzukommen. Gute Integrationsarbeit baut auch Ängste in der Aufnahmegesellschaft ab.
„Aus Tegel kann man vieles lernen!“
Begleitende Integrationsarbeit
Stefanie Dunkel-Janßen war Projektleiterin für den Einsatz der Johanniter in der Ankunfts- und Notunterbringungseinrichtung auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel (ANo TXL). Nach der Schließung im Dezember 2025 blickt sie auf mehr als drei intensive Jahre zurück.
Welche Aufgaben hatten die Johanniter in der ANo TXL?
Wir waren in Tegel für die sozialen Dienste, für die Sprachmittlung und den Ankunftsbereich (Hub) verantwortlich. Später kamen Freizeitangebote und die Koordinierung der Ehrenamtlichen hinzu. Betrieben wurde die ANo TXL vom DRK.
Wie groß war Ihr Team?
Das Team bestand aus etwa 300 hauptamtlichen Johannitern, die in drei Schichten rund um die Uhr gearbeitet haben. Außerdem haben uns Ehrenamtliche unterstützt, darunter auch viele Bewohnerinnen und Bewohner. In Hochphasen haben insgesamt ca. 1.400 Menschen in Tegel gearbeitet.
Wie hat sich die Einrichtung über die Jahre verändert?
Tegel öffnete kurz nach Kriegsbeginn im März 2022, ursprünglich für drei Monate. Es zeichnete sich aber schnell ab, dass der Zustrom von Geflüchteten aus der Ukraine nicht so schnell abreißen würde. Also wurde die Laufzeit um drei Monate verlängert. Aber auch danach war an Schließung nicht zu denken, weil das Angebot an Wohnungen und Unterkünften in Berlin nicht ausreichte. Im Oktober fiel die Entscheidung, in Tegel auch Asylsuchende unterzubringen und zu betreuen. Die ANo TXL zog von Terminal A und B in das ehemalige Impfzentrum in Terminal C um. Zusätzlich wurden 42 Leichtbauhallen und drei Containergebäude errichtet. Am Ende war Tegel wie eine kleine Stadt. Zeitweise haben hier bis zu 5.500 Gäste gleichzeitig gelebt. Insgesamt wurden 110.000 Übernachtungsgäste aus 99 Nationen versorgt.
Welche Angebote zur Unterstützung von Geflüchteten gab es?
Sehr viele! Zum einen die Übersetzung von Gesprächen zwischen Geflüchteten und Mitarbeitenden ‒ bei alltäglichen Fragen, in Konfliktsituationen, bei Arztbesuchen oder Behördengängen. Nicht nur auf Ukrainisch, sondern in bis zu 26 Sprachen. Unsere Fachkräfte der sozialen Dienste haben durchschnittlich 100 Beratungen pro Tag durchgeführt. Dazu gehörten beispielsweise psychosoziale Angebote und die Unterstützung für verschiedene Zielgruppen, Hilfe bei der Wohnungs- und Jobsuche sowie regelmäßige Sprechstunden der Beschwerdestelle. Außerdem gab es vielfältige Freizeitangebote wie Kino, Karaoke, Sport, kreative Gestaltung. Wir hatten eine Bibliothek, einen Basketballplatz und eine Garten-AG.
Worin unterschied sich die ANo TXL von anderen Notunterkünften?
Bisher hatten wir es bei der Unterstützung für Geflüchtete hauptsächlich mit jungen Männern zu tun. Jetzt kamen zum Teil große Familien, Frauen mit Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit Behinderungen. Viele hatten ihre Haustiere dabei, darunter Hunde, Katzen, aber auch Schlangen und Schildkröten. Darauf waren wir nicht vorbereitet.
Was waren die größten Herausforderungen?
Die ersten drei Monate waren sehr herausfordernd. Räume, Zuständigkeiten und Akteure haben sich ständig verändert. Andererseits fand ich es beeindruckend zu sehen, wie gut die Zusammenarbeit der verschiedenen Gewerke funktioniert hat. Das war ein sich selbst organisierendes System. Rückblickend verbinde ich damit ein sehr positives Gefühl.
Welche Schwierigkeiten hatten die Gäste?
In einer Notunterkunft dieser Größe ist es eng und laut, und es gibt kaum Privatsphäre. Das führte natürlich auch zu Konflikten. Ein Thema, das viele Gäste als problematisch empfunden haben, war das Essen. Wir hatten zwar einen Caterer vor Ort. Langfristig ist die gewohnte Küche jedoch ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit. Deshalb haben wir uns an Nachbarschaftszentren gewandt und organisiert, dass Geflüchtete dort selbst kochen konnten.
Was würden Sie heute anders machen?
Am Anfang haben wir unterschätzt, wie belastend die Situation auch für viele Mitarbeitende war. Ganz besonders für Helfende mit ukrainischen Wurzeln. Wenn Arbeit und Privatleben verschwimmen, stößt man früher oder später an seine Grenzen. Heute würden wir schneller reagieren, um die Mitarbeitenden zu stärken, zum Beispiel durch spezielle Schulungen zu Nähe und Distanz.
Was ist von der ANo TXL geblieben?
Viele ehemalige Mitarbeitende sind weiterhin gut vernetzt und kommen zum regelmäßig stattfindenden Stammtisch des Regionalverbandes Berlin. Einige sind weiterhin ehrenamtlich für die Johanniter tätig, andere sind zum Beispiel in den Hausnotruf, den Schlüsseldienst, die Jugendhilfe oder in neue Projekte der Johanniter gewechselt. Auch das Projekt Sprachmittlung ist aus Tegel heraus entstanden.
Was nehmen Sie persönlich aus dieser Zeit mit?
Für mich persönlich war die Arbeit eine tolle Bereicherung. So eine Aufgabe hat man nur einmal im Leben. Wir waren ein stabiles, vertrauensvolles Team und haben viele Erfahrungen gesammelt: Welche Angebote tragen zur Deeskalation bei? Welche psychosoziale Versorgung brauchen Menschen, insbesondere Schutzbedürftige, in Ausnahmesituationen? Wie organisieren wir die Sprachvermittlung und wie binden wir eine große Zahl von Ehrenamtlichen ein? Sollte es noch einmal eine so große Fluchtbewegung geben, kann man aus diesem Projekt vieles lernen!
Von der Nothilfe zum langfristigen Engagement
10 Jahre Unterstützung für GeflüchteteSeit 2015 begleiten die Johanniter Menschen, die in Deutschland Schutz suchen. Aus der anfänglichen Nothilfe ist ein langfristiges Engagement geworden. Anne Ernst blickt auf die Entwicklung der Flüchtlingshilfe zurück, spricht über die Herausforderungen der vergangenen Jahre und erklärt, warum Integration und verlässliche Strukturen auch künftig unverzichtbar bleiben.
Wie haben Sie die Ankunft der Geflüchteten 2015 erlebt?
Ich erinnere mich zunächst an die furchtbaren Nachrichten aus Ländern wie Syrien, wo viele Menschen nach Jahren des Krieges keine Alternative zur Flucht sahen. Und an die positive gesellschaftliche Grundstimmung und große Hilfsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung, als schließlich viele Geflüchtete bei uns ankamen. Die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden der Johanniter standen sofort bereit, um zu helfen, und haben die Arbeit vor Ort mit allen Kräften unterstützt. Das war ein echter Kraftakt, getragen von einem großen Zusammenhalt.
Was waren die größten Herausforderungen?
In dieser ersten Zeit wurden wir von den Kommunen und Ländern in der Regel sehr kurzfristig gebeten, Messe- oder Turnhallen innerhalb von wenigen Tagen in Unterkünfte für Geflüchtete umzufunktionieren. Manchmal war es schwierig, an Material zu kommen. Feldbetten etwa waren plötzlich europaweit nur zu horrenden Preisen ehältlich. Außerdem mussten wir Sanitätsdienste, Beratung, Lebensmittelversorgung, Reinigung und Sicherheit organisieren. Qualifiziertes Personal zu finden, war nicht einfach. Wichtig war und ist, dass wir von Beginn an viele Mitarbeitende aus den Herkunftsländern der Geflüchteten gewinnen konnten. Das waren Menschen aus 80 unterschiedlichen Herkunftsstaaten.
Durch den Krieg in der Ukraine wurde Deutschland erneut zum Zufluchtsland. Waren Sie dieses Mal besser vorbereitet?
Unser Bereich „Flucht & Migration“ war zu diesem Zeitpunkt bereits gut etabliert und wir hatten bundesweit viel Wissen gesammelt – auch mit den notwendigen Kooperationspartnern. So wurden wir vielerorts wieder angesprochen, Notunterkünfte aufzubauen. Im Vergleich zu 2015 waren unter den Geflüchteten dieses Mal deutlich mehr Frauen, Kinder und ältere Menschen. Wir standen vor neuen Fragen: Wie können wir den Pflegebedarf der Menschen decken? Auch die Kinderbetreuung und die Integration in das Bildungssystem waren große Themen.
Wie blicken Sie in die Zukunft?
Die Nothilfe für in Deutschland ankommende Geflüchtete ist für uns mittlerweile zum langfristigen Engagement geworden. Weil wir davon ausgehen, dass die Zahl der Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weltweit weiterhin hoch bleiben wird, halte ich es für wichtig, in einem gewissen Umfang Kapazitäten für die Unterbringung und Betreuung von Geflüchteten aufrechtzuerhalten. Und nach wie vor gilt: Wir brauchen Integrationsarbeit, die den Geflüchteten das Ankommen in Deutschland ermöglicht und sie mit der Aufnahmegesellschaft zusammenbringt.
Menschen stärken. Ein Leben lang.
Weitere Themen entdecken2025 hat gezeigt, wie wichtig verlässliche Hilfe und Zusammenhalt sind. Blicken Sie mit uns auf ein Jahr zurück, in dem wir Johanniter unsere Arbeit fortgeführt und neue Impulse geschaffen haben.
Sicherheit beginnt mit Vorbereitung
Fokusthema Resilienz
Mit neuen Konzepten für den Bevölkerungsschutz stärken wir Johanniter die Resilienz unserer Gesellschaft und bereiten Menschen darauf vor, in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben.